Kein Heile-Welt-Thema: In „Autopsy“ zeichnet Jemp Schuster das Porträt einer Frau, die jahrelang misshandelt wurde, irgendwann genug hatte und sich zu wehren begann. Ein großartiges Stück.
Eine Frau, eingesperrt in einem Käfig. Auf einem Hocker sitzt ein Teddybär. Ihr einziger Gesprächspartner. Ihm wird sie erzählen. Von ihrem Leben, das sie mit einem Kegelspiel vergleicht. „Du bass entweder eng Keel oder eng Klatz. Ech war meeschtens bei den Keelen. A wann eng Klatz gerullt komm ass, dann hunn ech se voll an d’Gladder kritt.“ Mit Männern hat sie stets nur Pech gehabt. Als Kind wird sie vom Vater verprügelt und in den Keller weggesperrt. Dass sie irgendwann Tiere zu quälen beginnt, ist eine logische Folge ihrer zahlreichen Misshandlungen. Allerdings sieht sie sich selbst nicht als eine Peinigerin. „Ech hunn den Herrgott d’Déiere geaffert.“ Die Männer, die sie später umbringen wird, leiden nie länger als nötig.
„Autopsy“ ist das Porträt einer Frau, die Gewalt als etwas Selbstverständliches empfindet. Nicht jedoch, weil sie aus einer zerrütteten Familie und einem asozialen Milieu stammt, eher weil sie nie wirklich erfahren hat, was Liebe ist. Und als sie es dann doch erfährt, ist sie außerstande, dieses Gefühl zu erwidern. Obwohl der Zuschauer wenig Konkretes über die Kindheit und das Erwachsenwerden der Gefangenen erfährt, muss die Frau in ganz normalen Verhältnissen gelebt haben. Sie geht zum Gottesdienst, nimmt im Sommer an Ferienkolonien teil, bekommt Musik- und Schwimmunterricht – nur dass sie dabei stets sexuell missbraucht wird. Vom Kaplan erwartet sie sogar ein Kind. Das Baby kommt tot zur Welt. Die Leiche des Geistlichen findet man später im Beichtstuhl.
Michèle Turpel spielt diese scheinbar gefühl- und reuelose Frau, die dringend therapiert werden müsste, mit einer Nonchalance, die einerseits schockiert und andererseits ungemein Spaß macht. Wenn sie davon zu erzählen beginnt, wie sie unter ihren fünf Ehemännern – „mäin Décken, mäin Alen, mäi Schéinen, mäi Beschten“ und Jean-Louis – gelitten hat, ertappt man sich immer wieder erstaunt bei dem Gedanken, dass diese Psychopathin gar nicht so viel anders ist und denkt als die meisten Frauen, die man kennt. Selbstverständlich treibt es Autor Jemp Schuster gehörig auf die Spitze, dennoch fragt man sich wiederholt: Wer ist hier Opfer, wer Täter? Oder haben Sie noch nie jemanden zum Teufel gewünscht?
Jemp Schusters Text ist unglaublich traurig und ungemein amüsant zugleich.
Im Gegensatz zu den Abscheulichkeiten, welche die Frau dem Teddybär und dem Publikum anvertraut, sind mehrere Textpassagen auf eine ganz besondere Art poetisch (und gesellschaftskritisch): „Et gëtt nach Gléck. Et gëtt nach Zefriddenheet an Häerzlechkeet. A Freed a richteg Léift. Et gëtt och nach en Himmel op dëser Welt. Well all déi Saachen awer ni an de Solde sinn, gesi mir se net.“ Es sind Sätze wie diese, bei denen man am liebsten gleichzeitig lachen und weinen würde. Und es ist genau diese Mischung aus unendlicher Traurigkeit und amüsanter Ironie, die „Autopsy“ derart interessant und spannend macht.
Darüber hinaus entpuppt sich Jemp Schuster ein weiteres Mal als grandioser Menschen- und Frauenversteher. Wie sonst könnte er wissen, dass 40- bis 50-Jährige es am einfachsten haben, sich lächerlich zu machen. Die Kinder sind aus dem Haus. Die Männer oft ebenfalls. Und die Hormone spielen zurück. Mit meist desaströsen Konsequenzen: Mit Extensions in den Haaren, langen falschen Fingernägeln und Silikon in den Brüsten wird ein Hugo nach dem anderen heruntergeschüttet und dabei gebaggert, bis die Schminke sich auflöst und das richtige Alter wieder zum Vorschein kommt. Übertrieben? Keineswegs.
So nüchtern Michèle Turpel ihren Monolog vorträgt (oder zur Musik von Georges Urhausen singt), so übersichtlich ist die Bühne: ein höchstens fünf mal drei Meter großer Käfig. Darin ein paar Möbel und Utensilien. Man kann nicht anders als sich auf die Darstellerin und ihren Text zu konzentrieren. Was übrigens leicht fällt. Am Ende wünscht man sich sogar, die Frau hätte noch mindestens fünf Gatten mehr auf dem Gewissen gehabt, damit das Erzählen und Schaudern kein Ende haben. Aber nein. Nach Jean-Louis ist Schluss.
Michèle Turpel spielt derart großartig, dass man sich wünscht, ihre Figur hätte mindestens noch fünf weitere Männer auf dem Gewissen. Damit das Erzählen kein Ende nimmt.
Jean-Louis hat früher im Nachbarhaus gewohnt, Bücher gelesen und studiert. In Brasilien soll er eine Klinik auf einem Boot auf dem Amazonas geführt haben, um einheimische Indianer gegen Malaria zu impfen. Jetzt will er sich um etwas anderes kümmern. „Ech muss him elo meng ganz Liewensgeschicht opschreiwen. Hie wëllt eng Autopsy vu mir maachen. Um liewegen Objekt, sot hien.“ Das Leiden geht demnach weiter. Die Frau wird eingesperrt und mit Medikamenten ruhig gestellt oder mit Kabelbinder gefesselt, wenn sie aufmüpfig wird. Büßen soll sie, denn sie hat Schuld auf sich geladen. Und so singt Michèle Turpel: „Schold, Schold, Schold. Ech sinn un allem schold. De Misär vun der ganzer Welt. Hunn ech béis Fra eleng verschëlt.“
Das Eva-Syndrom, könnte man meinen. Seit der Vertreibung aus dem Paradies ist Frau die Schuldige, sind Schuld und Sühne weiblich. Freispruch ist männlich. Nicht Adam hat den Apfel gepflückt. Er hat bloß zugeschaut und nicht verstanden, was vor sich geht, ist also unzurechnungsfähig. „All Fra dréit hire Päckelchen ënnert hirem Spëtzeräckelchen“, lautet in etwa zwar die Schlussfolgerung von „Autopsy“, aber eigentlich fordert das Stück zum sich Wehren gegen das Stillhalten auf. Man muss ja nicht sofort zu Rattengift greifen, es gibt andere Wege, sich Genugtuung und Gehör zu verschaffen. So gesehen macht Jemp Schusters Seelenstriptease Mut. Mut zu mehr Eigeninitiative. Häusliche Gewalt findet nämlich nicht ausschließlich woanders statt.

Fotos: LUKO, Serge Hoffmann (1)
„Autopsy“ ist auch in Buchform erhältlich, mit zahlreichen Fotos und dem 2014 uraufgeführten Recto Verso-Programm.


