Cricket gilt als kompliziert und als Ausdruck britischer Lebensart. Dabei wurde das englische Team dieses Jahr zum ersten Mal Weltmeister. In Luxemburg erlebt die Sportart einen Aufschwung.
Schon von weitem sind die Schläge zu hören. Etwa ein Dutzend Männer hat sich auf dem Cricket Ground in Helmsingen eingefunden und damit begonnen, für ihren großen Auftritt zu üben. Einige sind in Weiß gekleidet, das typische Outfit im englischen Cricket. Neben der weiträumigen Rasenfläche haben sie sich hinter einer von hohen Zäunen umgebenen Anlage zum Training zusammengefunden. Einer hat seine Beinschoner festgezurrt, seinen Helm aufgesetzt und ist mit seinem Schläger, der mehr einem Paddel gleicht, in einen der „Käfige“ getreten. Er ist der „Batsman“. Wie ein Samurai-Kämpfer, der bereit ist, mit seinem Schwert auszuholen, steht er vor dem Wicket, einer Holzkonstruktion aus drei Längs- und zwei Querstäben, die er beschützend verteidigt. Hinter dem Gestell lauert hockend ein zweiter Mann mit Fanghandschuhen, ebenfalls mit Helm und Beinschützern – der Wicket-Keeper.

„Bowling“ von Mohit Dixit
Der Bowler läuft an. Alles spielt sich nur in wenigen Sekunden ab. Der Anlauf ist mehr grazil als schnell. Dann wirbelt sein rechter Arm durchgestreckt in einer Kreisbewegung über den Kopf. Der Bowler katapultiert den harten, dunkelroten Ball aus Leder und Kork, der gerade in seine Faust passt, mit einer irren Geschwindigkeit von mehr als hundert Stundenkilometern in Richtung des kniehohen Wickets. Klack, klack, klack – nein, es ist ein anderes Geräusch, mit Worten nicht zu fassen. So wie der Ball mehr ein Geschoss ist, klingt es schöner, erhabener – für die Cricket-Fans gibt es kein schöneres Geräusch als jenes, wenn der Ball mit dem Schläger des Batsmans zusammentrifft. Es ist „The Sound of Summer“, so wie auch die Übertragungen der BBC von den Cricket-Spielen heißen. Denn Sommerzeit ist Cricket-Zeit. Die Cricket-Saison dauert von Mai bis September.
In einigen Staaten des Commonwealth ist Cricket Nationalsport.
„Natürlich haben wir auch Indoor-Cricket“, erklärt Stephen Evans, Sprecher der Luxemburger Cricket-Föderation. „Aber eigentlich gehört unser Sport in die warme Jahreszeit. Zum Beispiel wird ein Spiel auch unterbrochen, wenn es zu regnen beginnt.“ Nicht an diesem Spätsommerabend, an dem die Sonne noch scheint und die Kühe auf dem angrenzenden Grundstück weiden, während die Männer sich auf ihre Reise vorbereiten, die sie nach Rumänien führt und wo sie sich beim Continental Cup mit Cricket-Teams unter anderem aus Österreich, der Türkei oder Tschechien messen werden. Das Luxemburger Team, bestehend unter anderem aus Briten und Indern sowie Spielern aus anderen Ländern weltweit, die zumindest drei Jahre ununterbrochen im Großherzogtum gelebt haben müssen, hat gute Chancen, das Turnier zu gewinnen. Dies gelang ihm bei ihrer letzten Teilnahme 2015. Das viertägige Aufeinandertreffen unter Aufsicht des International Cricket Council wird auch darüber entscheiden, ob Luxemburg noch weiterklettert in der Weltrangliste. Zurzeit liegt Luxemburg auf Platz 43, vor Ländern wie Belgien, Frankreich und Spanien.

