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Rio 2016: Mehr als nur Sport (20.08)

So langsam zehrt die Müdigkeit an allen Professionellen vor Ort, man ist gereizt und eigentlich reicht es. Ich nehme mir vom Sport frei. In Brasilien ist Religion ein sehr großes Thema und ich wage mich in ihren größten Tempel, in ihren wichtigsten Schrein. Doch ihr Gott war letztens tief gefallen, die Gläubigen sind trotz aller lauten Begeisterung angespannt nervös und manchmal sogar ängstlich. Inständig beten Abertausende, dass ihre Höhle der tapferen Löwen zur Hölle der deutschen Adler wird.

Vor rund 60 Jahren sorgten im Maracanã noch 200.000 Zuschauer für unvorstellbare Stimmung. Unvorstellbar für mich, denn heute stehen mit der Erfüllung aller modernen Sicherheits-, FIFA und IOC-Normen noch rund 75.000 Zuschauer auf ihren Sitzplätzen und sind laut. Unheimlich laut. Zum ersten Mal ist eine olympische Anlage bereits eine Zeit vor dem Anpfiff bis zum letzten Platz besetzt – sieht man von wenigen VIP-Logen ab. Die Jünger feiern ihre Götter lautstark schon vorm Spiel. Als man nur denkt, die Mannschaften würden jetzt einlaufen, sieht man im Sitzen vor lauter hochgereckten Handykameras das Spielfeld nicht mehr. Im Spiel beruhigt sich das allerdings schnell, da will man doch brüllend, tanzend und singend lieber das kitschige Spiel verfolgen. Kitschig eigentlich nur, weil mir der Plot nicht gefallen hat: einem Hollywood-Drehbuchschreiber hätte ich diesen Tanz auf den Emotionen mit seinem zu vorhersehbaren Spannungsbogen um die Ohren gehauen. Den Messias hat er einfach zu offensichtlich in die Superheldenrolle geschrieben.

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Neymar wird in der 28. Minute gefoult, ein erster Aufschrei und gleich ein zweiter, als der Schiedsrichter Freistoß gibt. Dann streng nach dem unwahrscheinlichen Drehbuch der nahezu perfekte Freistoß von ihm selber. Ein zu unglaubliches Meisterwerk. Satt geht er an die Unterkante der Latte, zum Pfosten fehlen auch nur fünf, zehn Zentimeter. Ein unfassbares Gejubel und eine erste Heiligsprechung. Die Deutschen gleichen zwar nach einer Stunde aus, doch alle gefährlichen brasilianischen Angriffe laufen weiter über Neymar. Erst kommt es zur Verlängerung, dann zum Elfmeterschiessen. Natürlich wird jeder deutsche Schütze leidenschaftlich ausgebuht, doch sie legen sicher vor und sämtliche brasilianischen Zuschauer bibbern mit ihren Schützen, brüllen nach dem Verwandeln erleichtert los. Zu groß ist die Gefahr: Deutschland, Elfmeterschiessen. Vor gerade zwei Jahren haben sie den brasilianischen Fußball zuhause mit 1:7 getötet. Erst den fünften Versuch versemmelt Nils Petersen. Unbeschreiblicher Jubel. Dann küsst Neymar – wer sonst – den Ball und legt ihn auf den Punkt. Er tritt an, verzögert und verwandelt sicher. Der brasilianische Fußball ist wiederauferstanden. Das Stadion explodiert und wenig später spaziert der feiernde Neymar mit einem weissen Stirnband und der schwarzen Aufschrift „100% Jesus“ übers Spielfeld. Nein, kleiner geht es hier und heute nicht.

unspecified-9Ich will die grandiose Stimmung auch mitten in Rio erleben. Was kommt vom wichtigsten Gold bei der Bevölkerung an? In der Metro wird weiter gesungen und getanzt, doch suche ich mir die falsche Ecke aus? Lapa war vor zehn Jahren eine rustikale, wilde und alternative Partyecke nur fünf Stationen vom Maracanã. Die Straßen sind voller Menschen, Lapa längst auch auf dem Radar jedes ordentlichen lonely-planet-Touristen. Es bleibt aber dreckig und wild. Viele hier tragen das gelbe Trikot der Brasilianer, meist mit der 10. In Lapa wird eine Stunde nach Abpfiff am Samstag Abend getanzt, an den Straßenständen gegessen und gesoffen. Wie immer. Das Fußballfinale haben die meisten verfolgt, sich gefreut, ein wichtiger Sieg, aber auch nicht viel mehr. Zu lautstarkem Carioca Funk, Bossa Nova oder Samba zeigen Großbildschirmen mittlerweile – kaum beachtet – das Damenfinale im Volleyball oder ein Fußballspiel. Der 21. Ligaspieltag läuft. So ganz wirklich, wirklich wichtig ist in Brasilien nur die Weltmeisterschaft. Die Olympischen Spiele laufen an vielen Einwohnern weiter irgendwie vorbei.

Author: Martine Decker