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Schein und Sein

Filmbegeisterte sollten schnell ins Cercle Cité gehen. Bis Mitte April gibt es dort noch eine Ausstellung über das Filmland Luxemburg zu sehen. Internationale Luft kann man dabei auch schnuppern.

Venedig liegt in Luxemburg. Genauer: in Esch/Alzette. Im Jahr 2001 verwandelten 2.300 Quadratmesser Holz, 63 Tonnen Stahl, sechs Tonnen Farbe und 6.000 Kubikmeter Wasser eine Brache in die perfekte Illusion und wurden zu einem Teil der berühmten Lagunenstadt mitten im Minett. Mitsamt Kanälen, Brücken, Palastbalkons und abblätternden Fassaden. Denn als die luxemburgische Koproduktion „Secret Passage“ gedreht wurde, gestalteten sich Aufnahmen im echten Venedig als schwierig. Also wurden kurzerhand ein paar Straßenzüge mit etlichen Hausfassaden nachgebaut, und der Film wurde fertig.

Menschen, die sich im Kino gerne der Illusion hingeben, auf der Leinwand werde das wahre Leben gezeigt, könnten mit der vom CNA (Centre National de l’Audiovisuel) zusammengestellten Ausstellung „Ready. Set. Design. Le décor de cinéma au Luxembourg“ hadern. Denn hier werden sie eines Besseren belehrt: Die uralte Weisheit, dass der Film „bigger than life“ ist, stimmt nämlich nicht. In Wahrheit manipulieren Filme. Und diese Ausstellung zeigt genau, wie das geht.

Zum Beispiel die Stadt Luxemburg. Schon oft war sie in internationalen Filmproduktionen zu sehen. Meist aber nicht als Luxemburg, sondern als Teil von Paris, London, Wien, Zürich, Berlin, Prag oder Hamburg. Das Große Theater, der Kirchberg, die Fußgängerzone, der Knuedler – alles Orte für filmreife Begegnungen, nur als Orte eben nicht wichtig genug, um sich selbst zu spielen. Stattdessen doubeln sie andere Orte und werden zur Mailänder Scala oder zum Hamburger Fischmarkt. Und das Rathaus in Echternach wird zur City Hall von New Orleans, der Christopher Lee als Sherlock Holmes einen Besuch abstattet („Sherlock Holmes and The Leading Lady“ von 1991).

In Wahrheit manipulieren Filme.

Dass Luxemburg mit seinen alten Gemäuern und abwechslungsreichen Landschaften oft für andere Orte oder Regionen herhalten muss, ist nicht besonders verwunderlich. Doch die Ausstellung erzählt noch mehr. Sie gibt den Blick frei auf die eigenen Filmemacher, die mit ihren Geschichten nicht nur im Land bleiben, sondern den Orten und Landschaften viel Raum geben. Wie „Gutland“ und „Capitani“ als zwei der jüngeren Beispiele. „Mir wëllen iech ons Hémecht weisen“ heißt dieser Teil der Ausstellung. Dort werden nicht nur Szenenfotos aus luxemburgischen Produktionen gezeigt, sondern auch die unterschiedlichen Regionen erklärt: die Hauptstadt, das Minett, die ländlichen Regionen mit ihren typischen Dörfern und die Mosel. Letztere scheint jedoch etwas zu hübsch zu sein, um in Filmen eine große Rolle zu spielen, steht in der Beschreibung. Filmemacher greifen auf sie nur selten zurück.

Zwei große Räume im Cercle Cité – mehr gibt „Ready. Set. Design.“ nicht her. Dennoch sollte man sich etwas Zeit mitnehmen. Denn es gibt viele Fotos zu sehen. Von nationalen und internationalen Filmstars, die in den vergangenen 40 Jahren im Land gedreht haben. Von Kulissen, die nur mit dem Notwendigsten ausgestattet sind, wie Zimmer ohne Decken, Hausfassaden ohne Räume oder ganze Bauernhöfe, denen ein künstlicher Hintergrund geschaffen wurde.

Und es gibt diese paar Straßenecken Venedigs. Bis 2007 stand die Kulisse noch und diente etlichen internationalen Koproduktionen. „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ mit Scarlett Johansson und Colin Firth, „Der Kaufmann von Venedig“ mit Al Pacino und Jeremy Irons oder „Der Herr der Diebe“ mit dem jungen Aaron Taylor-Johnson – sie alle wurden teilweise im Escher Venedig gedreht. Dann aber wurde die künstliche Wasserstadt zu teuer und abgebaut.

Text: Heike Bucher  Fotos: CNA

„Ready. Set. Design. Le décor de cinéma au Luxembourg.“, noch bis zum 11. April 2021 täglich von 11 bis 19 Uhr,
Cercle Cité, rue du Curé, 1368 Luxemburg, Begleittexte in englischer und französischer Sprache.

Author: Philippe Reuter

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