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RIO 2016: Ich bin ein Mensch – Lasst mich hier raus (18.08)

Bei Olympischen Spielen ist alles etwas anders. Für die luxemburgische Presse bedeutet das, dass man auch relativ unkompliziert Zugang zum IOC-Mitglied und Staatschef Großherzog Henri hat. In einem angenehmen Vier-Augen-Gespräch verdirbt nicht mal meine direkte Frage nach Korruption beim IOC die Stimmung. „Das IOC hat das Problem der Korruption soweit im Griff. Es sind eher einige Verbände, wo es noch ein paar Probleme gibt.“ antwortet Großherzog Henri im Brustton der Überzeugung.

Wenige Stunden später wurde das irische IOC-Mitglied Pat Hickey, Präsident der europäischen Vereinigung der olympischen Komitees, Mitglied des inneren Führungszirkels und Intimus von IOC-Präsident Thomas Bach wegen des dringenden Verdachts illegaler Ticketverkäufe im noblen Windsor Marapendi-Hotel der „olympischen Familie“ verhaftet und mittlerweile in ein Hochsicherheitsgefängnis verlegt. Obwohl manche hinter vorgehaltener Hand flüstern, dass es damit den richtigen Strippenzieher erwischt hat, bleibt er nicht das einzige schwarze Schaf einer Herde, die laut von universellen, edlen Werten und einer besseren Welt blöckt. Die sportlichen Entscheidungen werden mal wieder zur Nebensache, ich verbringe einige Zeit mit Gesprächen mit Kollegen und ein wenig Recherche. Als Chef des Amateur-Weltboxverbandes Aiba ist der Taiwanese Ching-Kuo Wu automatisch IOC-Mitglied. Wie Hickey gehört aber auch er zum nur 16-köpfigen Exekutivkomitee, sorgte massiv dafür, dass Russland trotz Staatsdoping unter eigener Fahne starten durfte und ist aktuell etwas in der Kritik, da die Schiedsrichter etlicher Olympiakämpfe gekauft erscheinen. Das kann man nach auch nur ein wenig Recherche auch von ihm annehmen, sein von ihm 2014 installierter Vize übertrifft aber noch die gewohnten Misstöne der Herren der Ringe. Die weltweiten Konten des Usbeken Gafur Rachimow wurden 2012 vom US-Finanzministerium eingefroren, da er im eurasischen Verbrechersyndikat „Ring der Brüder“ eine wichtige Rolle spiele. 2000 war er dabei schon von den Spielen in Sydney ausgeschlossen worden, da ihn das FBI als führenden Heroindealer Eurasiens hielt. Haufenweise finden sich undurchsichtige Allianzen, halbseidene Deals und es zeigt sich, dass es vor allem um viel Geld und sehr viel Macht geht. Schön repräsentiert in dem umstrittenen kuwaitischen IOC-Königsmacher und Chef aller nationalen olympischen Komitees Scheichs Ahmad Al-Sabah, der nebenbei auch im FIFA-Exekutivkomitee sitzt.

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Mir reicht es erstmal, ich muss dringend raus aus dieser bunten Scheinwelt. Doch wohin will ich? Ein guter Teil von Rio besteht aus abgesperrten Wohnanlagen, Straßenzügen oder gleich ganzen Blöcken, die mit Sicherheitspersonal, massiven Einlasstoren, Überwachungskameras und hohen Mauern, auf denen oft genug Natodraht oder sogar ein Elektrozaun oder gleich beides thront, das böse Rio aussperren. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ schrieb Theodor W. Adorno, mir ist heute echt nicht mehr danach herauszufinden, ob es richtiges Leben auch im goldenen Käfig gibt. Ich brauche Kontrastprogramm, trotz aller Warnungen. Es kann ruhig dreckig und unangenehm sein, Hauptsache ehrlich. Von den Favellas hört man eigentlich immer nur üble Horrorgeschichten. Wenige Kilometer von unseren bewachten Wohnsilos entfernt liegt zwischen den Hauptverkehrsachse und dem Strand mit seinen Wohnungen der Mittel- und Oberschicht die südlichste Favella Rios. Weit genug entfernt vom Zentrum und den wirklich üblen Gegenden, dass hier vor allem die Armen Rios möglichst normal wohnen und leben wollen. Da ich in dieser Großstadt die Gefahr weniger als in Großstädten einschätzen kann, gibt es keine Fotos. Ich lege den Ehering ab und ziehe meine Uhr aus. Nur mit Badelatschen und -hose, T-Shirt, Busticket und etwas Bargeld mache ich mich auf den Weg. Solange man höchstens ausgeraubt wird, sind knapp 50 Euro ein geringer Preis für einige Stunden Freiheit.

Das Viertel war dann zwar schmutzig, laut, aber vor allem lebendig und bunt. Mit vielen kleinen Allerleiläden, zahlreichen Schönheitssalons, Männerhaarschnitten ab fünf und Bottoxbehandlung ab knapp 20 Euro, sowie sehr viel Leben in der Straße. Die wild durcheinander gewürfelten Häuser sind oft unverputzt, und wenn doch, schmücken das Erdgeschoss riesige, kunstvolle und farbenfrohe Bilder. Wirklich spannend sind dann die völlig chaotischen Lichtmasten. Strom ist – gemessen an den Löhnen – teuer und auf meist so zwei Metern winden und wickeln sich Kabel jeden Durchmessers um die Masten, da neben deiner lässig-brasilianischen normalen Verkablung auch noch ganz unverfroren an den eigenen Zählern Strom abgezapft wird. Ähnliches, nur schlimmer gilt für die Wasserversorgung. Bis an den südlichen Zipfel Rios hat es der Wasserversorger nicht geschafft. Also jedenfalls in dieses Viertel, das Viertel am Strand hat natürlich seine Rohre. Einen offenen, zugemüllten – und da die Kanalisation des Viertels hier völlig ungeklärt reinfliesst –und übel riechenden Kanal überqueren die Rohre freiliegend. Ungeniert bohrt das Viertel diese an. An einer zentralen Brücke geht so gleich ein Gewirr von Dutzenden unterschiedlich dünnen Plastikrohren ab und verschwindet teils sogar unter der Asphaltdecke. Längst habe ich mich an die Umgebung gewöhnt, empfinde sie nicht wirklich als bedrohlich, freue mich über einen Haarschnitt und leckeres Mittagessen, als es plötzlich doch gefährlich wird. Jedenfalls rutscht mir eben an dieser belebten Brücke das Herz in die Hose. Fünf Meter von mir entfernt, nur durch den gar nicht so unüberwindlich steilen Abhang getrennt, bewegt sich etwas in der trüben Abwasserbrühe. Mehr als ein Dutzend Alligatoren plätschern in der stinkenden Soße. „Nur“ so einen guten Meter groß, aber mir reicht das. In einer Nebengasse lerne ich dann noch einen Pädagogiklehrer kennen. Er teilt die Skepsis vieler Einwohner zu den Spielen, war sich allerdings schon selber einen Schwimmwettbewerb anschauen, und bestätigt mir auch die vielen Presseberichte zum jämmerlichen Zustand des Gesundheits- und Bildungssystems. Brasilien und Rio de Janeiro habe nicht das Geld für die Spiele und auch andere Sorgen. Allerdings glaubt er ebenso wenig, dass ohne Rio 2016 jene Gelder für die Spiele in die abgewirtschafteten sozialen Systeme geflossen wären. Also macht er es wie alle anderen hier. Man bastelt nur rum und arrangiert sich mit einem maroden System so gut es eben geht.

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Author: Martine Decker