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Reale Gefahr

Die Digitalisierung verändert fast alle Lebensbereiche. Vor welche Herausforderungen sie die internationale Sicherheitspolitik stellt, erklärt die Juristin, Publizistin und IT-Expertin Yvonne Hofstetter in ihrem Buch „Der unsichtbare Krieg“.

Anfang des Monats hat ein Hackerangriff die größte Pipeline der Vereinigten Staaten von Houston bis New York lahmgelegt. Die Betreiberfirma Colonial nahm daraufhin bestimmte Systeme vom Netz, um die Bedrohung zu reduzieren. Durch ihre Rohrleitungen werden täglich etwa 2,5 Millionen Barrel an Benzin, Diesel, Kerosin und andere Erdölprodukte transportiert, fast die Hälfte aller an der amerikanischen Ostküste verbrauchten Kraftstoffe. In mehreren US-Bundesstaaten kam es daraufhin zu Lieferengpässen, so dass an vielen Tankstellen kein Benzin mehr erhältlich war. Die Knappheit führte zu einem Anstieg der Spritpreise, die den höchsten Stand seit 2014 erreichten.

Die Bundespolizei FBI machte eine Hackergruppe namens „Darkside“ für die Attacke verantwortlich. Die Angreifer hatten eine Ransomware verwendet. Dabei handelt es sich um ein Schadprogramm, mit dem es gelingt, Computersysteme zu sperren und zu verschlüsseln – sowie von den Nutzern Geld zu erpressen. Während die Pipeline vergangene Woche wieder ihren Betrieb aufnahm, war nach wie vor unbekannt, wie viel Lösegeld „Darkside“ von Colonial wollte und ob etwas gezahlt wurde. Aus dem Weißen Haus hieß es, dass nicht nur von einem „kriminellen Akt“ auszugehen sei, sondern dass alle Hinweise mit Blick auf eine mögliche Verwicklung staatlicher Akteure geprüft würden.

Die Cyberattacke zeigt einmal mehr, wie verwundbar Unternehmen und Staaten gegenüber Angriffen dieser Art sind.

Die Cyberattacke zeigt einmal mehr, wie verwundbar Unternehmen und Staaten gegenüber Angriffen dieser Art sind. Letztere stellen eine ständige Gefahr dar, auf die Yvonne Hofstetter in ihrem jüngsten, im vergangenen Jahr in einer Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung erschienenen Buch „Der unsichtbare Krieg“ hinweist. Mit „Das Ende der Demokratie“ zeigte sie bereits 2014, „wie künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt“, und in dem im selben Jahr erschienenen „Sie wissen alles“ analysiert die Autorin, die nach eigenen Angaben kein Smartphone und keinen Facebook-Account hat sowie zur Datensparsamkeit aufruft, „wie intelligente Maschinen in unser Leben eindringen und warum wir für unsere Freiheit kämpfen müssen“. Das äußerst informative Buch hat mir schon damals die Augen geöffnet – in einer Phase, als die Snowden-Enthüllungen zeigten, dass wir die Kontrolle über unsere Daten verloren zu haben scheinen und dass die eigentliche Gefahr von intelligenten Algorithmen ausgeht, die analysieren, prognostizieren und eben kontrollieren.
Schon damals hat Hofstetter, die zu den Initiatoren der Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union gehört, für eine neue Gesetzgebung und eine gesellschaftliche Debatte darüber plädiert, was der Mensch in Zukunft sein will. Doch die Zeit nahm ihren Lauf. Im Jahr 2015 wurde durch eine Cyberattacke auf Informationssysteme von drei ukrainischen Energieunternehmen die Stromversorgung in der Westukraine für mehrere Stunden unterbrochen. Als mutmaßliche Angreifer wurde die russische Hackergruppe „Sandworm“ ausgemacht. Das Internet war zu diesem Zeitpunkt längst zum Schauplatz eines versteckten Krieges geworden, den Yvonne Hofstetter den „unsichtbaren Krieg“ nennt.
Sie selbst sei von Computerkriminellen erpresst, bestohlen und gehackt worden, obwohl sie für die Sicherheit ihres Rechners gesorgt hatte, schreibt die Juristin, die mehrere Jahre in führenden Unternehmen der Informationstechnologie und Rüstungsindustrie gearbeitet hat. Die Autorin, einst Geschäftsführerin der auf die Auswertung von Big Data spezialisierten Teramark Technologies GmbH, nennt aber auch andere Beispiele wie Dropbox: „Der Datenspeicher wurde angegriffen und die E-Mail-Daten der Nutzer gestohlen.“ Ein anderes Beispiel ist die Hotelkette Marriott: „Adressen von 500 Millionen Hotelgästen wurden entwendet, viele Kreditkartendetails eingeschlossen – auch ich bin Kundin bei Marriott.“ Sie weist darauf hin, dass nur wenn die Bank Verdacht schöpft, der Kontoinhaber keinen unmittelbaren finanziellen Verlust erleidet.

