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Strand hinterm Bahndamm

In Esch entsteht ein neues Viertel aus Wellblech statt Zement. Das erste Ökodorf Luxemburgs soll die Escher zusammenbringen – und zum Umdenken anregen. 

Wer mit dem Zug aus Esch in Richtung Belval fährt und im richtigen Moment aus dem rechten Fenster schaut, sieht hinter dem Bahndamm die Abrisshäuser des Viertels Grenz. Und kurz davor bleibt mein Blick durch das Zugfenster jedes Mal an einem ungewöhnlichen Gebilde hängen: Stahlträger stützen aufeinandergestapelte Schiffscontainer, liegende und stehende. Kein Abriss, Aufbau.

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Drinnen tropft Regenwasser von der Deckenplatte in Plastikwannen. Die Holzplatten knarzen unter meinen Schritten. Vor mir tritt ein Mann aus dem Container in den Matsch, seine kirschroten Halbschuhe drücken sich in Lehm und Sägespäne. Auf seiner Hose ein oranger Flicken, auf dem Trenchcoat ein violetter, die Brille hat einen breiten roten Bügel rechts und einen schmalen weißen links. Der Rücken des Mantels zeigt einen Benu, ein Vogel der ägyptischen Mythologie, etwa 20 Zentimeter groß, ebenfalls lila, das Logo des Benu Village. Tropf. Schnalz. Kreissäge. Georges Kieffer läuft um eine mit einer dünnen Schicht Eis bezogenen Pfütze auf die Werkstatt des Containerdorfes zu.

2017 hat Georges Kieffer die Asbl Benu Village gegründet, der Name leitet sich aus dem Englischen „Be new” ab. Das Ziel ist ein Oködorf mit Kreislaufwirtschaft.

Ausrangierte Schiffscontainer aus dem Rotterdamer Hafen haben per Zug ihren Weg nach Esch gefunden, wurden auf ein Punktfundament aus Kalkstein gesetzt, gestapelt, gesichert. Zurzeit sorgt eine Baufirma für die Grundausstattung: Elektrizität, Dämmung, Dichtungen an Türen und Fenstern, Boden. Im Schlamm an der Rückwand wird bald ein Strand entstehen. Der Strandkorb steht schon bereit, hinter einer schweren Metalltür wartet er auf seinen zweiten Frühling.

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Das Konzept von Benu ist einfach: Alles, was hier verbaut und genutzt wird, wird woanders nicht mehr gebraucht. Der Strom wird aus ausrangierten Sonnenpanels generiert werden. Holz, Metall und Fenster sind anderswo Abfall, kriegen hier ein zweites Leben. Die Stoffe, die im Atelier von Benu Couture zu neuen Designerstücken verarbeitet und im Erdgeschoss des provisorischen Gebäudes auf der anderen Straßenseite verkauft werden, stammen von Kleiderspenden. Im Restaurant sollen nur Lebensmittel angeboten werden, die zu unförmig sind für die Augen der Supermarktwareneinkäufer. Ganz so einfach ist das Konzept dann aber doch nicht. Worte wie Integration, Partizipation und Nachhaltigkeit haben hier klare Definitionen und strenge Standards.

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2017 hat Georges Kieffer die Asbl Benu Village gegründet, der Name leitet sich aus dem Englischen „Be new” ab. Das Ziel ist ein Oködorf mit Kreislaufwirtschaft. Die Zustimmung von der Escher Gemeinde und auch dem Staat sind da, das Projekt längst in der Entwicklung. Ende dieses Jahres soll es fertig sein. Schon vor Projektstart brauchte es Unterstützer. Einen hatte Georges Kieffer in Camille Gira, dem 2018 verstorbenen Staatssekretär für Umwelt, gefunden. „Ich trage diese Themen seit 30 Jahren mit mir rum. Als ich dann bei Camille Gira im Büro saß und nur ein paar Sätze über das Projekt loswurde, sagte er, ok, das machen wir. Dazu gehört viel Mut.” Inzwischen ist der Mietvertrag mit der Escher Gemeinde für knapp 30 Jahre abgeschlossen. Benu Couture, die Upcycling-Schneiderei, arbeitet seit 2018 im „Benu Provisorium”.

