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Revisiting 1986

Leere Straßen, verwaiste Spielplätze, besorgte Menschen. Michael Kerstgens´ Ausstellung „Zurück in die Gegenwart“ zieht Parallelen zwischen 2020 und 1986, dem Jahr der nuklearen Katastrophe in Tschernobyl.

1986 habe ich geheiratet. Am Valentinstag. Gut zwei Monate später zerstört eine Serie von Explosionen Reaktor und Gebäude eines Energieblocks im Atomkraftwerk Tschernobyl. Dabei wird eine hohe Menge gasförmiger Substanzen in die Atmosphäre geschleudert. Rund 70 Prozent davon fallen auf weißrussisches Territorium und verwandeln unzählige Hektar Böden in verseuchtes Land. In Luxemburg wird am Nachmittag des 1. Mai ein Ansteigen der Radioaktivität in der Luft festgestellt. Eine erste Analyse ergibt, dass es sich um Auswirkungen des Super-GAUs handelt. Woraufhin der damalige Gesundheitsminister Benny Berg beschließt, die Öffentlichkeit unverzüglich zu informieren. Ich kann mich zwar nur bruchstückhaft an diesen Tag erinnern, aber dass ich in einem braunen Sommerkleid zum Shoppen in der Escher Alzettestraße unterwegs bin, als die luxemburgische Bevölkerung gebeten wird, Fenster und Türen geschlossen zu halten, habe ich nicht vergessen.

1986_Kerstgens_01_Presse-KopieDie Katastrophe von Tschernobyl ist nicht das einzige Fanal des Jahres 1986. Im Januar zerbricht die Raumfähre Challenger kurz nach dem Start in 15 Kilometern Höhe und reißt die mitfahrenden Astronauten in den Tod. Im November gibt es einen Großbrand im Schweizer Chemiewerk Sandoz, der ein massenhaftes Fischsterben im Rhein zur Folge hat. Aber es gibt selbstverständlich auch erfreuliche Nachrichten. Boris Becker feiert in Wimbledon seinen vielleicht wichtigsten Sieg. Madonna gelingt mit „Papa Don´t Preach“ ein Welthit. Der Commodore C 64 Personal Computer tritt seinen Siegeszug an. Man trägt Oversize-Blazer mit Schulterpolstern zu Leggings oder Schlaghosen. Dazu viel Klimbimschmuck. Und die Enterprise-Crew begibt sich in „Star Trek IV“ auf eine Reise ins 20. Jahrhundert, um die Erde des 23. Jahrhunderts zu retten – und leiht der Ausstellung ihren Titel.

Michael Kerstgens geht es um mehr als lediglich die Wochenenden und den in den 1980er Jahren wachsenden Konsum in der BRD darzustellen.

Einerseits dokumentieren die 41 großformatigen Fotografien den in den 1980er Jahren nahezu überall spürbaren Wandel einer Industrie- in eine Dienstleistungsgesellschaft. Andererseits sind die Bilder nichts anderes als die Momentaufnahmen eines jungen Mannes, der halt stets seine Kamera dabei hat, wenn er in die Disco, zum Fußball oder einfach nur spazieren geht. Wer wie Michael Kerstgens Anfang der 1960er Jahre geboren ist, erkennt sich und das damalige Lebensgefühl in den Aufnahmen sofort wieder. Und wird entweder verblüfft sein oder erschrecken. Denn so berechenbar und verlässlich ist die Welt im Lieblingsjahrzehnt der Deutschen nie gewesen. In Völklingen schon gar nicht. 1986 endet die Roheisenproduktion. Das Eisenwerk hat ausgedient. Dass die Möllerhalle nun Gastgeber von „Zurück in die Gegenwart“ ist, vermag nostalgische Erinnerungen wachzurütteln. Allerdings geht es Michael Kerstgens um mehr als unbeschwerte Wochenenden in der westdeutschen BRD darzustellen. Die meisten globalen Probleme, mit denen wir uns heute auseinanderzusetzen haben, sind nämlich vor 35 Jahren geboren worden: Waldsterben, Klimawandel, Wohnungsnot… Ob ich in das Jahr 1986 zurückreisen würde, falls ich könnte? Auf keinen Fall. Nicht weil meine Ehe geschieden wurde. Auch nicht wegen der schrägen Mode. Eher wegen Tschernobyl und dieser Ohnmacht gegenüber einem unsichtbaren Feind.

Es sind die Parallelen zwischen dieser Katastrophe und der Covid-19-Pandemie, die mich besonders beeindruckt und gleichzeitig das Fürchten gelehrt haben. Die radioaktiven Teilchen, die 1986 über die Erde verstreut worden sind, bleiben länger als ein Menschendasein. Das Corona-Virus ebenfalls. Die Leute in Weißrussland mussten lernen, in einem anderen Raum zu leben. Das müssen wir auch. Für das, was damals passiert ist, findet man genauso wenig Worte wie für das, was sich im Frühjahr 2020 in italienischen und anderen Krankenhäusern abgespielt hat. Nichtsdestotrotz ist die Ausstellung eine Art Chronik der Zukunft. Glücklicherweise.

Bis zum 28.November im Weltkulturerbe Völklinger Hütte, www.voelklinger-huette.org.

Zur Ausstellung ist ein Fotobuch erscheinen, mit 176 Seiten und 98 farbigen Abbildungen, 28 Euro (Sonderpreis) in der Ausstellung.

Text: Gabrielle Seil // Fotos: Michael Kerstgens

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Author: Philippe Reuter

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