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Starke Worte

Über die Corona-Pandemie wird oft so berichtet, als befänden wir uns in einem Krieg. Was damit erreicht werden soll, erklärt Dr. Christoph Purschke, Professor für Computerlinguistik an der Uni Luxemburg.

Politiker und Medien benutzen in der Pandemie oft martialische Begriffe wie „Krieg“, „Kampf“ und „unseren Feind, das böse Virus“. Warum ist das so?
Mit der Corona-Pandemie befinden wir uns in einer Extremsituation, für die Worte gefunden werden müssen. Die Bedrohung ist vielleicht am ehesten mit einer Naturkatastrophe oder einem Krieg vergleichbar. Dass deshalb dasselbe Vokabular benutzt wird, ist nicht verwunderlich. Man muss die Bedrohung irgendwie greifbar machen, gerade, wenn sie nicht einmal sichtbar ist. Dann benutzt man Analogien und Metaphern, damit die Menschen den Ernst der Lage verstehen. Und es gibt durchaus Ähnlichkeiten zu solchen Extremsituationen: Wir sind alle betroffen und es geht für viele um Leib und Leben.

Aber dadurch entsteht auch Angst, oder nicht?
Sicher wird dadurch auch Angst geschürt, doch es geht ja darum, eine ganze Bevölkerung zu mobilisieren. Wenn ich Boris Johnson oder Emmanuel Macron zuhöre, die beschwörende Reden halten über den „Kampf gegen das Virus“, erinnert das schon so ein bisschen an Wilhelm II., der ein Volk auf einen Feind einschwört.

Man könnte doch sachliche medizinische Informationen liefern und versuchen, das Ganze objektiver zu beschreiben. Stattdessen wird dem Virus die Motivation zugeschrieben, uns schaden zu wollen. Über Krebs wird in der Regel anders berichtet, und an Krebs sterben mehr Menschen als an Covid-19.
Krebs ist statistisch gesehen sicherlich die größere Gefahr, aber diese Krankheit ist schon lange da, an ihr arbeitet sich die Welt schon lange ab. Von Corona wurde die ganze Welt mehr oder weniger zum selben Zeitpunkt überwältigt. Politiker mussten die Menschen davon überzeugen, dass Einschnitte in die persönliche Freiheit nötig sind. Eine Strategie – ich sage nicht, dass es die einzige ist – ist es, mit Zuspitzungen zu arbeiten und ein Bedrohungsszenario auch sprachlich herzustellen. Wenn ich ein ganzes Volk auf einen Lockdown einstellen muss, sind sachliche Informationen vielleicht nicht immer hilfreich. Aus der Rhetorik weiß man, dass emotionale Ansprachen hilfreich sind, um bestimmte Zustände herzustellen.

Emotionale Ansprachen sind hilfreich, um bestimmte Zustände herzustellen. Christophe Purschke

Im Laufe des Jahres hat sich gezeigt, dass mehr als 80 Prozent der Infizierten die Infektion überstehen, ohne schwere Symptome zu entwickeln. Die Gefahr scheint also kleiner als anfangs gedacht. Trotzdem wird noch immer auf dieses Vokabular zurückgegriffen.
Der Modus ist immer noch derselbe, die Gesellschaft ist immer noch in der Krise, gerade wurde in Deutschland ein neuer Lockdown beschlossen. Wie man über bestimmte Dinge spricht, setzt sich relativ schnell fest und ist schwer wieder aus der Welt zu bekommen.

Könnte diese Wortwahl die sogenannten „Corona-Leugner“, was ja auch wieder so ein heftiges Wort ist, weil kaum einer die Präsenz des Virus leugnet, erst ermutigt haben, sich gegen die Maßnahmen zu wehren?
Dieses Bedrohungsszenario, das durch Sprache vermittelt wurde, hat man als Rechtfertigung benutzt, um Einschränkungen herbeizuführen. Das könnte sicherlich ein Motiv für Menschen sein. Die Zuspitzung von Sprache kann dazu führen, dass Menschen sich wehren. Natürlich hätte es andere Wege gegeben, über diese Pandemie zu berichten. Aber auch Entscheidungsträger waren von der Lage überfordert. Zudem leben wir in einer Zeit, wo jede Äußerung sofort medial weiterverbreitet und verstärkt wird.

Wenn man jeden Tag gesagt bekommt, wie schlimm alles ist, dann glaubt man es auch?
Das spielt eine Rolle, ja. Weil man das auch zu Beginn selbst nicht einschätzen konnte, es hatte ja niemand Erfahrungen mit dieser Krankheit. Wenn Kommunikation mit Zuspitzungen arbeitet, trägt das zu einem Klima bei, in dem Leute anfangen, Supermärkte leerzukaufen, weil sie sich in einer bedrohlichen Situation wähnen.

In der Rhetorik gibt es Parallelen zur Sportberichterstattung. Kann man das vergleichen?
Den Sport kann man damit nur teilweise vergleichen, weil die Entstehungszeit der Massensportarten mit der Zeit des Nationalismus zusammenfällt. Das führt zu ähnlichen Wörtern, aber anderen Gründen. Massensportarten, in denen drastisches Vokabular üblich ist, zum Beispiel Fußball, wurden in einer Zeit populär, in der Konflikte zwischen Nationen akut waren, verbunden mit militärischer Rhetorik. Da wird auf einer symbolischen Ebene ein Kampf ausgetragen. Allerdings findet sich solches Vokabular auch in anderen Bereichen der Alltagssprache, etwa in Redensarten.

purschkeWelche Rolle spielten die Medien in der Pandemie?
Die Medien haben dazu beigetragen, diesen Sprachgebrauch zu etablieren. Diese Sprechweisen wurden zuerst von Politikerinnen und Politikern benutzt, aber dann von den Medien weitergetragen. In Deutschland gab es deshalb viel Kritik besonders an den Zeitungen. Aber Journalisten waren in einer ähnlichen Situation wie der Rest der Bevölkerung. Man wusste es nicht genau und stand vor einer bedrohlichen Situation, über die berichtet werden musste. Wenn dann Entscheidungsträger so reden, liegt es nahe, das weiterzugeben.

Sehen Sie eine Tendenz zum Moralisieren?
Mir scheint, dass Teile der Öffentlichkeit sich gerade schwer damit tun, Meinungen von anderen zu akzeptieren. Stattdessen wird dann moralisch argumentiert. Das sieht man in der Deutung der Corona-Pandemie sehr deutlich. Es gibt Leute, die halten das Virus für brandgefährlich und wollen so viele Einschränkungen wie möglich. Und es gibt Leute, die haben die Auffassung, dass es nicht so ist. Unabhängig von der Faktenebene, mir geht es gerade nur um die Deutung – zwischen diesen beiden Lagern gibt es kaum Verständigung, keinen Common Ground, auf dem versucht wird, gemeinsame Strategien zu finden. 

Interview: Heike Bucher // Fotos: Isabella Finzi (Editpress), Freepik

Author: Philippe Reuter

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