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Sportmuffel

Er fördert Körper, Psyche und verbessert kognitives Vermögen. Fachleute halten den Stellenwert des Sports für zu niedrig. Woran liegt das? Und an welchen Stellen herrscht Verbesserungspotenzial?

Die Luxemburger Sportkultur nimmt ab. Schon vor der Pandemie bedingten Schnelllebigkeit und Digitalisierung unserer Lebensweise ein Schwinden der regelmäßigen körperlichen Betätigung. Spätestens im Lockdown kam die Pflege der Fitness bei vielen dann endgültig zu kurz. „Es ist teilweise erschreckend. Die motorischen Fähigkeiten der Kinder werden immer schlechter“, fasst Nicole Kuhn-Di Centa, Präsidentin der LASEP, die Situation zusammen. Dabei weiß die Sportwissenschaft schon lange, dass der Mensch einen angeborenen Drang zur Bewegung hat. Umso schockierender sei die Erkenntnis, dass sich die motorischen Fähigkeiten der Kinder in Luxemburg scheinbar zurückentwickeln. Doch wo liegt das Problem?

Das COSL-Gebäude in Strassen ist das Epizentrum der Luxemburger Sportwelt. In ihm sind neben dem Olympischen Komitee zahlreiche weitere Luxemburger Sportverbände untergebracht. Darunter auch zwei Verbände, die sich in gewisser Weise von den anderen abheben. Die LASEP und die LASEL verwalten nicht die Vereinswelt einer einzelnen Sportart. Die LASEP und die LASEL fördern den Breitensport bei Kindern und Jugendlichen. Auf der Suche nach Antworten bezüglich der Sportförderung in Luxemburg erscheinen die beiden Verbände wie ein guter Ausgangspunkt. Und sie sind sich einig: Den einen Sündenbock gibt es nicht. Die Hindernisse sind vielfältig.

Ein Kernelement des Problems ist das sozio-kulturelle Umfeld in Luxemburg. „Der Stellenwert des Sportes in Luxemburg ist zu niedrig“, bemängelt Kuhn-Di Centa. Marc Hoffmann, Generalsekretär der LASEL geht einen Schritt weiter und differenziert: „Auf der einen Seite gibt es die Familien, in denen der Sport dazu gehört. Auf der anderen Seite gibt es die deutlich weniger sportaffinen Familien.“ Seinen Erklärungsversuch stützt Hoffmann auf dem sozialen und beruflichen Umfeld: „Familien, in denen beide Elternteile lange arbeiten, haben oft weder Zeit, selbst sportlich aktiv zu sein, noch Zeit ihre Kinder zu den jeweiligen sportlichen Aktivitäten zu bringen. Diese Kinder bleiben dann einfach auf der Strecke.“ Ganz ohne Kontakt zum Sport muss in Luxemburg allerdings niemand aufwachsen. Immerhin gibt es den Schulsport, der jedem Kind erlaubt, sich abhängig vom Alter eine oder mehrere Stunden pro Woche sportlich zu betätigen.

Die Ideen sind da. Mehr Schulsport, qualifiziertes Personal, erklärende Kommunikation und positive Anreize für das Ehrenamt. Jetzt brauchen wir noch den Mut sie umzusetzen.Marc Hoffmann, Generalsekretär der LASEL

Lasep-16-KopieAuszureichen scheint dieser Kontakt allerdings nicht. Sportlehrer Hoffmann erklärt, warum: „Bei einer Schulstunde Sport gehen durch das Umziehen am Anfang und Ende schon direkt zehn Minuten verloren. Wenn man dann auch noch nur einmal die Woche Sport macht, reicht das nicht aus.“ Der Wunsch der Sportverfechter im Bildungsbereich sei daher schon seit mehreren Jahren: Eine Sportstunde pro Tag. Wunschdenken, befürchtet Kuhn-Di Centa: „Mehr Sport würde bedeuten, dass andere Schulstunden wegfallen. Das würde nicht gut ankommen. Die einzige Möglichkeit wäre dann die Ganztagsschule, und das halte ich im Moment für unrealistisch.“ Unabhängig von der Organisation spielt auch das Personal eine wichtige Rolle. In weiterführenden Schulen (Lycées) ist mit Sportlehrern spezifisch ausgebildetes Personal im Einsatz. In Tagesstätten und Grundschulen müssen die Erzieher oder Lehrer den Sportunterricht übernehmen. „Das ist nicht gut. Wir sollten kein Personal im Sport haben, das gezwungen ist etwas zu tun. Schon gar nicht bei jungen Kindern. Motivation ist das A und O für die erfolgreiche Vermittlung von Spaß am Sport und dessen Wichtigkeit“, merkt Kuhn-Di Centa an.

