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Sommerfrische und mehr

In den Kitzbüheler Alpen trifft Tradition auf Innovation. Ein Reiseziel, das seinen Besuchern alles zu bieten hat, was das Herz begehrt.

Ein wirklich „Stilles Örtchen“ ist die Damentoilette im aussichtsreichen Gipfelgasthaus der Hohen Salve nicht. Während Annie einem dringenden Bedürfnis nachkommt, darf sie, zunächst irritiert, erkennen, dass ihr die vielseitige Bergwelt bis auf’s „Haisel“ folgt. Eine knietiefe Fensterscheibe gibt den Blick auf die Bergstation der Gondel frei, die in taktvollen Abständen Besucher auf die Bergkuppe spuckt. Darunter wellt sich der Südhang der Hohen Salve, einer der schönsten Aussichtsberge Österreichs, sanft ins Tal. Dreiundsiebzig Dreitausender sind von hier oben auszumachen, darunter die Kitzbüheler und die Zillertaler Alpen, die Tauern und der Wilde Kaiser. Neben dem Gasthaus überblickt ein mit Holzschindeln verkleidetes Kapellchen die den Betrachter demütig stimmende Weite der Gipfelwelt. „In der ältesten Wallfahrtskirche Österreichs wird‘s heuer keine Trauung geben“, bedauert der Messner, der mit dem vertrockneten Osterkranz aus der Kapelle kommt. Dass den Kitzbüheler Alpen folglich auch die Wanderer und Bergsteiger ausbleiben, ist jedoch eher unwahrscheinlich.

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Blick vom Gipfel Hohe Salve zum Wilden Kaiser

„Ja keine Hotspots schaffen!“ Dieser Satz begleitet die Zeit, in der nun „mit Corona“ gereist werden darf. Allerorts, so auch hier, wird versucht, aus diesem Corona-Mist Dünger zu machen. Direkt neben der Talstation der Bergbahn liegt „Das Hohe Salve“, ein ambitioniertes Sporthotel. Für Manfred Pletzer, den Betreiber, steht die Gesundheit der Gäste ganz weit oben auf der Prioritätenliste: „Jeder Gast, der bei uns war, sollte länger und besser leben“. Um diesem Ziel näherzukommen, hat er zusammen mit Patrick Koller und Toni Innauer, beide Olympioniken, ein fundiertes Konzept entwickelt. Der schlichte Begriff „move and relax“ klingt klar und zunächst kaum aufregend. Dahinter verbirgt sich ausgereifte Methodik. Die Abteilung „move“ umfasst einen übersichtlichen Gerätepark und bietet einfache Übungen auf Matten, mit Kugelhanteln, nahezu archaische Trainingsgeräte sowie „sling trainer“. Dies sind Schlingen mit Bändern, die von der Decke hängen und dabei helfen, gelenkschonend mit dem eigenen Körpergewicht zu trainieren. Das Ziel ist, dass die Gäste „sich wahrnehmend“ trainieren. Die Übenden können dabei ihren körperlichen und geistigen Ist-Zustand achtsam erkennen und daraus ein individuell effektives Programm entwickeln. Die Balance zwischen Bewegung und Entspannung, „relax“, gehört unabdingbar zum Gesamtkonzept. Ein 25 Meter langes Schwimmbecken im Außenbereich, zwei Saunen mit Bergblick und Aussicht auf die abends erleuchtete stolze Kirche von Hopfgarten sind nur ein Ausschnitt aus der weitläufig gestalteten Erholungslandschaft des „Hohe Salve“.

Also anders reisen, die ausgetretenen Pfade meiden und auf ungewohnten Wegen zu wandeln ist angesagt.