Dass die Digitalisierung zunehmend das gesellschaftliche und private Dasein bestimmt, zählt mittlerweile zu den Allgemeinplätzen. Aber ebenso beherrschen KI und Digitalisierung den Arbeitsalltag und die Politik. Wissenschaft, Wirtschaft und Medien sind ohne die digitalen Netzwerke nicht mehr funktionsfähig. Die Gesellschaft verwandelt sich gewissermaßen in einen sozialen Megacomputer. „Das macht uns angreifbar“, warnt Hofstetter. Sie nennt das Beispiel „WannaCry“, ein Schadprogramm für Windows, das im Mai 2017 für einen großen Cyberangriff genutzt wurde und bei dem mehr als 230.000 Computer in 150 Ländern infiziert wurden, die nicht mit einem bestimmten Patch versehen waren – um Lösegeldforderungen zu stellen. Ganze Informationssysteme in Krankenhäusern waren lahmgelegt. Die betroffene Sicherheitslücke bei Microsoft war dabei lange nur dem US-Auslandsgeheimdienst NSA bekannt, der selbst Opfer eines Datenklaus wurde: Eine Hackergruppe namens „Shadow Brokers“ hatte die geheimen Informationen gestohlen und im Internet veröffentlicht. Kurz darauf schlug WannaCry zu.
Selbst Regierungen können die Auftraggeber von digitalen Attacken sein. Sie bedienen sich privater Helfer, um online zu spionieren oder Sabotageakte durchzuführen. Der Angriff auf die Marriott-Kette soll von chinesischen Hackern verübt worden sein. Im Auftrag der Regierung in Peking? Diese streitet die Angriffe ab. Die Beeinflussung des US-Wahlkampfes 2016 durch russische Hacker ist ein anderes Beispiel. Die Computerexperten verschiedener Geheimdienste arbeiten mit Programmen, die ihren Gegnern schweren Schaden zufügen können. Während die Militärs Schutzmaßnahmen entwickeln, bleiben Unternehmen oder Behörden von wirtschaftlich starken, aber militärisch schwachen Staaten besonders gefährdet. Sie haben eine digitale Achillesferse und sind kaum darauf vorbereitet. Ihnen fehlt die Möglichkeit zum digitalen Gegenschlag. Umso öfter werden sie lahmgelegt. Denn sie sind verwundbar gegenüber Hackern und Trollen. Die digitale Gefahr lauert ständig und überall. Sich als Staat zu wehren, ist schwierig, denn bisher hat das Völkerrecht keine Antwort darauf. Selbst hoch entwickelte Länder können angegriffen werden.

Mit der Digitalisierung durchlaufe auch die Kriegsführung die nächste Stufe, schreibt Hofstetter. „Für Politik und militärische Gewaltausübung sind die allgegenwärtige Vernetzung, unsere permanente Ansprechbarkeit, die Geschwindigkeit der Kommunikation und immer intelligenter werdende Maschinen lohnende Mittel einer Art ‚Soft War‘.“ Es ist ein Krieg, der bereits begonnen hat. Niemand hat ihn erklärt. Die hybride Kriegsführung besteht aus Täuschungsaktionen, Desinformation und Meinungsmache in den sozialen Netzwerken. Oder noch mehr ein „Surrogat-Krieg“, der es einer Regierung erlaubt, „auf klassische militärische Mittel zu verzichten und dennoch Kriege zu führen“ und ohne Kriegserklärung Konflikte auf dem „Schlachtfeld der Umgebungsintelligenz“ auszutragen. Außerdem können Computerviren gezielt Infrastrukturen lahmlegen: wenn Züge stehen bleiben oder die Energieversorgung zum Erliegen kommt. Ein weiterer Schritt wäre der Einsatz autonomer Drohnen und Roboter. Die KI übernimmt dann das Kommando.
Durch die Vernetzung von allem mit allem zum Internet of Everything erfasst das digitale Wettrüsten auch die physische Welt, die noch smarter werden wird als unsere Smartphones, smarten Häuser oder Autos: Kampfroboter, Drohnenschwärme, intelligente Implantate, vernetzte Nuklearwaffen und hypersonische Trägerplattformen intelligenter Munition, die ihre Ziele mit einer Überschallgeschwindigkeit von bis zu 33.000 Stundenkilometern innerhalb weniger Minuten erreichen. Die Ausbreitung des „Internet of Everything“ macht die Mittel des Krieges im 21. Jahrhundert unüberschaubar.

web_urheber3002831_2130818_Print-KopieDann sind wir nicht unmittelbar physischer Gewalt ausgesetzt, aber leben mit dem ständigen Gefühl einer diffusen Bedrohung.
– Yvonne Hofstetter

