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Spielend die Welt retten

Das kooperative Brettspiel „Earth Rising“ aus dem Hause „Stop, Drop and Roll“ ist nicht einfach nur ein netter Zeitvertreib – es geht auch darum, mal kurz den Klimawandel aufzuhalten. Nicht nur im Spiel.

Ein Brett, eingeteilt in mehrere Bereiche, zig Karten, Plättchen, Token, Spielfiguren, Steinchen, alles in bunten Farben. „Earth Rising“ kommt daher wie ein gewöhnliches Spiel. Dabei ist es viel mehr als das. Die runde Form des Bretts steht für unseren Heimatplaneten, und die dazugehörigen Materialien dienen als Unterstützung im Kampf gegen den Klimawandel. Es handelt sich um ein kooperatives Brettspiel. Die bescheidene Mission: die Rettung der Welt. Und man hat exakt 20 Jahre bzw. Runden Zeit, um das Schlimmste zu verhindern.

Autor des Spiels ist Laurie Blake, Spieleentwickler und Geschäftsführer von „Stop, Drop and Roll Games“. Nicht nur Umweltschutz, auch Inklusion und Diversität liegen ihm am Herzen, „weil jeder diese Gesellschaft mitgestalten kann und soll. Wir sind stolze Antifaschisten“.

Aber zurück ins Jahr 2019. Dem Briten ging es damals nicht gut, seine Pläne, den frisch gegründeten Spielverlag „Stop, Drop and Roll Games“ weiterzuführen, wurde aufgrund einer geplatzten Geschäftsbeziehung und durch die Pandemie erschwert. Sein Traum, als Spieleautor zu arbeiten, stand vor dem Aus.

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„Das war eine sehr dunkle Zeit für mich, ich war ziemlich depressiv“, sagt der 32-Jährige. Doch dann lud ihn eine Freundin ein, sich gemeinsam mit ihr die Dokumentation „2040 – Wir retten die Welt“ anzusehen. Das war im November 2019, und es war die Geburtsstunde des Spiels, das anfangs noch den Arbeitstitel „2040 – The Boardgame“ innehatte. Die Doku wurde auch zu seinem persönlichen und beruflichen Rettungsanker. „Mir wurde klar, dass wir nicht nur etwas tun können, sondern müssen“, erklärt er.

In dem Film, der auf Netflix zu sehen ist, stellt Damian Gameau die Frage, wie wir nachhaltiger leben können, um den Klimawandel aufzuhalten und es künftigen Generationen einfacher zu machen. Er zeigt auf, welchen Einfluss wir, als Gesellschaft, aber auch als Individuen, haben. Und was man mit den Möglichkeiten, die es bereits gibt, tun kann. Diese Botschaft nahm er sich zu Herzen. Gemeinsam mit Rob Ingle, seinem Geschäftspartner, wagte er es dann doch, mit dem Verlag weiterzumachen. Mit „Pugs in Mugs“ erschien das erste Spiel, schließlich ging es an die Ausarbeitung von „Earth Rising“, das anfangs noch den Arbeitstitel „2040 – the Boardgame“ innehatte.
Laurie Blake, der Brettspiele liebt, „seit ungefähr immer schon“, wie er lachend sagt, hatte nämlich eine Idee. An diesem einen, ziemlich langen Abend nach der Filmvorführung entwarf er die erste Skizze eines Spiels. Nach ein paar Monaten Tüfteln, gemeinsam mit seinem vierköpfigen Team, stand der Prototyp. Nach anderthalb Jahren Entwicklung, Beratung von Umweltschutz-Experten und sogar den Machern der Doku „2040“ startete im August 2021 eine Crowdfunding-Kampagne auf Kickstarter. Das gesetzte Ziel: Innerhalb von einem Monat 14.500 britische Pfund (umgerechnet etwas mehr als 17.000 Euro) zu sammeln. Der Plan geht auf. Besser als angenommen. Mittlerweile sind 37.150 britische Pfund (umgerechnet fast 44.000 Euro) zusammengekommen, von insgesamt 790 Unterstützern.

Laurie Blake konnte es kaum fassen: „Das war der absolute Wahnsinn. Und es zeigt, dass auch viele andere Menschen Interesse an diesem Thema haben. Das gibt mir Hoffnung“. Weil es ihm wichtig sei, eine positive Botschaft zu vermitteln, trage das Spiel nun eben auch den hoffnungsvollen Titel „Earth Rising“, Erhebung der Erde.

