Home » Home » Stille Feuer, die weiter brennen

Stille Feuer, die weiter brennen

Eine sehenswerte Ausstellung im MUDAM zeigt das beeindruckende künstlerische Werk der britisch-ghanaischen Malerin und Schriftstellerin Lynette Yiadom-Boakye.  

Auf dem Weg zum Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean (MUDAM) lasse ich mich von Bill Evans’ Klavierspiel tragen. Es begleitet mich auf der Fahrt durch ein schattiges Waldstück und über die lange Avenue John F. Kennedy auf dem Kirchberg bis zu dem im grellen Sonnenlicht gelegenen Kunstmuseum. Ein paar Stücke des großen Jazzpianisten sind auf der Playlist zu finden, die Lynette Yiadom-Boakye ihrer Ausstellung „Fly In League With The Night“ beigefügt hat – neben anderen musikalischen Genies, aus denen Miles Davis und John Coltrane, Prince und Stevie Wonder hervorstechen. Aber auch andere Größen wie die Soullegende James Brown oder der Rapper KRS-One bilden den musikalischen Background der Künstlerin, die neben ihrer Tätigkeit als Malerin Kurzgeschichten und Gedichte schreibt.

Bill Evans’ „Conversation with myself“ im Auto zu hören, diente als ideale Einstimmung auf das, was mich erwartet. Sein lyrischer Jazz gleitet regelrecht dahin. Lässig und unspektakulär wirken die Personen, die Yiadom-Boakye mit Öl auf Leinen gemalt hat. Sie sitzen oder stehen entspannt oder mit abgewandten Augen, allein, zu zweit oder mehrere, im Ballettdress, Hemd oder Pullover, im Unterhemd oder im Anzug mit und ohne Krawatte, nachdenklich und zugleich selbstbewusst. Ein junger Mann legt seine Hände auf seine Knie und lacht. Er ist einfach gekleidet und doch irgendwie elegant. Die Personen auf den Bildern von Yiadom-Boakye stammen nicht aus einem bestimmten Land und nicht aus einer bestimmten Zeit, sondern sind vielmehr universell und zeitlos. Die Frauen und Männer sind niemals stereotyp. Ob sie nun ernst sind oder lächeln, schauen sie nicht in die Richtung des Betrachters. Sie leben in ihren eigenen Welten. Manche sind zusammen mit einem Tier zu sehen, etwa mit einem Vogel oder einer Katze. Es sind ausschließlich People of Color. Obwohl die Blackness zentral in ihrem Werk ist, sagt sie: „Schwarz zu sein, war für mich nie etwas Besonderes.“ Es ist vielmehr etwas Selbstverständliches.

Die Musik hatte einen großen Einfluss auf das Schaffen der Künstlerin. Zur Ausstellung gibt es eine Playlist.

web_Mudam_Lynette-Yiadom-Boakye_05-04-22_395-Kopie

„Citrine By The Iunce“ (2014), „Diplomacy I“ (2009).

So zeitlos wie die Personen ist auch deren Umgebung, die abstrakt bleibt. Ein unscheinbarer Stuhl oder Sessel, manchmal ein Sofa mit Streifen oder Karomustern. Die Farben der Gemälde sind allgemein gedeckt; neben grau, grün und schwarz gibt es eine Reihe von Brauntönen, gelegentlich ein kräftiges Blau oder Rot. Wie eine Brechung der dunklen Farbgebung erscheint das Weiß der Augen und mancher Kleidung der Personen – oder der Zähne. „White Teeth“ heißt auch der Titel eines berühmten Buches der britischen Schriftstellerin Zadie Smith, die in dem Magazin „The New Yorker“ über Yiadem-Boakye geschrieben hat. Wie Smith ist Yiadom-Boakye in London aufgewachsen. Sie kam 1977 als Tochter einer Immigrantin und eines Immigranten aus Ghana, die als Krankenpfleger arbeiteten, zur Welt. Nach dem College studierte sie an der Royal Academy of Arts und machte dort ihren Magister.

web_Mudam_Lynette-Yiadom-Boakye_05-04-22_851-Kopie

Links „Six Birds In The Bush“ (2015), die beiden Bilder rechts „Pale For The Rapture“ (2016).

