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Rio 2016: Real Life (13.08.)

13aBeim Auftakt der Leichtathletik hatte gestern Charles Grethen seinen großen Auftritt. Er hatte die Quote nicht erfüllt, keine Chance und ergriff diese deshalb mit einem mutigen Angriff. Erst 50 Meter vor dem Ziel ging ihm dann die Luft aus. Starker Auftritt. Auf dem Hinweg beobachtete ich aber eine immer wiederkehrende Szene. Sobald man im klimatisierten Pressebus an ärmeren Vierteln vorbeirauscht, zuckt es dem einen oder anderen Fotografen wieder am Auslöseknopf, wie bei einer Fotosafari doch schnell auch mal das andere Rio abzuschiessen. Hinter ziemlich sicheren Scheiben… sieht man mal vom Einschlag zweier Kleinkaliberkugeln vor wenigen Tagen ab.

13cViel war im Vorfeld der Spiele über Kriminalität, Armut, Zika und Korruption geschrieben worden. Auch die Umsiedlung von Hunderten Familien, insbesondere der Fall der Favela Vila Autódromo auf der heute der zentrale Olympiaplatz steht, waren in den Medien Thema. Seit die Wettbewerbe rauschen, sind diese Störgeräusche – wie jedes Mal –  deutlich leiser. In die olympische Welt dringen sie kaum vor. Die Athleten konzentrieren sich in ihrem streng abgeriegelten Olympischen Dorf auf ihren Wettkampf. Normal, darauf bereiten sie sich schließlich seit Jahren vor. Von den – weniger stark – bewachten verschiedenen Presseunterkünften fahren 20.000 Medienschaffende auf den praktischen – und um ein völliges Chaos zu vemeiden – notwendigen Medienbuslinien zu den jeweiligen Wettkampfstätten mit ihren jeweiligen Pressezentren. Vom Leben außerhalb der bunten Sportwelt kriegt man wenig mit, man hat auch kaum Zeit dafür.

Es geht um Gold, Silber und Bronze, Medaillenchancen und verpasste Gelegenheiten bis plötzlich, zumindest in das deutsche Team, das „normale“ Leben platzt: Dramatisch, brutal. Im Stadtteil Barra da Tijuca verunglückte der Kanutrainer Stefan Henze schwer, schwebt beim Schreiben dieser Zeilen einen Tag später noch immer in Lebensgefahr. Der 35-Jährige wurde mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma in das ächstgelegene Krankenhaus Lourenco Jorge eingeliefert, eine olympische Referenzklinik. Obwohl es in ihrer Umgebung regelmäßig zu solchen Unfällen – monatlich alleine 350 Opfer von schwereren Autounfällen in diesem Viertel – kommt, mussten wegen Sparmaßnahmen vor vier Jahren die Abteilungen für Neuro-, Gefäß- und Thoraxchirurgie geschlossen werden. Der schwer verletzte Trainer wurde 20 Kilometer weiter ins Krankenhaus nach Leblon transportiert.

13dDie Situation der öffentlichen Krankenhäuser in Rio de Janeiro ist dramatisch. Es fehlt an Belegbetten, an normaler Ausstattung wie Röntgengeräten und teils sogar essentiellen Medikamenten wie Antibiotika. Gehälter von Ärzten und Pflegern werden verspätet gezahlt, Krankenhäuser sogar stellenweise von (billigeren) Firmen gereinigt, die dafür nicht zugelassen sind. Der Grund ist simpel: Der Bundesstaat Rio de Janeiro mit seinen rund 15 Millionen Einwohnern ist pleite, er hat vor wenigen Wochen den finanziellen Notstand ausgerufen und die wichtigsten olympischen Bauten und Verkehrsprojekte, sowie die aktuellen hohen Ausgaben für die Sicherheit konnten nur mit einem schnellen Überbrückungskredit des Innenministeriums gewährleistet werden. Auch wurde 111.000 Familien die Sozialhilfe gestrichen.

Die Olympischen Spiele sind nicht schuld an der aktuellen Krise von ganz Brasilien. Diese war auch nicht absehbar, als Brasilien 2009 die Spiele zugesprochen wurden. Dabei schaffen die Spiele ja auch Arbeit, vermehren das Ansehen, sorgen für mehr Tourismus. Viele der teuren Infrastrukturmassnahmen, die neue Metrolinie und der ausgebaute Schnellbus BRT tun der Stadt sicher gut. Anderes wird nach maximal 16 Tagen Nutzung allerdings wieder abgerissen oder bleibt zwar bestehen, verursacht aber vor allem Folgekosten. Olympische Spiele sind ein tolles, buntes, und ja, auch sehr teures sportliches Spektakel. In ihrem harten, eigentlich obszönen Aufeinanderprallen von Arm und Reich, auch von heiler Olympiawelt und kompliziertem Alltag, kann Rio de Janeiro weh tun. Die alles entscheidende Frage aber ist: Würde es Rio de Janeiro ohne Olympische Spiele besser gehen? Kämen tatsächlich mehr Gelder in diesem von Krise, Missmanagement und schwerer Korruption geplagten Land in Bildung und Gesundheit an, oder würden sie einfach in andere Prestigeprojekte und die eigenen Taschen gesteckt? Ich weiss die Antwort nicht, Experten streiten sich leidenschaftlich hierüber. Ich will die Spiele aber vor niemandem verteidigen müssen, dem es auf der anderen Seite der bunten olympischen Zäune an Sozialhilfe, grundlegender Bildung oder notwendiger medizinischer Versorgung fehlt.

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Author: Philippe Reuter