Home » Home » Success Story

Success Story

Seit 20 Jahren sorgt das Luxemburger Kammermusikensemble „United Instruments of Lucilin“ für Furore. Nicht nur hierzulande, sondern vor allem auf internationalen Bühnen und Festivals  für zeitgenössische Musik.

Muss Musik schön sein? Nein, behauptet der amerikanische Kritiker Lester Bangs und bezeichnet Lou Reeds Doppelalbum „Metal Machine Music“, das aus verhallten Gitarren-Feedbacks besteht und wie ein einstündiger Tinnitus klingt, als „das größte Album, das je gemacht wurde“. Nach Gefälligkeit strebt vor allem Popmusik. Mit zeitgenössischer Musik verhält es sich anders. Statt glatten Stimmen und leicht wieder zu erkennenden Melodien gibt es irritierende Töne und komplizierte Kompositionen. Nicht jedes menschliche Gehirn findet darin eine Ordnung oder ein Muster. Es wenigstens zu versuchen, lohnt sich allerdings.

Aufmacher-Kopie

Als ich Gründungsmitglied Guy Frisch vor Jahren zum ersten Mal zu einem Interview treffe, versichert er mir, dass zeitgenössische Musik nicht weh tut und es den „United Instruments of Lucilin“ auf keinen Fall darum geht, das Publikum mit seltsamen Geräuschen und Bildern zu erschrecken. Mit konventionellen Konzert- und Aufführungsformaten sind die licht-dramaturgisch gestalteten Auftritte des Kammermusikensembles dennoch nicht zu vergleichen. Schließlich setzt die Interpretation zeitgenössischer Musik eine gewisse Experimentierfreude mit künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten voraus. Von Solowerken über Ensemble- und Orchesterstücken bis zu Computermusik, Klangcollagen und intermedialen Installationen – alles ist erlaubt. Es müssen keine festgelegten Richtungen eingeschlagen werden. Man muss sich nicht in einem stilistischen Rahmen bewegen. Aber genau diese Offenheit ist für die kulturelle Entwicklung und die Fähigkeit zur Selbstreflexion unserer Gesellschaft ungemein wichtig, oder etwa nicht? Anders gefragt: Sind zeitgenössische Musiker Revoluzzer?

Nein, Luxemburg ist zwar ein recht konservatives Land, aber dennoch werden nicht alle, die sich trauen, neue Wege zu gehen, misstrauisch beäugt. Im Fall der „United Instruments of Lucilin“ ist sogar das Gegenteil der Fall. Seit dem ersten Konzert im hauptstädtischen Cercle du Luxembourg sind Guy Frisch und seine Mitstreiter weit gereist. Anfang dieses Jahres nach Japan, wo im Rohm Theatre in Kyoto die Kammeroper „En Silence“ des zweifachen Oscar-Preisträgers Alexandre Desplat aufgeführt wurde. Dass es ihnen gelungen ist, sich im Ausland einen guten Namen zu machen, hat nichts mit Zufall oder Connexions zu tun, sondern ist einzig und allein darauf zurückzuführen, dass das Ensemble das vor 20 Jahren gesetzte Ziel konsequent verfolgt: die Neue Musik aus ihrem Schattendasein ins Scheinwerferlicht führen und populärer machen. Und der Erfolg gibt diesem Bestreben Recht.

 

Früher hatten die Musiker sich um alles zu kümmern: Beleuchtung, Pressearbeit, Proberaum organisieren… Und die Kosten für ein Konzert mussten vorgestreckt werden. Heute wird das Ensemble eingeladen, und die Musiker erhalten eine Gage. Zu Beginn wurden jährlich durchschnittlich drei Auftritte bestritten. Zuletzt standen bis zu 50 Konzerte im Jahr auf dem Programm. In der aktuellen Saison sind es – coronabedingt – „nur“ 34. In normalen Zeiten könnten es durchaus mehr sein, wenn die Rahmenbedingungen stimmen würden. Dem Kammermusikensemble stehen lediglich 2,5 Posten zur Verfügung. Ähnliche Formationen im Ausland können derweil auf ein Team von sieben bis acht Leuten zurückgreifen. Trotzdem möchte niemand sich beklagen. Auch nicht in finanzieller Hinsicht. Zu den 247.000 Euro, die das Kulturministerium jährlich zur Verfügung stellt, kommt in etwa die gleiche Summe über Gagen, Koproduktionen und weitere Einahmen dazu. Fast könnte man die „United Instruments of Lucilin“ mit einem kleinen Unternehmen vergleichen, das aufgrund ständiger Investitionen immer produktiver wird.

