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Reißleine

Das Kreuzband ist das besterforschte Band im menschlichen Körper. Die Zahl der Kreuzbandverletzungen wächst dennoch stetig und immer mehr Jüngere sind davon betroffen. Was steckt hinter dieser Knieverletzung?

Nach einer Viertelstunde kam das Spiel abrupt zum Stopp. Im Mittelfeld waren die Luxemburger Kapitänin Soares und die Österreicherin Kirchenberger zusammengerauscht. Den ersten Eindruck eines unscheinbaren Zweikampfes widerlegten die schmerzgeladenen Schreie der Österreicherin in der gleichen Sekunde. Minuten vergingen, bis die 28-Jährige mit Tränen in den Augen vom Platz getragen wurde. Zu dem Zeitpunkt saß auf der Luxemburger Auswechselbank eine Spielerin, der dieses Schicksal besonders naheging. Kim Olafsson kennt Kirchenberger nicht nur aus gemeinsamen, vergangenen Frankfurter Zeiten. Olafsson weiß auch selbst, wie es ist, nach einer Verletzung vom Platz getragen zu werden. Rund eine Stunde später feierte die 23-Jährige mal wieder ihr Comeback. Ihre so vielversprechende Karriere wird nunmehr seit Jahren von schweren und komplizierten Verletzungen bestimmt.

„Natürlich habe ich mich in dem Moment unwohl gefühlt“, gibt die reflektierte Sportwissenschaftsstudentin wenige Tage später und immer noch sichtlich berührt zu. Ihre eigene Verletzungsakte ist mittlerweile unübersichtlich. Die Bandage am linken Knie ist ein Attest: „Es ist zum Teil zur Stabilisierung, zum Teil aber auch für meinen Kopf. Ich fühle mich sicherer damit.“ Die Leidensstory begann 2017. In einem Freundschaftsspiel mit dem 1. FFC Frankfurt (mittlerweile Eintracht Frankfurt) wurde die damals 18-Jährige komplett unnötig weggegrätscht – auf Kniehöhe. Die Diagnose: Kreuzbandriss. Neun Monate kurierte die Stürmerin die Verletzung. Danach das erste Comeback. Folgen sollten zwei weitere Verletzungen und Operationen am linken Knie werden.

„Wenn die Leute von einem Kreuzbandriss sprechen, ist das oft nur die halbe Wahrheit“, erklärt Romain Seil, leitender Orthopäde des Sportklinikums im CHL Eich. Die ganze Wahrheit ist eine Art Verstauchung des Knies, bei der neben den Kreuzbändern auch die Menisken, Innen- und Außenbänder in Mitleidenschaft gezogen werden können. „Der Riss des Kreuzbandes ist die meist schwerwiegendste Konsequenz der Verletzung. Durchschnittlich geht man davon aus, dass ein Knie durch eine Kreuzbandverletzung auf einen Schlag zehn bis zwanzig Jahre älter wird.“ Doch damit nicht genug. Das Risiko von Folgeverletzungen und Langzeitfolgen ist erschreckend. „Zehn Jahre nach der Verletzung entwickeln 70 Prozent der Patienten Arthrose im Knie. Ungefähr 30 Prozent der Menschen, die vor ihrem 18. Lebensjahr eine Kreuzbandverletzung erleiden, werden im weiteren Verlauf ihres Lebens eine zweite erleben.“

Auf einmal stand ich im Rehazenter neben einer Oma und habe die gleichen Übungen gemacht wie sie. Kim Olafsson

Behandelt wird die Verletzung meist operativ. „Abhängig von den Ambitionen des Patienten kann auch eine konservative Behandlungsmethode vorgezogen werden“, erklärt Dr. Seil. Mindestens genauso wichtig wie die direkte Behandlung ist jedoch die Rehabilitation. „In der Reha wurden bei mir die größten Fehler gemacht“, erinnert sich Olafsson. „Vor meiner Verletzung habe ich jeden Tag mit den Ambitionen auf eine Profifußballkarriere trainiert. Auf einmal stand ich im Rehazenter neben einer Oma und habe die gleichen Übungen gemacht wie sie.“ Eine schlechte oder unpassende physiotherapeutische Behandlung sei nur schwer zu korrigieren, erklärt Dr. Seil: „Ein typischer Problemfall ist beispielsweise, dass das Knie nach einer OP nicht genug bewegt wird. Dadurch entwickeln sich Verklebungen, die nur noch sehr schwer aufzulösen sind.“ Alles in Allem ist ein Patient nach einer OP noch rund neun Monate mit dem Wiederaufbau seiner Leistungsfähigkeit beschäftigt und das ohne Garantie: „In 90 Prozent der Fälle kann der Sportler wieder zurück zu seinem Originalsport. Viel weniger schaffen es jedoch zurück auf das Topniveau.“

Das gerissene Kreuzband (links) kann operativ wieder zusammengenäht werden (rechts).

