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Rio 2016: Der Wind hat sich gedreht (10.08.)

In Rio ist Winter mit gestern viel Wind und Regen, aber die Surfer stört das nicht. Sie reiten schon morgens früh um acht – dann halt im Ganzkörperneopren – ihre Wellen. Christine Majerus hat vor allem der Wind ziemlich gestört, aber im Ziel war sie trotz einem sehr durchschnittlichen Zeitfahren gelöst und dank ihrer Leistung vom Sonntag zufrieden. Das wird sich etwas später geändert haben als die Resultate fest standen. „Dass die dopende Russin Olga Zabelinskaya mitfahren darf, ist eine Ultra-Sauerei“ hatte die freundliche, aber wenn notwendig auch sehr bestimmte Sportlerin aufgebracht, aber auch sehr bewusst den Journalisten ins Mikrofon diktiert.

Die luxemburgische Vorzeigeradfahrerin steht damit prototypisch für sich emanzipierende Sportler, die sich ihren Sport nicht mehr von betrügerischen Einzelsportlern oder gleich ganzen Nationen kaputt machen wollen. Trotz oder gerade wegen der Haltung einiger Verbände und insbesondere des IOC. Dessen Präsident Thomas Bach hat ganz offensichtlich den Schuss nicht gehört. Obwohl er laut der eigenen Charta das seit Jahren strukturiert und mit der Hilfe von Regierung und Geheimdienst umfassend betrügenden russische olympische Komitee von Rio hätte ausschliessen können, schob er das Problem zwei Wochen vor den Spielen feige oder eher noch zynisch berechnend zu den Fachverbänden, die in der Kürze der Zeit dann 278 russischen Sportlern die Startberechtigung gewährten. Ein offensichtlicher Freundschaftsdienst an seinem Buddy Putin, dessen Geld und den zahlreichen russischen und von Russland abhänigen Funktionären im internationalen Sport. Aber auch ein Pyrrhussieg des IOC-Oberen. Bereits bei der Eröffnungsfeier achtete die Regie mit hastig eingespielter Musik darauf, dass die Zuschauer beim umstrittenen brasilianischen Interimspräsidenten Michel Temer und Thomas Bach die feierliche Fassade nicht mit Buhrufen stören konnten.

10cBei den Wettbewerben funktioniert dies nicht mehr. Sowohl die Zuschauer, als auch die Sportler selber äussern ihren Unwillen deutlich. Während Julie Meynen und Raphaël Stacchiotti unter den wilden Anfeuerungsrufen des Publikum zu neuen Landesrekorden schwimmen, beobachtet man gleichzeitig einen dramatischen Kulturwechsel: Nach langen Jahren des Schweigens äußern etliche Sportler und Offizielle deutliche und drastische Kritik: Die auf den 100 Metern Brust siegreiche Lilly King aus den USA verweigert wie ihre drittplatzierte Teamkollegin der Zweiten und bei ihren Starts ausgebuhten russischen Dopingsünderin Julija Jefimowa den Handschlag. Die durchlebt auch mit der direkten Kritik an ihr während der Pressekonferenz schwierige Momente und wehrt sich: “Die Athleten sollten über der Politik stehen. … Ich dachte immer, der Kalte Krieg wäre lange vorbei. Warum wollt ihr ihn mithilfe des Sports wieder starten?

“Es geht aber nicht bloss um Russland. Die Lawine trat der australische 400-Meter-Freistil-Olympiasieger Mack Horton los. Den trotz positiven Tests im Frühjahr 2014 nur heimlich drei Monate gesperrten chinesischen Weltmeister Sun Yang schimpfte Horton öffentlich Doping-Betrüger. Sogar Mister Olympia Michael Phelps sagte über Athleten, die trotz positiven Dopingtests wieder an Wettkämpfen teilnehmen. „Das ist gegen alle Werte des Sports. Das kotzt mich an. Das bricht mir das Herz.“ Es ist eine offen aufgebrochene Feindschaft zwischen den Dopingbetrügern und einigen mutigen, aufrechten Sportlern, aber trotz des Eklats zwischen USA und UdSSR, Tschuldigung Russland, also King und Jefimowa kein sportlicher kalter Krieg. In dem Kontext gefragt zu US-Leichtathleten wie die des Doping überführten Sprinter Justin Gatlin oder Tyson Gay hat King die Eierstöcke zu antworten: „Ob ich meine, dass des Dopings überführte Leute im Team sein sollten? Sie sollten es nicht. Es ist bedauerlich, dass wir das erleben müssen.“

Bevor der Spitzensport als Spritzensport vor die Hunde kommt, beginnen endlich prominente Sportler aufzustehen. Schön das zu sehen. Und traurig mit anzuschauen, dass die in ihren Seilschaften gefangenen obersten Funktionäre das außerhalb von verlogenen Sonntagsreden nicht können.

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Author: Martine Decker