Der Fingerzeig auf Bildungseinrichtungen alleine reicht allerdings nicht aus. Auch auf politischer Ebene herrscht Handlungsbedarf. Sportminister Dan Kersch ist sich dessen bewusst und hat vor rund einem Jahr einen Zehn-Punkte-Plan zur Wiederbelebung des Luxemburger Sportes „nach“ Corona vorgestellt. Zwei der angestrebten Veränderungen betreffen auch die Sportförderung. Auf der einen Seite soll die Ehrung eines „Freiwilligen des Jahres“ dem Mangel an Ehrenamtlichen entgegenwirken, und auf der anderen Seite soll das Schaffen von Sportkoordinatoren in Gemeinden zur allgemeinen Professionalisierung und Verbreitung des Sportes führen. Die Idee zugunsten der Ehrenamtlichkeit ist lobenswürdig, greift in den Augen von Marc Hoffmann allerdings zu kurz: „Ich glaube kaum, dass man damit mehr Menschen zum Ehrenamt bewegt.“

Einen Sportkoordinator ernannte Kersch bereits vor zwölf Jahren. Damals war er noch Bürgermeister in Monnerich, förderte das Projekt „Multisports Mondercange“ und suchte den ersten Sportkoordinator Luxemburgs. Jeff Decker übernahm diesen Posten 2009: „Meine Arbeit liegt vor allem in der Entwicklung und Überwachung eines Konzeptes für das Projekt. Dazu kommt die tägliche Planungsarbeit, das Abhalten einiger Sportstunden und die Kommunikationsarbeit.“ Ein wichtiger Bestandteil seines Arbeitsalltages sei auch die Interaktion mit den unterschiedlichen Akteuren der Sportwelt.

Etwas mehr konkrete Interaktion würde sich auch Kuhn-Di Centa wünschen. Im Konsens mit Marc Hoffmann fordert sie jetzt Kommunikation und direkt daran gekoppelte Handlungen. „Jeder ist sich der Bedeutung des Sportes und der Bewegung bewusst. Nur gemeinsam können wir die Sportförderung optimieren. Auch die Eltern müssen von Anfang an als Partner miteinbezogen werden.“ Marc Hoffmann hofft in diesem Zusammenhang in erster Linie auf mehr Risikobereitschaft: „Die Ideen sind da. Mehr Schulsport, qualifiziertes Personal, erklärende Kommunikation und positive Anreize für das Ehrenamt. Jetzt brauchen wir noch den Mut, sie umzusetzen.“

Jeff Decker fokussiert eher den sozio-kulturellen Rahmen. An zwei Dingen stört er sich besonders: „Den Satz, „Mein Kind kann heute nicht zum Sport, weil es morgen Prüfung hat“, kann ich nicht mehr hören. Es gibt kein Kind auf der Welt, das sieben Stunden am Stück lernt, ganz unabhängig davon, dass der Sport die Lernfähigkeit erhöht. Dieser Satz ist nur ein Beweis für den zu geringen Stellenwert des Sportes.“ Darüber hinaus will Decker den Unterschied zwischen Sport und Bewegung betonen. Demnach wäre nicht der Sport gesund, sondern die Bewegung: „Sport ist Wettbewerb und kann ab einem gewissen Niveau auch gesundheitsschädlich sein. Es geht nicht darum, die Menschen direkt zum Sport zu bringen, sondern zur Bewegung.“

Text: Daniel Baltes // Fotos: Martine Feller (Editpress), LASEP-Archiv

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Author: Philippe Reuter