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Religiöses Ritual

Im Sudan hat der Sufismus eine lange Tradition. Die Feier zum Geburtstag des Propheten Mohammed ist dabei das unbestrittene Highlight. Eine Stippvisite.

Ad-Damar, eine staubige Kleinstadt mitten in der nubischen Wüste, auf halbem Weg zwischen Khartum und Port Sudan. Auf dem speziell für die Maulid-Feier errichteten Festplatz ist noch wenig Betrieb, bei knapp über 40 Grad, die hier am späten Nachmittag herrschen, ist es viel zu heiß für den „Dhikr“ (eine Art meditativer Tanz der Sufis).

„Maulid an-Nabī“, die Feier zum Geburtstag des Propheten Mohammed ist unbestritten einer der Höhepunkte des sudanesischen Festkalenders. Zwölf Tage lang laden die zahlreichen Sufi-Bruderschaften des Landes jeden Abend zum gemeinsamen Gebet, zu Lesungen religiöser Texte über das Leben Mohammeds und zu dem beliebten „Dhikr“. Quer durchs Land ziehen die zahlreichen Festplätze allnächtlich eine Schar an Menschen an, die gemeinsam ihrem Propheten gedenken.

Wir sind zu dieser Zeit mit unserem gemieteten Allradauto im Sudan unterwegs und planen in den nächsten Tagen, auch den Feierlichkeiten in Port Sudan, Kassala, Abu Haraz, und zum krönenden Abschluss in Omdurman nahe der Hauptstadt Khartum beizuwohnen. Es ist bereits stockdunkel, als die Sufis in Ad-Damar sich dazu entschließen, das Ritual zu beginnen. Nur die aufgehängten Lichterketten spenden ein bisschen farbiges Licht und verleihen dem Ganzen eine Art feierliche Jahrmarktatmosphäre.

Zeremonie in Ad Damar

Zeremonie in Ad Damar

Mehrfach muss ich mich auf dieser Reise belehren lassen, der nun beginnende „Dhikr“ sei kein Tanz, sondern ein meditatives, religiöses Ritual, und doch, das rythmische Hin und Her-Schwingen der Gläubigen, die gesungenen Gebete, die begleitenden Trommeln lassen mich unwillkürlich mitwippen. Stehe ich zu Anfang noch am Rande der Veranstaltung, unsicher, ob ich, als Nicht-Muslim mit Fotoapparat, denn auch willkommen bin, werde ich schnell in den Kreis der Tanzenden mit aufgenommen und aufgefordert, doch bitte mehr von meiner Kamera Gebrauch zu machen. Zwei Stunden später ist meine Kleidung zwar klitschnass (es ist noch immer sehr heiß), aber die Sufis werden nicht müde. Wir beschließen aufzubrechen, denn morgen wird noch ein langer Tag.

Port Sudan

Port Sudan

Am nächsten Tag sind wir in Port Sudan, dem wichtigsten Handelshafen des Landes sowie Hochburg der Beja Nomaden, welche zu diesem Moment gegen die Übergangsregierung in Khartum protestieren – dies sollte uns aber nicht davon abhalten, auch hier die „Maulid“-Feierlichkeiten zu besuchen.

Ein Derwisch

Ein Derwisch

Um einiges größer als in dem Provinzstädtchen Ad-Damar, haben hier mehrere Bruderschaften ihre Parzellen abgesteckt und konkurrieren um die Gläubigen. Es gibt am Eingang auch einen speziellen Bereich, wo lokale Süßigkeiten feilgeboten werden: „Halawat al-Maulid“ werden nur zu diesem speziellen Anlass hergestellt und verkauft, und sind natürlich besonders für die Kinder ein besonderes Highlight. Später am Abend, als die Feierlichkeiten in vollem Gange sind, komme ich wieder in den Genuss der unbeschreiblichen Gastfreundschaft der Sudanesen, als ich erneut eingeladen werde, inmitten des Kreises der tanzenden Sufis Fotos zu machen. Platzangst und Berührungsängste sind hier fehl am Platz; ein gut besuchtes Konzert in der Rockhal ist nichts dagegen.