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In einem Jahr soll auch der Rest des Ökodorfes fertig sein. Noch pfeift der Wind durch die Container, doch während ich in einem hohlen Container im ersten Stockwerk stehe, steht Georges Kieffer neben mir in einer anderen Welt: „Hier wird noch eine Wand zwischen den Büros und dem Eingang zum Studio gezogen. Dann geht hier die Treppe hoch. Dort bauen wir den Aufzug ein.” Über eine schmale Holzleiter klettern wir ein weiteres Stockwerk nach oben. Neben mir ist ein rundes Loch im Holzboden. „Das ist das Badezimmer, Vorsicht.” Ein Schlafbereich, eine Küchenzeile mit Sitzecke. Dann treten wir auf die Dachterrasse. Georges Kieffer hat schon den Strandblick vor Augen. Das einzige Studio in Esch mit Strandblick ist nur ein Versuch. So wie das ganze Dorf eine Art Versuchslabor ist.

 ”Stopp. Planänderung.
Die nächsten Fenster werden schräg.”
– Georges Kieffer

Seine Mission ist einen Ort zum Leben zu schaffen, wo die Leute aus den Vierteln am Strand ein Glas trinken können, wo Menschen verschiedener Nationalitäten und sozialer Situationen zusammenarbeiten und leben können. Außerdem möchte er informieren. Wie viele Lebensmittel landen in Biogasanlagen statt in Mündern? Wie viel Kleidung wird in Europa weggeschmissen? Warum sterben Tiere bei der Herstellung von Kunstfell? Und vor allem, was können wir dagegen tun? Das Benu Village ist wie ein Showroom für nachhaltige Lebensweise.

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Wer zu Georges Kieffer und seinem Team kommt, sucht oft nicht nur originelle Kleidung oder Möbel, nicht nur eine Mahlzeit im Restaurant, sondern auch Informationen und Gespräche. „Wir konnten uns entscheiden, ob wir das Gelände für Geschäftsfläche nutzen oder als Wohnraum. Für Wohnraum ist der Platz nicht ausreichend”, sagt er. Also werden einige Flächen vermietet, an Unternehmen, die die Werte von Benu teilen. Die Couture wird hierhin umziehen, die Upcycling-Werkstatt, Möbelwerkstatt, die Verwaltung, Restaurant und draußen der Strand. Noch sind einige Räume leer, andere gefüllt mit Möbeln und Lampen aus verschiedenen Versuchen der Upcycling-Werkstatt. Das ganze Dorf soll ein Kunstwerk werden. Wie das Provisorium heute schon. „Für mich war es schwierig zu akzeptieren, dass die ersten drei Fenster gerade in die Containerwand eingesetzt wurden“, so Georges Kieffer. „Stopp. Planänderung. Die nächsten Fenster werden schräg.”

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Bisher wurde der Tatendrang oft ausgebremst. Eigentlich sollte das Restaurant im letzten Sommer öffnen, doch Georges Kieffer hat die Reißleine gezogen. Weil es wirtschaftlich unklug ist, während einer Pandemie ein neues Restaurant zu öffnen. Auch der Verwaltungsaufwand hat die Eröffnung hinausgezögert. „Die richtigen Dokumente mit der richtigen Unterschrift auf den richtigen Weg zu bringen, dauert länger, als ich es je erwartet hätte.” Dabei ist Georges Kieffer nicht nur Träumer, sondern auch diplomierter Wirtschaftsfachwirt mit Schwerpunkt Ökologie, Bürokratie ist ihm nicht fremd. Aber das ist wohl immer so. „Wenn man eine Idee hat und etwas aufbauen will, geht es einem immer zu langsam.”

Text: Franziska Peschel, Fotos: Phillippe Reuter

Author: Dario Herold

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