Das kooperative Konzept, basierend auf dem „Doughnut-System“ der Ökonomie-Expertin und Oxford-Professorin Kate Raworth, erinnert an Brettspiele wie „Pandemie“ oder „Spirit Island“. Die beiden Spiele hätten ihn zwar inspiriert, auch bei diesen gehe es darum, gemeinsam an einem Ziel zu arbeiten. „Im Mittelpunkt steht aber nicht die Bekämpfung eines Virus oder die Kolonialisierung durch Inselgeister, sondern die Rettung unserer Erde“, sagt er.

Gemeinsam arbeitet man daran, das Spiel, das den ökologischen Kollaps anvisiert, auszubremsen und die Welt nachhaltig in einen harmonischeren Zustand zu versetzen. Dazu werden die speziellen Fähigkeiten der unterschiedlichen Spielfiguren, wovon es sechs gibt, mittels der mitgelieferten Materialien eingesetzt. „Das Ziel ist es, den Wettlauf gegen die Zeit zu gewinnen“, sagt Laurie Blake. „Das geht auch mit kleinen Schritten. Und am besten gemeinsam. Und das wollen wir den Leuten da draußen mit dem Spiel auch zeigen.“
Einen Solo-Modus gibt es, neben der Option, es etwa auf der Plattform Screentop kostenlos online zu spielen, aber auch. Der funktioniert etwas anders als die Mehrspieler-Version, hat aber dasselbe Ziel. Der Grund für die Single-Player-Variante: „Wir wollen das Spiel so vielen Menschen wie nur möglich zugänglich machen“, sagt er. Das Spiel selbst wirkt auf den ersten Blick zwar ziemlich komplex, was Laurie Blake auch bestätigt, doch die Regeln – die es neben der englischen Version auch auf Deutsch, Französisch, und Spanisch gibt – mache es auch für Anfänger leicht, sich einzuarbeiten. „Wir haben wirklich hart daran gearbeitet, es so einfach wie nur möglich zu gestalten“, sagt er. Video-Anleitungen auf YouTube und auf der Kickstarter-Seite des Spiels tun ihr übriges.

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 Die Welt auf nachhaltige Weise zu verändern, das geht auch mit kleinen Schritten. Und am besten gemeinsam.
Und das wollen wir den Leuten da draußen mit dem Spiel auch zeigen. 

Laurie Blake, Geschäftsführer von SDR Games und Autor von Earth Rising

„Earth Rising“ ist nicht nur ein Zeitvertreib für die ganze Familie bzw. für Kinder ab elf Jahren, es hat auch einen Einfluss auf das echte Leben. 50 Prozent der Einnahmen werden an Organisationen gespendet, die sich für den Umweltschutz einsetzen, darunter „Stop Ecocide“, „thought for food“ und „Permaculture Association“.

Laurie Blake tut auch selbst so einiges für die Umwelt. Er ist seit seiner Kindheit Vegetarier, kauft secondhand ein und er teilt Nahrungsmittel mit seinen Nachbarn, um Lebensmittelverschwendung zu minimieren. Dass auch das Spiel nachhaltig hergestellt werden soll, verstand sich von selbst. Ein Unternehmen zu finden, das dies anbietet, sei aber schon eine Herausforderung gewesen, erzählt Laurie Blake. Schlussendlich hat das Team mit „Hero Manufacturing Company“ einen Produzenten gefunden, der diesen Bedingungen gerecht wird. Sämtliche Materialien werden auf nachhaltige Weise, mit recycelten Wertstoffen und ohne Plastik hergestellt.

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Damit die Botschaft des Spiels auch bei den Jüngsten ankommt, gibt es ein Educational Pack, das Lehrern und Erziehern die Vermittlung der Inhalte erleichtern soll. Gemeinsam mit Experten hat das Team die passenden Materialien für Unterrichtseinheiten zusammengestellt. Eine Broschüre, vollgepackt mit Informationen rund um nachhaltige Praktiken und wie man diese umsetzen kann, liegt aber auch dem Original-Spiel, das für 40 Pfund (umgerechnet 47 Euro) erhältlich sein wird, bei.

Ab Juni soll das Spiel ausgeliefert werden, auch in limitierter Anzahl in deutscher Sprache. „Bisher haben wir aber noch keinen deutschen Spieleverlag gefunden, der die Produktion in größerer Auflage übernehmen will. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf“, sagt er optimistisch. Die Frage, ob wir es schaffen, die Welt innerhalb der nächsten 20 Jahre zu verändern, Laurie Blake beantwortet sie mit Ja. „Wir sind noch nicht verloren. Wenn wir nur alle anfangen, etwas zu tun.“

Weitere Informationen unter https://sdrgames.studio

Text: Cheryl Cadamuro , Fotos: Stop, Drop & Roll Games

Author: Dario Herold