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Ruhe sanft

Eine Tour über einen Friedhof bedeutet meistens, Monumente und Gräber von Berühmtheiten zu bestaunen. Der Friedhof in Merl-Belair hat nichts dergleichen zu bieten – und ist doch einer der interessantesten Friedhöfe im Land.

Die Stadt Luxemburg besitzt im Val Sainte Croix einen, im Vergleich zu den hierzulande, noch ziemlich jungen Friedhof, welcher sich in einer wunderschönen parkähnlichen Anlage befindet. Wir treffen uns vor Ort zu einer kleinen privaten Führung mit einem der dort fast 70 angestellten Mitarbeiter, wovon 51 Gärtner für diese Grünanlage eingeteilt sind.

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Zunächst führt die Tour uns in den Keller des Hauptgebäudes. Der Aufzug für die Särge wurde eigens mit einer schönen Landschaftsaufnahme dekoriert, da neuerdings auch die Angehörigen dort mitfahren dürfen. Im Keller selbst befindet sich der Abschiedsraum, wo Familienmitglieder die Möglichkeit haben, sich bei offenem Sarg von dem Verstorbenen zu verabschieden.

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Um den Trauernden aus den verschiedenen Glaubensrichtungen die Bestattungen nach eigenen Traditionen zu ermöglichen, befindet sich dort auch ein Waschraum, wo Verstorbene muslimischen Glaubens vor dem Begräbnis gewaschen und bekleidet werden. Dieser Raum ist einzigartig in Luxemburg – und zu dieser Einzigartigkeit gehört auch ein muslimischer Bestattungsbereich. Die Gräber dort sind alle nach Mekka gerichtet. Nur eines ist anders als auf typisch muslimischen Friedhöfen: Der Islam sieht zwar eine Beerdigung ohne Sarg in einem Leinentuch vor, da es hierzulande aber eine Sargpflicht gibt, müssen auch Muslime sich an diese halten. An den Gräbern befinden sich übrigens viele Stühle, da die Muslime sich oft für längere Zeit bei den Gräbern der Familienangehörigen treffen.

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Uns wird eine Tür nebenan geöffnet, wo wir einen Raum mit vier großen Kühlkammern sehen. Hier werden Tote bei 4,3 Grad Celsius bis zu drei Tage (bei Ausnahmen auch länger) aufbewahrt. Es handelt sich dort hauptsächlich um Tote, welche von der Polizei überbracht werden, Obdachlose etwa, wenn keine Angehörigen gefunden werden. Derzeit sind vier Kühlkammern speziell für Covid-19-Verstorbene vorgesehen.

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Beeindruckend ist ein kleiner Kasten, in welchem die Aschen aus den Urnen in den Zerstreuer (dieser dient dazu, die Asche später zu zerstreuen) umgefüllt werden. Der versiegelte Deckel wird mit einer Zange geöffnet, dann greift der Mitarbeiter mittels zwei Öffnungen in eingebaute Handschuhe und kann so im Innern des Kastens die Asche umfüllen. Sogar ein Staubsauger ist an dem Kasten, eigens für die Reinigung von diesem, angebracht. Bei einer Feuerbestattung wird immer ein Schamottstein hinzugelegt, in welchen eine eindeutige Identifizierungsnummer eingeprägt ist, damit es bei der Asche keine Verwechslung gibt. Dieser Stein wird aus der Asche entfernt und den Angehörigen in einem kleinen Kästchen überreicht.

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Nachdem wir den Keller verlassen haben, stehen wir am Eingang bei einem Wandschrank mit kleinen rechteckigen Türen. Dort installiert: das Archiv der Sterbeakten der Friedhöfe der Stadt Luxemburg. Die Dokumente, welche zum Großteil digitalisiert sind, dienen auch der Ahnenforschung.

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Neben einem größeren Abschiedssaal für Feuerbestattungen finden wir fünf kleine Leichenhallen. Hier werden die Särge in durchsichtigen Kühlkammern, welche durch eine Glaswand von den Trauernden getrennt sind, aufbewahrt, die Familienmitglieder können so, vor dem Begräbnis, während zwei bis drei Tagen Abschied nehmen.

Bei jüdischen oder muslimischen Bestattungen wird für die Abschiedszeremonie im Nebengebäude ein spezieller Raum, welcher keine christlichen Merkmale besitzt, genutzt. Kurz dahinter befindet sich dann auch schon der jüdische Teil des Friedhofs. Am Eingang, welchen man durch ein Gitter mit eingraviertem Davidstern betritt, befindet sich ein Topf mit weißen Steinen. Ein jüdischer Brauch besagt nämlich, dass Steine statt Blumen auf die Gräber gelegt werden. Der Brauch kommt aus der ägyptischen Zeit, wo die Juden auf der Flucht weder Blumen noch Grabsteine hatten und deswegen Steine zu den Verstorbenen legten.

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Bäume, welche in den schönsten „Indian Summer“-Farben erleuchten, begleiten uns auf dem Weg zur Mitte des Friedhofs, wo sich die moderne Kapelle befindet. Seitlich findet man immer wieder Wiesen, Blumenbeete und sogar Brunnen, hinter denen die Familiengräber sind. Neben den traditionellen Gräbern sieht man auch Urnengräber, welche sich in Reihen befinden und alle den gleichen, etwa 60 kg schweren quadratischen Grabstein mit eingraviertem Familiennamen, besitzen. Auf Wunsch können die Familien auch kleine Gedenktafeln mit den Vornamen und Daten der Verstorbenen anbringen lassen.

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Gleich hinter der Kapelle ist ein kleiner Bereich mit einem großen Stein in der Mitte mit der Inschrift „In Pace“. Hier befinden sich die Armengräber Luxemburgs, also Obdachlose oder Menschen ohne Familie, da in Luxemburg jeder Mensch beerdigt werden muss.

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Dann folgt der traurigste Bereich des Friedhofs: die Kindergräber. Um eine hellgraue Mauer herum sind ungeborene Kinder, oder Säuglinge, welche bei oder kurz nach der Geburt gestorben sind, begraben. Ergreifend sind die vielen Spielzeuge, Schnuller und farbenfrohe Andenken, die dort zu sehen sind.

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Am Ende des Friedhofs befindet sich die Streuwiese. Während der Zeremonie streut der Bestatter die Asche dort, auf einer großen mit Blumen umgebenen Wiese, aus. Gedenktafeln für die Verstorbenen stehen dort, und wer sich auf einer der zahlreichen Bänke niederlässt und die Augen schließt, der hört vielleicht einen bekannten Satz, „Mein Numm ass Johnny, Johnny Chicago“. Thierry Van Werveke hat hier nämlich auch seine letzte Ruhe gefunden.

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Bilderstrecke:

Text & Fotos: Georges Noesen

Author: Dario Herold

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