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Rettende Hände

Wenn Kröten zu ihren Laichgewässern wandern, sind sie vor allem durch den Straßenverkehr gefährdet. revue hat Menschen begleitet, die dabei nicht zusehen wollen.

Wer dieser Tage in den frühen Abendstunden auf dunklen Landstraßen unterwegs ist, kann sie sehen: Gestalten in gelben Warnwesten, Eimer in der Hand und Stirnlampen unter der Mütze. Behutsam gehen sie die Grünstreifen neben dem Asphalt ab, den Blick auf den Boden gerichtet, um ja nicht zu übersehen, weshalb sie hier sind: Sie wollen Kröten vor dem sicheren Tod durch Überfahren retten. Sie sammeln die Tiere ein, bringen sie auf die andere Straßenseite und lassen sie dort weiter ihres Weges ziehen.

PR2_5475Eine dieser Gestalten ist Isabelle Zwick. Seit 2015 hilft sie ehrenamtlich bei der Krötenwanderung. Gegenüber des Friedhofs am Ortseingang von Wintringen wartet sie auf mich. Sie will mir zeigen, wie sie zwischen Anfang März und Mitte April viele ihrer Abende verbringt. Manchmal, sagt sie, sei sie erst nach 23 Uhr zu Hause, weil sie die Wege wieder und wieder abgeht. Oder mit ihren Mitstreitern und Mitstreiterinnen ins Erzählen kommt. Man kennt sich und hat eine gemeinsame Aufgabe: einer bedrohten Tierart zu helfen, in ihrem von Menschen beeinträchtigten Lebensraum klarzukommen.

Dass Kröten überhaupt wandern, liege daran, dass sie Amphibien seien, erklärt Lieke Mevis, Biologin der Naturschutzorganisation natur&ëmwelt. „Sie verbringen zwar den größten Teil ihres Lebens an Land, zur Fortpflanzung sind sie jedoch auf Wasser angewiesen, weil sie dort ihren Laich ablegen.“ Deshalb wandern sie von den Wäldern zu den Gewässern. Sobald die Abendtemperaturen auf über fünf Grad steigen und dazu noch etwas Regen fällt, setzen sie sich in Bewegung. Bis sie am Ziel angekommen sind, dauert es allerdings ein paar Tage. Kröten können gut und gerne einige Hundert Meter zurücklegen, doch die schnellsten sind sie nicht. Vor allem Erdkröten – die häufigste Amphibienart Europas – sind sehr langsam und deshalb ständig in Gefahr, beim Überqueren von Straßen verletzt oder getötet zu werden.

PR2_5367Heute Abend, es ist Donnerstag, der 11. März, sei das optimale Wanderwetter für Kröten, sagt Isabelle Zwick. Der Tag war stürmisch und nass, gerade noch bin ich auf der Autobahn durch einen Starkregenguss gefahren. Jetzt aber ist einigermaßen Ruhe eingekehrt. Wenn ich eine Kröte wäre, denke ich, würde ich trotzdem lieber in meinem trockenen Bett im Moos unter Bäumen bleiben, als mich auf eine ungemütliche Reise durch Weinberge, Wiesen und asphaltierte Straßen zu begeben. Aber ich verstehe auch nichts von Kröten, Isabelle Zwick klärt mich auf. „Es gibt einen biologischen Druck zur Fortpflanzung, die Kröten haben keine Wahl, es ist eine instinktive Handlung.“

PR1_8861Vor dem Eingang zum Friedhof begegnet uns das erste Exemplar, eine typische Erdkröte. Sie hat sich sanft in die Ecke gedrückt, dort, wo sich der Schatten des Torpfeilers ins Licht der Straßenlaterne schiebt. Durch ihre Matschfarbe ist sie kaum zu erkennen, sie könnte genauso gut ein liegengebliebenes Blatt sein. Anhand ihrer Körpergröße vermuten wir, dass es sich um ein Weibchen handelt. Zudem fehlen ihr die für Männchen typischen schwärzlichen Schwielen an Daumen und den ersten beiden Fingern. Bis zu elf Zentimeter lang können Erdkröten werden, Weibchen sind in der Regel größer und kräftiger als Männchen, ihre Lebenserwartung liegt bei etwa zehn bis zwölf Jahren.

Etwas weiter die Straße hinunter haben sich ein paar Männchen versammelt. Sie sitzen im Kreis, als warteten sie auf irgendwas. Behutsam heben wir sie auf und setzen sie in den Eimer. Ich trage keine Handschuhe, es ist ein seltsames Gefühl, kalt und kompakt, aber gar nicht glibberig, wie ich es mir vorgestellt habe. Lieke Mevis sagte im Interview, Kröten seien durchaus in der Lage, ein Sekret abzusondern, um sich vor Feinden zu schützen. Kein so giftiges wie das mancher Frösche in Südamerika, aber es könne unter Umständen zu Hautreizungen führen. Fasse man die Kröten sacht an, ohne ihren Körper zu drücken, würde in der Regel nichts passieren. Als mir die Kröte auf der Hand sitzt, habe ich diese Info vergessen, ich drücke das Tier trotzdem nicht, und als ich es in den Eimer setze, bleiben nur Spuren von dem Matsch zurück, durch den die Kröte vorher gegangen ist.

Erdkröten sind sehr langsam und deshalb ständig in Gefahr.

Kurz hinter dem Friedhof, direkt zwischen Weinberg und Fahrbahnrand, ist eine Absperrung aufgebaut. Sie soll verhindern, dass die Kröten auf die Straße laufen. Dort gehen Isabelle Zwick und ihre Mitstreiter vorsichtig auf und ab und sammeln sie ein. Es ist eine einfache Methode, um die Kröten zu schützen. Eine andere ist, Tunnel unter den Straßen zu verlegen, durch die die Tiere die andere Seite sicher erreichen können. Über ein Grabensystem am Straßenrand werden die Kröten zum Eingang des Tunnels geführt. Doch permanente Gräben sind an Weinbergen schlecht möglich, weil die Zufahrtswege offengehalten werden müssen. Ehrenamtliche Helfer, die jede Kröte einzeln aufheben, sind deshalb hier die einzige Möglichkeit.

PR1_8957In unserem Eimer hat es angefangen zu quieken. Es hört sich an, als würden junge Vögel miteinander kommunizieren. „Es sind die Männchen“, sagt Isabelle Zwick. Sie scheinen sich um die einzige Dame zu streiten, die im Eimer ist. Einer hat sie bereits bestiegen und klammert sich auf ihrem Rücken fest. Wahrscheinlich wird er sie nicht mehr loslassen bis zur Ablage des Laichs. Dabei findet die Befruchtung statt. Das Weibchen sondert 3.000 bis 6.000 Eier in Laichschnüren ab, die das Männchen, das huckepack auf ihrem Rücken sitzt, währenddessen besamt. In den kommenden drei Monaten werden sich aus dem Laich zuerst wild herumschwimmende Kaulquappen und dann winzig kleine Jungkröten entwickeln, die das Wasser verlassen. Doch so weit ist es noch nicht. Jetzt geht es erstmal darum, so viele Kröten wie möglich sicher zu ihren Laichstellen zu geleiten. In den letzten Jahren seien es bereits immer weniger geworden, sagt Isabelle Zwick. Genau aus diesem Grund wolle sie auch weitermachen. Auch wenn sie dafür manchmal bis 23 Uhr außer Haus ist.

Text: Heike Bucher  Fotos: Phillippe Reuter

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Author: Philippe Reuter

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