Das gerissene Kreuzband (links) kann operativ wieder zusammengenäht werden (rechts).

Erschreckend sei aber vor allem, dass die Problematik immer weiter zunimmt: „Das Problem wird immer präsenter und die Patienten immer jünger.“ Dabei ist das Kreuzband mit mehr als 30.000 wissenschaftlichen Veröffentlichungen das besterforschte Band des menschlichen Körpers. Dass die Verletzung trotzdem immer häufiger auftritt, versucht Dr. Seil an zwei Faktoren zu erklären: „Erstens müssen wir beobachten, dass das allgemeine Motorikniveau der Kinder und Jugendlichen sich verschlechtert hat, und zweitens wird oft in organisierten Sportinstanzen zu wenig Wert auf Prävention und die richtige Regeneration gelegt.“ Grundsätzlich unterscheidet die Wissenschaft zwei Risikogruppen: Skifahrer und Sportler aus Pivot-Kontakt-Sportarten, wie Fußball, Basketball, Handball oder auch Rugby.

Diese Risikogruppen spiegeln sich auch zeitlich in der Verletzungshäufigkeit wider: „Grundsätzlich gibt es zwei Spitzen. Einmal Anfang Herbst, wenn ein Großteil der Sportmeisterschaften beginnt, und einmal im Winter in der Ski-Saison.“ Pro Jahr zählt Luxemburg mittlerweile rund 4.500 Kreuzbandrisse, schätzt Dr. Seil. Eine erschreckend hohe Zahl, die nochmal deutlich schlimmer erscheint, wenn man bedenkt, dass ein Großteil der Verletzungen zu verhindern wäre. „Es ist nachgewiesen, dass man bis zu 50 Prozent aller Kreuzbandverletzungen mit der richtigen Präventionsarbeit hätte verhindern können. Dabei bedarf es auch keinesfalls eines riesengroßen Trainingsprogrammes.“ Häufig seien es simple Übungen, die das Knie so weit stabilisieren, dass das Verletzungsrisiko deutlich minimiert wird.

In 90 Prozent der Fälle kann der Sportler wieder zurück zu seinem Originalsport. Nur die Wenigsten schaffen es jedoch zurück auf das Topniveau. Dr. Romain Seil

Seil-DSC_9092hiresEin komplett anderes Problem ist die Komplexität der Diagnostik. „Es bedarf eines Spezialisten, um einen Kreuzbandriss richtig zu diagnostizieren“, erklärt Dr. Seil. Häufig komme es zu Fehldiagnosen in beide Richtungen. Das Problem sei, dass Luxemburg – wie die meisten anderen Länder auch – nicht über genügend Spezialisten verfüge, um jederzeit schnelle Diagnosen stellen zu können. Auch deswegen rät der Orthopäde selbst im einfachen Verdachtsfall: „Ruhighalten und Kühlen ist immer sinnvoll. Je nach Schwere der Schmerzen kann auch das Laufen auf Krücken bis zur endgültigen Diagnose helfen.“ Damit in Zukunft weniger Fehldiagnosen gestellt werden, wurde in Frankreich und Luxemburg in den vergangenen Jahren an einer App gearbeitet, die Generalisten das Diagnostizieren vereinfachen soll. „Es handelt sich dabei um eine App mit fünf Fragen, die der Patient beantworten muss. Basierend auf seinen Antworten wird ein Score ausgerechnet, der vorgibt, wie hoch die Wahrscheinlichkeit eines Kreuzbandrisses ist.“

Unter einer Fehldiagnose leiden, das musste Olafsson nicht. Trotzdem hätte mehr Fachwissen ihren Weg vereinfachen können. Den Verein aus Frankfurt hat sie mittlerweile verlassen. In Elversberg soll die Verletzungsmisere endgültig beendet werden. „Wenn ich aus meinem Schicksal etwas gelernt habe, dann, dass gerade im Jugendsport mehr Wert auf Verletzungsprävention und -aufklärung gelegt werden müsste. Es geht eben nicht nur darum, dass man einen Ball sauber passen kann, sondern auch darum, dass man gesund ist und es bleibt.“ Und damit spricht Olafsson der Trainer-Legende Bill Parcells (American Football) aus der Seele. Denn auch Parcells wusste schon: „Die beste Fähigkeit ist Verfügbarkeit („the best ability is availiability“) und hob damit berechtigterweise die Gesundheit des Sportlers über alles andere.

Text: Daniel Baltes // Fotos: Stéphane Guillaume, Wikimedia Commons, CHL

Tipp für Sportler: Skandinavische Prävention

Auf der Suche nach guten präventiven Übungen empfiehlt Dr. Seil unter anderem die Webseite skadefri.no. Die norwegische Plattform bietet – aufgeteilt nach Sportarten – unterschiedliche Übungen zur Verletzungsprävention. Die Übungen sind dabei sowohl nach Level als auch nach spezifischen Verletzungen aufgeteilt und per Video erklärt.

Author: Philippe Reuter

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