Zwei Tage später, nach einer langen, anstrengenden und wenig ereignisreichen Fahrt durch die Wüste, erwartet uns dann einer der Höhepunkte Ostsudans: Kassala, eine alte Handelsstadt an der Grenze zu Eritrea, und Standort der beeindruckenden El Sayid el Hassan Moschee. Hier ist auch die Khatmiyah Bruderschaft beheimatet, der größte und auch politisch wohl einflussreichste Sufi-Orden des Landes. Obwohl sich zahlreiche Sufis hier am Fuße der Taka Berge für Gebete und Koranlesungen anlässlich der Maulid zusammengefunden haben, scheint es hier kein „Dhikr“ zu geben. Leider konnten wir nicht verlässlich herausfinden, ob dies nur an jenem Tag der Fall war, oder ob die Anhänger des Khatmiyah-Orden eher den „stillen Dhikr“ bevorzugen.

Gräber in Abu Haraz

Gräber in Abu Haraz

Weiter geht’s nach Abu Haraz, einem eher unscheinbaren Dorf am Nil – wären da nicht die zahlreichen Mausoleen verstorbener Sufi-Persönlichkeiten, welche auf die spirituelle Wichtigkeit dieser Region hindeuten. Wir kommen spät an und müssen uns erstmal erkundigen, wo die Maulid-Zeremonie stattfindet. Da das Dorf nur einige hundert Bewohner hat, ist alles etwas kleiner, und der „Dhikr“ findet im Innenhof des örtlichen Scheichs, einem pensionierten Richter, statt. Die Feierlichkeiten sind bereits in vollem Gang als wir eintreffen; doch kaum hat er uns erblickt, gebietet der Scheich dem Treiben kurz Einhalt, um uns willkommen zu heißen. Ein erneuter Beweis der sudanesischen Gastfreundschaft, welcher noch einmal unterstrichen wird, als wir später auch noch zum gemeinsamen Abendessen eingeladen werden.

Zeremonie in Abu Haraz

Zeremonie in Abu Haraz

Welch ein Kontrast, als wir, nach der dörflichen Behaglichkeit in Abu Haraz, am Tag darauf den riesigen, von Minaretten eingerahmten, Festplatz in Omdurman erblicken – nicht unähnlich unserer „Schueberfouer“ nur, dass anstelle der Achterbahnen und des Riesenrads hier wiederum die Sufi-Orden ihre Zelte aufgeschlagen haben. Es sei zu bemerken, dass hier auch einige islamische Fundamentalisten präsent sind, um die Leute davon zu überzeugen, die Maulid nicht zu begehen; tatsächlich ist das Fest in einigen konservativen Strömungen des Islam verboten.

Dies stößt bei den Menschen hier allerdings auf taube Ohren, die sich nicht davon abhalten lassen, den Geburtstag Mohammeds zu feiern und so auch ihrem beschwerlichen Alltag inklusive den gegenwärtigen politischen Spannungen zu entfliehen. Ab dem späten Nachmittag wird getrommelt, die 99 Namen Allahs gesungen, und der „Dhikr“ getanzt. Es finden sich auch zahlreiche Derwische ein, welche mit ihrem extravaganten Kleidungsstil, bevorzugt grünen „Jallabiyas“ aus der Menge hervorstechen. Begeisterung liegt in der Luft, als die Sufi-Orden am späten Abend mit ihren Abschlussprozessionen beginnen.

Ein paar Tage später putscht das Militär die Übergangsregierung aus dem Amt, und man könnte meinen, das die Generäle nur auf das Ende der „Maulid“-Feierlichkeiten gewartet hätten, um der Bevölkerung diese Tage der Freude noch zu gönnen. Wir selbst sitzen ein paar Tage lang in Khartum fest, schaffen es dann aber mit etwas Glück und tatkräftiger Unterstützung von zu Hause in ein Flugzeug nach Istanbul.

Text und Fotos: Laurent Nilles

Kassala

Kassala

Author: Philippe Reuter

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