Sportresort Hohe Salve

Sportresort Hohe Salve

Ob Markus Ritsch auch Badehosen aus Leder näht, könnte man ihn mal fragen. Im Obergeschoß des St. Johanner „Lederstadl“ riecht es rein und ursprünglich nach Leder. Das ausgebaute Dachgebälk eines alten Bauernhauses dient ihm als Werkstatt, in der er vorwiegend kurze und lange Lederhosen, aber auch Janker und Westen entwirft und näht. Markus Ritsch verziert seine Produkte mit traditioneller Stickerei und nennt sie charmant „Beinkleid“. Sein Sämisch, das heißt mit Tran gegerbtes Hirsch- oder Rindsleder, wird direkt auf der Haut getragen und für eine Hose mittlerer Größenordnung benötigt er mindestens zwei Hirschhäute. „Ein strapazierfähiges Leder entnimmt man immer dem Rücken des Tieres, Nacken und Hinterteil sind zu dünn und dehnbar, weil sich das Tier an den Stellen viel mehr bewegt hat“, erklärt der leidenschaftliche Lederhosennäher. Selbst trägt er seine „Eine-Hose“ das ganze Jahr über. Schlicht, ohne Stickerei, versehen mit Hosenschlitz statt „Stalltür“, wie sich der aufklappbare Latz der traditionellen Lederhose bezeichnenderweise nennt. Die girlandenartigen Stickereien entwirft „MR“, so sein auf die Gürtelschnalle schwungvoll gesticktes Kürzel, selbst. Im Gegensatz zu den ausgefüllten in der bayrischen Lederhosentradition üblichen bunten Blattstickereien, halten die Österreicher die Verzierungen deutlich filigraner. Nicht nur Beinkleider rutschen bei Ritsch über die Nähmaschine, auch Ranzen, in die Arbeitsutensilien wie Hammer, Nägel und Schraubendreher eingehängt werden können, schmücken die Auslage. „Immer lustig“ ziert aufwendig und detailreich gestaltet einen dieser Ranzen.

Melanie Treffer ist nicht nur jung und eine Frau in einem typischen Männermetier, sie ist sogar die jüngste Brennerin Österreichs. Damit nicht genug: Bereits in diesem Jahr gewann ihr Gin Gold bei der „Destillata“ in Wien. Die mittlere von Gidis drei Töchtern hat früh Geschmack am Handwerk ihres Vaters gefunden. Die Genußwerkstatt am Gaßoidhof in Fieberbrunn stellt den Anfang der Tiroler Schnapsroute dar. Während in Deutschland das Wort Schnaps allgemein für Hochprozentiges verwendet wird, gerne auch für billigen Fusel, versteht es sich in Österreich als Bezeichnung für Edelbrände und meint ein wertvolles Kulturprodukt. So fein wie die schöne junge Melanie ihre Lieblingsbrände verkostet, so weich sind die Aromen der Destillate, die von diversen Birnen- und Apfelbränden über Gin bis hin zu Likören reichen. Momentan kann Melanie, die ein Baby erwartet, nicht selbst kosten. Derweil kümmert sie sich zusammen mit Gidi um ein anderes, derzeit noch anfälliges „Kind“: 45 Obstbäume wurden in diesem Frühjahr gepflanzt, darunter seltene alte Apfel- und Birnensorten. „Nein, keine Williamsbirne! Einer meiner Lieblingsschnäpse wird aus einer alten Mostbirne gebrannt“, bekennt Melanie strahlend.

Hinter einer unscheinbaren Kuppe, von unten nicht sichtbar, zeigt sich unmittelbar der Uferbereich des Sees.

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Landschaft beim Grosssen Wildalmsee

