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Rio 2016: Brasilianische Bürokratie (12.08.)

Den Amtsschimmel wild über die Flure zu reiten ist – noch – keine olympische Disziplin. Der Gastgeber hätte sie mal vorschlagen sollen, denn trotz lateinamerikanischem Laissez-Faire und kaum was so wirklich genau nehmen, entdeckt man sie bei genauem Hinschauen doch: die schön absurden Beispiele des zügellosen Paragraphenreitens.

Beim Finale der weltbesten Slalompaddler stehen mit Schwimmweste, Rettungshelm und Wurfseil vollausgerüstete Rettungsschwimmer am Wildwasserkanal. Ok, Wildwasser ist objektiv gefährlich. Ein künstlicher Kanal ist ohne versteckte Fallen zwar ziemlich sicher, aber man will nicht ohne Absicherung vor Tausenden Besuchern und Millionen Fernsehzuschauern feststellen müssen, dass man für irgendeine blöder Unglückskette dann nicht gerüstet ist.

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Nach ihrem prima 25. Platz in neuem Landesrekord über 100 Meter konnte Julie Meynen heute dann auch unbesorgt auf die eine Bahn Freistil gehen. Einerseits warf ihre Klubkollegin und olympische Schiedsrichterin Mireille Zimmer auf ihrer Bahn Sechs zwar ein strenges Auge darauf, dass sie sauber anschlug. Andererseits waren da auch andere strenge Augen, die aufmerksam aufpassten. So waren es sicherlich auch die beiden Rettungsschwimmer am Poolrand, die bereits mit ihrer beruhigenden bloßen physischen Anwesenheit dafür sorgten, dass der beste Schwimmer aller Zeiten Michael Phelps zu seinen olympischen Goldmedaillen 19-22 schwimmen konnte. Da kannte dann auch die in drei Tagen 20. Geburtstag feiernde Julie Meynen keine Angst, auf den 50 Metern mit nur einmal kurz zwischendurch Luft schnappen alles aus sich heraus zu holen. Nach ihrem zweiten Landesrekord in 25“12 Sekunden, nur mehr drei Zehntel entfernt vom Halbfinalplatz, konnte die Ettelbrücker Schwimmerin dann beruhigt aus dem Wasser steigen und die Lebensretter sich den nächsten Schutzbedürftigen zuwenden.

12dLaut brasilianischem Recht muss ein Bademeister bei einem Schwimmbecken von mindestens 6×6 Metern zugegen sein. Das wird am olympischen Schwimmbecken, Trainingsbecken, Wasserball- und deren Trainingsbecken, bei den Turmspringern und demnächst sicher auch beim Triathlon im Gegensatz zu allen anderen brasilianischen Regelungen und Gesetzen, die ich bisher kennenlernte, auch rigoros eingehalten. In kaum gewollter sarkastischer Überspitzung stehen die „Life Guard“ sogar in „Baywatch“rot-gelb mitsamt orangefarbiger Rettungsboje im Hintergrund herum. Als überflüssigster Job der Spiele machte ein offensichtlich gelangweilter Vertreter der Rettungstruppe bei Twitter die Runde.

Author: Philippe Reuter