Suhail Sadiq beim „Bowl“

Batsman Girish Venkateswaran mit Trainer Graham Cope
Weltweit führend sind Länder, in denen Cricket Nationalsport ist, wie im Cricket-verrückten Indien, wo die Megastars mit Millionenverträgen ausgestattete Nationalhelden sind, oder Pakistan, wo Premierminister Imran Khan einst mit der Nationalmannschaft Weltmeister wurde, nicht zu vergessen den fünffachen Champion Australien, aber auch Sri Lanka und Südafrika, Neuseeland und eben England. Im Mutterland des im 18. Jahrhundert entstandenen Sports gehen die Ursprünge sogar bis ins 13. Jahrhundert zurück, „wo einst Schafhirten eine frühe Form des Crickets ausübten, während sie ihre Herde hüteten“, wie Stephen Evans erzählt, während die Spieler noch eifrig trainieren. Dass England dieses Jahr zum ersten Mal den World Cup für sich entschied und, wenn auch nur knapp, die Neuseeländer im Finale bezwang, dürfte eine Genugtuung für jeden Engländer sein. „Stellen Sie sich vor, als Fußballfan fiebern Sie bei einem Spiel anderthalb Stunden mit Ihrer Mannschaft mit“, sagt Evans. „Bei einem Cricket-Match, das sich über fünf Tage erstreckt, sind Sie genauso lange angespannt. Sie leiden mit, sind nervlich völlig fertig, verfolgen das Match – und alle befinden sich in einem Ausnahmezustand.“
Vielleicht haben die Dauer des Matchs über mehrere Tage, die für Außenstehende relativ komplizierten Regeln des an Skurrilität nicht armen Sports der Gentlemen dafür gesorgt, dass es sich außerhalb des einstigen Britischen Empires, im Commonwealth, nie wirklich durchgesetzt hat. Mittlerweile gibt es mit dem sogenannten Twenty20 eine Spielform des Crickets, das „nur“ etwa drei Stunden dauert. Diese rasantere Variante wurde eingeführt, um den Sport nicht zuletzt für Fernsehübertragungen attraktiver zu machen. So wird die Indian Premier League im Twenty20 ausgetragen, der World Cup als One-Day-Cricket. Während beim Letzteren nur die Zahl der „Over“, der Würfe, begrenzt ist, gilt beim „First Class Cricket“ nur eine zeitliche Begrenzung für das gesamte Spiel – zum Beispiel vier Tage und jeweils sechs Stunden. Die sogenannten Test-Matches sind hingegen auf fünf Tage veranschlagt. Als wichtigste „Testserie“ gelten „The Ashes“, das zweimal in vier Jahren stattfindende, über mehrere Wochen ausgetragene Aufeinandertreffen zwischen Australien und England. „Es ist das traditionsreichste und wichtigste“, erklärt Stephen Evans. „Und wir befinden uns mittendrin.“ Die Zeitungen sind voll davon, und der britische Premierminister Boris Johnson hat den Cricket-Star bereits für den Ritterschlag durch die Queen vorgeschlagen. Der Begriff „Ashes“ geht übrigens zurück auf ein Aufeinandertreffen der beiden Rivalen im Jahr 1882. Damals erlitt England seine erste Heimniederlage. In einer Zeitung erschien ein Nachruf auf das englische Cricket unter anderem mit den Worten: „Der Leichnam wird verbrannt und die Asche nach Australien gebracht werden.“ Seither geht es für Engländer darum, die Asche symbolisch zurückzugewinnen. Tatsächlich gibt es eine Urne mit Asche, die heutzutage im seit 1787 bestehenden Marylebone Cricket Club ausgestellt ist.
Auch Tony Whiteman weiß um den Ernst des Spiels. Der Neuseeländer hat mit seinen 50 Jahren eine lange Erfahrung. Zudem ist er Kapitän der Luxemburger Nationalmannschaft. „In unserem Sport wird noch besonders viel Wert auf Fairness gelegt“, sagt Whiteman, der im Finanzbereich tätig ist und darüber hinaus auch Rugby spielt. Zusammen mit dem Trainer bzw. Manager Graham Cope hat er das Team in die Erfolgsspur gebracht. „Cricket gibt es nicht erst seit gestern in Luxemburg“, betont Stephen Evans. „Das erste Match wurde hier 1973 gespielt, als erster Klub wurden drei Jahre später die Optimists gegründet.” Inzwischen sind die „Optimisten“ einer von acht Cricket-Vereinen hierzulande und spielen in der belgischen Liga – mit Erfolg: Dreimal wurde man im Nachbarland bereits Meister. Die Luxembourg Cricket Federation (LCF) kann dieses Jahr bereits ihr 25-jähriges Bestehen feiern, organisiert Turniere und lädt Teams unter anderem aus Australien zu Freundschaftsspielen ein, veranstaltet eine Indoor-Liga und zählt mit den Maidens CC auch ein Frauenteam zu den Mitgründern.
In jüngster Zeit stieg die Zahl der Spieler in Luxemburg um etwa 20 Prozent.
International mag Cricket vielleicht in der Krise stecken. Doch dafür expandiert es in anderen als den traditionellen Ländern dieser Sportart. In Deutschland sorgen derzeit vor allem afghanische Flüchtlinge dafür, dass in manchen Städten häufiger Wickets aufgestellt werden, Batsmen den Schläger schwingen und Bowler mit artistisch anmutenden Einlagen den Ball werfen. „Eine Erfolgsgeschichte“, weiß Stephen Evans, der eine Zunahme an Spielern um rund 20 Prozent in den vergangenen Jahren festgestellt hat. „Das sind vor allem IT-Experten aus Indien, die nach Luxemburg kommen – und ihren Sport ausüben wollen.“ Während Manager Cope die Trikots für das Turnier in Rumänien an die in der Dämmerung des Sommerabends um ihn sitzenden Spieler verteilt, schaut Evans auf sein Smartphone. Es ist Zeit, danach zu schauen, was bei den „Ashes“ passiert ist.
Letztendlich verläuft das Turnier in Rumänien nicht so, wie es das Luxemburger Cricket-Team erwartet hat. Es gewinnt gegen die Türkei und muss dreimal den Kürzeren ziehen. Je eine Niederlage gegen Rumänien, Tschechien und Österreich bedeutet Lehrgeld für die Männer um Tony Whiteman. Nichtsdestotrotz haben sie erfahren, dass sie für das Qualifikationsturnier zum Twenty20 World Cup 2021 zugelassen sind. „Wir mussten beweisen, dass wir genügend Teams und Spieler haben“, erklärt Stephen Evans. Immerhin ein Erfolg, der sich sehen lassen kann.
Fotos: Leslie Schmit

Chris Fry erwartet den Wurf von Richard Neale.