Ruhig und nahezu einsam zeigt sich der sanfte Anstieg oberhalb der Neuen Bamberger Hütte nicht immer. Über der Roßwildalm liegt der Duft von Gräsern und Heide, Aromen von Pfeffer und Muskat lenken den Blick zu den ersten Alpenrosen. Doch wer hier zu versonnen die Nase in die Luft hält, kann leicht in den unteren Wildalmsee stolpern. Eine herzhafte Erfrischung! Hinter einer unscheinbaren Kuppe, von unten nicht sichtbar, zeigt sich unmittelbar der Uferbereich des Sees. Glatt oder knittrig spiegeln sich die Wolken auf der Wasseroberfläche. Wie ein stiller Beobachter bewacht der Tristkopf von Südwesten aus die Szenerie. Auf die Bergwand gekleckste Schneefelder geben seiner kegelförmigen Figur den Anschein, als sei er in ein Kuhfell gewickelt. Sobald der Tristkopf seinen Wolkenhut von der Spitze nimmt, gibt er hinter sich ein Panorama frei, das bis zu den Tauern reicht, nur den Anblick des Großglockners verdeckt er. „Das Gelände ist so weich und vorhersehbar modelliert, deshalb eignet es sich hervorragend für Skitourenanfänger“, schwärmt Andi, staatlich geprüfter Berg- und Skiführer. Doch noch ist Sommer und Andi Gastl leitet Wanderungen und führt Klettersteige. „Heuer geh‘ ich mit dem Papa auf den Großglockner!“ freut sich der zwölfjährige Jakob, während er schmunzelnd vor der Bamberger Hütte seinen Apfelstrudel mampft. Der älteste von Andis drei Kindern ist längst infiziert von der Bergbegeisterung seines Vaters.

Thomas, der Hüttenwirt der Neuen Bamberger Hütte, sieht die Berge aus einer anderen Perspektive. Er mahnt: „Haltet mir die Touristen fern!“. Erstaunt horcht der versonnene Wanderer auf, während Thomas erklärt, dass die Hütte in diesem Sommer nur 30 von 70 Schlafplätzen vergeben darf. Sie ist bereits seit Wochen belegt und er muss Wanderern täglich absagen. Da ist er wieder, der Aufschrei: „Ja keine Hotspots schaffen!“ Aber ist es nicht auch möglich, den Einschränkungen, die die Corona-Zeiten mit sich bringen, etwas Positives abzugewinnen? Warum nicht der Natur eine Pause gönnen? Anders reisen, die ausgetretenen Pfade meiden und auf ungewohnten Wegen zu wandeln ist angesagt. Doch wie geht das, ohne den letzten Refugien nun auch noch die notwendige Ruhe zu rauben? Eine Möglichkeit könnte sein, sich von den Menschen vor Ort inspirieren und begleiten zu lassen.

Am Sonntagmorgen führt Patrick Koller Greta und Fritz, die Ihren Aufenthalt im „Hohe Salve“ bewusst mit dem schönen alten Begriff „Sommerfrische“ betiteln, auf E-Mountainbikes hinauf zur Holzalm. Eine schmale Fahrstraße schlängelt sich durch die Gemeinden von Penningberg, vorbei an Höfen, deren dunkle Dächer wie ein abgeschnittenes Haarpony über die Giebelwand hängen. Von der Zeit gereiftes Lärchenholz verbreitet beim ersten Schritt über die Schwelle der Holzalm ein Gefühl von Ewigkeit. Draußen auf dem Freisitz ersetzt das Grunzen der freilaufenden und somit glücklichen Almschweine die meist ohnehin überflüssige Konservenmusik. Eine Terrasse tiefer in der Käserei geht der „Käse-Kasanova“ Benjamin Schmidhofer mit seinem Mitkäser, Anton Kastner, seiner Passion nach und lauscht der Milch ab, in welche Käseform sie von ihm transformiert werden möchte. Das Resultat sind milde und herzhafte Bergkäse, die nach Almblumen und Weiden schmecken. Molke, die beim Käsen übrigbleibt, trinken die Schweine, ebenso fressen sie Gräser und Blümchen, die hier oben wachsen. Auf die Frage, ob die Essensreste der Almgäste als Futter zu den Schweinen wandern, schmunzeln Johann Misslinger und Andi Sammer, die Obmänner der Holzalm, kopfschüttelnd: „Na, da bleibt nix übrig, die Jausen is‘ so gut hier oben!“

Text: Patricia Wohlgemuth  Fotos: Markus Kirchgessner

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Autorin Patricia Wohlgemuth und Wanderfuehrer Andreas “Andi” Gastl

Author: Philippe Reuter

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