3

Eine weitere nicht zu unterschätzende Besonderheit ist die Flexibilität des Ensembles. Es gibt einen harten Kern von Musikern, die seit der ersten Stunde mit dabei sind – unter ihnen die Violinistin Danielle Hennicot und Geiger André Pons-Valdès – und andere, die unregelmäßig als „Gast“ mitmischen. Dadurch, dass man in verschiedenen Konstellationen auftreten kann, erweitert sich das Repertoire des Ensembles. Obwohl dessen Mitglieder fast alle einen Brotjob als Musiklehrer ausüben, nimmt die zeitgenössische Musik einen immer wichtiger und größer werdenden Platz in ihrem Leben ein. Für Guy Frisch würde die Professionalisierung nicht nur das Problem der Verfügbarkeit lösen, sondern zudem aufstrebende Musiker anlocken. Einerseits ist er sich durchaus bewusst, dass eine Verjüngung den „United Instruments of Lucilin“ gut tun würde. Andererseits will er möglichen Neuzugängen auch ein verlockendes Angebot machen können. Es gibt bereits gute Kontakte, weitere sollen in absehbarer Zeit geknüpft werden. Doch momentan haben wegen der Covid-19-Pandemie andere Prioritäten Vorrang.

Einzelne Konzerte sind abgesagt, die Tourneen in Australien und Kanada verschoben worden. Stattdessen stehen europäische Festivals und nationale Projekte jetzt im Vordergrund. Das Carré in Hollerich bleibt einstweilen das Zuhause der „United Instruments of Lucilin“. Dort wird das Kinderprojekt „De Momo“ wieder aufgenommen. Ein weiteres kommt dazu. An den „rainy days“ wird das Ensemble auch erneut teilnehmen. Langeweile bleibt demnach ein Fremdwort für die Musiker. Trotzdem träumt Guy Frisch weiterhin von einer Cité des Arts, die unter ihrem Dach alle möglichen kreativen Köpfe vereinen würde. Im Ausland gäbe es genug Beispiele, so der künstlerische Leiter des Ensembles. Es wäre in der Tat ein tolles Geburtstagsgeschenk.

Fotos: Lea Giordano, Emile Hengen

Konzerte (Auswahl)

  • 13.November (Carré Hollerich)
    Where I start, you do not end: Bespielt wird das gesamte Carré, und im Zentrum steht Nicholas Morrishs Komposition „Sounds from the Mirror World“.
  • 16.-22. November (Abtei Neumünster)
    Luxembourg Composition Academy: Eine Woche lang arbeiten acht junge Komponisten an der Kreation eines neuen Musikstücks und werden dabei von zwei namhaften Komponisten und den Lucilin-Musikern unterstützt.
  • 3. & 6. Dezember (Casino Luxembourg)
  • L’Homme gris: Begleitkonzert der Gruppenausstellung, die sich mit der Darstellung des Teufels in der zeitgenössischen Kunst auseinandersetzt.
  • 6. Januar (Carré Hollerich)
    United Instruments of Lucilin & guests: neue Konzertreihe mit Künstlern aus anderen Kunstbereichen. Auftakt mit Regisseur Lional Ménard.
  • 12. März (LuxFilmFest)
    Spooky improvisations: Zusammen mit Sascha Ley wird zu Kurzfilmen aus der Stummfilmära improvisiert.
  • 2. Mai (Philharmonie)
    FastForward: Jubiläumskonzert mit Rückblick und Ausblick auf die kommenden Jahre.

Weitere Informationen und aktuelle Konzertdaten finden Sie unter: www.lucilin.lu

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Dario Herold

Login

Lost your password?