„Die britisch-ghanaische Künstlerin schafft überzeugende Charakterstudien von Menschen, die nicht existieren, und spiegelt ihre Doppelbegabung als Schriftstellerin und Malerin wider“ schreibt Zadie Smith. „Yiadom-Boakyes Figuren drängen sich wie literarische Figuren in die Vorstellungskraft.“ Die Malerin wurde oftmals nach den Quellen ihres Werks gefragt, meistens verweist sie auf ihre Erinnerungen, Vorstellungskraft und malerische Improvisation, schlichtweg auf das Leben: „Ich arbeite mit Scrapbooks, ich arbeite mit Bildern, die ich sammle, ich arbeite ein wenig mit dem Leben, ich suche die Bilder, die ich brauche. Ich mache Fotos. All das wird auf einer Leinwand zusammengesetzt.“ Malerei und Literatur gehen bei ihr eine Verbindung ein. Wobei sie nicht über das Schreiben malt oder über das Malen schreibt, wie sie betont. „Ich schreibe über die Dinge, die ich nicht malen kann und male Dinge, die ich nicht sagen kann“, merkt sie an. Die Titel der Bilder sind oft Anspielungen, manchmal ironisch wie „The Daydream of Devils“, „A Bounty Left Unpayed“, „For The Sake Of Angels“ oder „Tie The Temptress To The Trojan“ – oder einfach nur „6 pm Madeira“. Sie strahlen eine ebensolche Gelassenheit aus. Und der Titel dieser Ausstellung – auf Deutsch „Fliegen im Verbund mit der Nacht“ – stammt aus einem ihrer Gedichte.

web_Mudam_Lynette-Yiadom-Boakye_05-04-22_382-Kopie

„Daydreaming Of Devils“ (2016), „A Toast To The Health Of A Heathen“ 2014).

Der französische Kunstkritiker Donatien Grau schrieb einmal über Yiadom-Boakye: „Sie ist immer eher zurückhaltend und nie offenkundig exponiert. Sie trifft die Entscheidung, sich nicht in repräsentativer Extravaganz zu verlieren, sondern ihre malerischen Fähigkeiten diskret zu demonstrieren.“ Die Ausstellung im MUDAM ist nach Angaben des Museums die bisher größte Überblicksausstellung der Künstlerin. Insgesamt sind 67 Gemälde zu sehen. Die einzelnen Bilder werden nicht von erklärenden Texten begleitet. Dies wäre im besten Falle überflüssig, meint Yiadom-Boakye. Die Hängung der Bilder, die in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin stattfand, folgt keiner strengen Chronologie, sondern, wie sie sagt, dem „Dialog zwischen den Arbeiten“. Deren Chiaroscuro, die Licht-Schatten-Effekte, erinnert an Rembrandt van Rijn und Francisco de Goya, einige Bilder zeigen eine gewisse Verwandtschaft zu Paul Cézanne und Edouard Manet, John Singer Sargent und Walter Sickert. Die großen Maler der Kunstgeschichte mögen bei Yiadom-Boakey Pate gestanden haben: Sie hat ihre Meisterschaft fortgesetzt. Wie Alex Farquharson, der Direktor der Tate London, im Vorwort zum aktuellen Ausstellungskatalog konstatiert, hat sie die Portraitmalerei, eines der traditionellsten Genres, neu erfunden.

 „Ich schreibe über die Dinge, die ich nicht malen kann und male Dinge, die ich nicht sagen kann.“ - Lynette Yiadom-Boakye

web_Lynette-Yiadom-Boakye.-Courtesy-of-the-artist

Folgt man der Playlist der Künstlerin, erkennt man, dass sie sich von zwei weiteren unbestrittenen Meistern des Modern Jazz inspirieren oder doch zumindest von deren Musik begleiten ließ: dem Trompeter Miles Davis und dem Saxophonisten John Coltrane. Tate-Kuratorin Andrea Schlieker* brachte es auf den Nenner: „Wie Davis‘ Jazz-Kompositionen sind ihre Bilder übersichtlich, frei von großen Aussagen, aber dennoch voll von subtilen Veränderungen in Ton, Farbe und Gefühl, stillen Feuern, die weiter brennen.“ Schlieker weist auf das Album „Kind of Blue“ aus dem Jahr 1959 hin, das Davis mit Coltrane und Evans zusammenführte: ein Meilenstein in der Geschichte des Jazz. Mit Coltranes „A Love Supreme“ in den Ohren, dem Schlusspunkt von dessen Forschungsreise durch die Klangwelten, verlasse ich die Ausstellung. So bleibt sie nicht nur visuell in Erinnerung.

Fotos: Rémi Villaggi

* Kuratorin der Präsentation im MUDAM ist Clément Minighetti.

Die Ausstellung dauert bis zum 5. September.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Dario Herold