Yvonne Hofstetter trifft in ihrem Buch eine thematische Auswahl: Das erste Kapitel beginnt damit, dass Staaten digital spionieren und sanktionieren; im zweiten geht es darum, wie der Informationsraum des 21. Jahrhunderts die Gesellschaft spaltet und den Humus für den Aufstieg von Demagogen bildet; das dritte Kapitel handelt von autonomen Waffensystemen, die aus dem Nichts auftauchen, ihren ‚Kill Cycle‘ aktivieren und ohne menschliches Zutun töten können; wie das Völkerrecht zur Verteidigung in digitalen Zeiten steht, wird im vierten Kapitel erörtert; das fünfte Kapitel zeigt die Unterschiede zwischen dem Westen einerseits und China und Russland andererseits, was die Digitalstrategien angeht; die KI wird als Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts für mehr Wettbewerbsfähigkeit eingesetzt, dort für die politische und militärische Kontrolle wirtschaftlich relevanter Ressourcen – zwischen beiden Systemen ist Europa herausgefordert. Der Kontinent ist stärker auf sich selbst gestellt. Wie Europa eine eigene Weltpolitik formulieren und auch leben kann, zeigt das sechste Kapitel.

„Der Diebstahl der Microsoft-Sicherheitslücke bei der NSA ist mit dem Diebstahl einiger Tomahawk-Raketen beim US-amerikanischen Militär vergleichbar“, schlussfolgert Microsoft-Präsident Brad Smith. Wenn im 21. Jahrhundert zur Waffe wird, was nicht zum klassischen Waffenarsenal früherer Jahrzehnte gehört, weil es sich um neue Technologien handelt, ist es Zeit zu reflektieren, wie sich die Natur des Krieges durch die Digitalisierung verändert und unser Verständnis von Krieg und Frieden fundamental infrage stellt. Die geostrategischen Machtverhältnisse werden sich fundamental verändern. Auf den Zweiten Weltkrieg folgten der Kalte Krieg mit seiner Politik von Wettrüsten und Abschreckung und die Schaffung des militärisch-industriellen Komplexes in den Vereinigten Staaten. Auf den Kalten Krieg, in dem die atomaren Waffen schwiegen, folgten der Krieg gegen den Terror und jetzt der Cyberkrieg. Demnach wäre der Zustand, mit dem wir täglich leben, „kein vollkommener Frieden, sondern ein täglich bedrohtes Stillhalten, das sich nie ganz sicher sein kann vor einer Eskalation“, konstatiert Hofstetter. „Dann sind wir nicht unmittelbar physischer Gewalt ausgesetzt, aber leben mit dem ständigen Gefühl einer diffusen Bedrohung und der Möglichkeit, die Gewalt könnte sich eines Tages unerwartet körperlich manifestieren und jeden von uns treffen. Dann wären Macht und Gewalt, Frieden und Krieg doch nicht trennscharf gegeneinander abgrenzbar.“

Wir leben also in einem „diffusen Dauerzustand zwischen den beiden Situationen – eben in einem Kontinuum einer hybriden Lage.“ Bereits ohne den digitalen Fortschritt waren Kriege in den vergangenen Jahrzehnten zu „Neuen Kriegen“ geworden, wie der deutsche Politologe Herfried Münkler in seinem gleichnamigen Buch feststellte. Die klassischen interstaatlichen Kriege wurden von den Konflikten innerhalb einzelner Staaten abgelöst. Sie werden nicht mehr durch Regierungen ausgelöst, sondern durch nichtstaatliche Akteure, ihre Strategie ist asymmetrisch. Hofstetter schreibt: „Die Macht der Staaten ist angeschlagen. Im 21. Jahrhundert sind sie Angriffen ausgesetzt, mit denen sie nicht rechnen, die aber verheerende Auswirkungen haben.“
So wie ein einziger Schweizer Bankmitarbeiter, der Kundendaten auf eine CD-ROM kopiert und sie an fremde Regierungen weiterverkauft, das Schweizer Bankgeheimnis zu Fall bringen kann, so fließen Softwarecodes frei durch das Internet, „mit denen Einzelne nicht nur Angriffe auf kritische staatliche Infrastrukturen durchführen, sondern auch Waffen bauen können, etwa mit Hilfe von 3D-Druckern.“ Terroristen können über Internet-Foren weltweit Kämpfer rekrutieren. Kostenlose offene Quellcodes für künstliche Intelligenz ermöglichen böswilligen Akteuren, algorithmische Waffensteuerungen zu bauen.

Der jüngste Angriff auf die Ölpipeline war die dritte große Cyberattacke auf die USA in den vergangenen Monaten: Im Dezember war die Software des Unternehmens SolarWinds Ziel und damit Tausende Regierungsrechner, und im März Microsofts E-Mail-Dienst Exchange betroffen. Hinter dem ersten Fall werden russische Hacker vermutet, hinter dem zweiten chinesische. Der Cyberwar ist längst Realität.

Fotos: Gregor Fischer (re:publica), Heimo Aga, Verlag Droemer

web_Hofstetter-KopieYvonne Hofstetter – Der unsichtbare Krieg: Wie die Digitalisierung Sicherheit und Stabilität in der Welt bedroht. Droemer. München 2019. Bundeszentrale für politische Bildung.
Bonn 2020.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Dario Herold

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