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Syberia: The World Before – Kunstwerk mit Kratzern

Mit „The World Before” ist – 20 Jahre nach Erscheinen des ersten Titels – der vierte Teil der Syberia-Reihe erschienen. Ob der neue Titel wohl so ein Flop ist wie sein viel kritisierter Vorgänger?

Genre: Adventure, Designer: Benoît Sokal, Studio: Koalabs, Publisher: Microïds, Termin: derzeit nur erhältlich für Microsoft Windows (Konsolenversionen sollen dieses Jahr folgen), Altersempfehlung: 16+, Preis: etwa 40 €

Wow. Bereits in den ersten Minuten zieht es einen ins Spiel rein. Wie, was? Nun, die Grafik in „Syberia: The World Before” ist von der ersten Sekunde an stimmig. Eine grafische Top-Leistung, die staunen lässt. Allein dieses Steampunk-Setting. Sehr gut. Immerhin wurde beim Vorgänger „Syberia 3” (2017) unter anderem die technische bzw. grafische Umsetzung zerrissen. Das lässt also hoffen.

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Aber zunächst zur Geschichte. Die beginnt etwas weniger schön. Also recht düster, um genau zu sein. Es ist das Jahr 2004. Wir starten in der Rolle der Kate Walker, die in der Taiga in einem Salzbergwerk, gemeinsam mit Freundin Katyuscha, Zwangsarbeit leisten muss. Die Situation scheint zunächst aussichtslos. Doch Kate Walker wäre nicht Kate Walker, wenn sie nicht einen Ausweg aus ihrem Gefängnis finden würde. Die Pro-
tagonistin hat ja bereits in den ersten drei Teilen der Spieleserie zahlreiche Abenteuer erlebt – und weiß sich zu helfen.

Nett ist auch die Tatsache, dass man an manchen Stellen zwischen Kate und Dana hin- und herwechseln muss.

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Auf ihrer Flucht findet sie ein gemaltes Porträt von einer jungen Frau, die ihr zum Verwechseln ähnlich sieht, aber aus einer anderen Zeit zu stammen scheint. Weil Kate ganz allein ist auf der Welt – immerhin musste sie mehrere schwere Verluste erleiden – beschließt sie also, herauszufinden, wer diese Dame ist, und reist nach Vaghen.

Oje, das fängt ja gut an. Klingt nach einem gewöhnlichen Syberia-Ableger. Ist es aber nicht ganz. Denn während man mit Kate nach ihrer Doppelgängerin sucht, wechselt man regelmäßig auf eine andere Zeitebene und steuert auch andere Figuren. Etwa die der 17-jährigen Dana Roze. Auch sie befindet sich in Vaghen. Allerdings lebt sie im Jahr 1937. Und die Welt ist gerade dabei, zugrunde zu gehen.

Die junge Pianistin will eigentlich studieren, doch die politischen Umstände vereiteln ihre Pläne. Die Braunen Schatten sind dabei, an die Macht zu kommen, als Vagheraner lebt man sehr gefährlich, wie Dana und ihre Eltern erfahren müssen. Parallelen zum Nationalsozialismus sind demnach nicht nur aufgrund der Jahreszahl gegeben. Genau hier liegt auch die Stärke von „Syberia: Before The World”. Die Geschichte ist mitreißend, weil sie an reale Gegebenheiten, den Zweiten Weltkrieg und die Judenverfolgung und den damit einhergehenden Gräueltaten, erinnert und quasi eine Brücke zwischen Realität und Fiktion bildet.

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Man will einfach wissen, was konkret passiert bzw. was sich in der Vergangenheit zugetragen hat und wie es weitergeht – je nachdem, aus welcher Perspektive man eben gerade spielt. Das ist nicht nur der meist wunderschönen optischen Umsetzung des französischen Comiczeichners Benoît Sokal, der 2021 übrigens verstorben ist, zu verdanken. Der Soundtrack von Inon Zur, der die Spielereihe seit dem zweiten Teil musikalisch begleitet und Danas Klavierspiel, durchgeführt von Emily Bear, sprechen für sich. Überhaupt: Kunst nimmt eine große Rolle ein in diesem Abenteuer. Denn auch Fotografie und Malerei sind dauerpräsent – und sogar Teil der Rätsel, die es zu lösen gilt. So muss man mal Dana dabei helfen Klavier zu spielen oder aber Kate beim Fotografieren unterstützen, um an Infos zu kommen. Nett ist auch die Tatsache, dass man an manchen Stellen zwischen Kate und Dana hin- und herwechseln muss. Etwa damit Dana Hinweise findet, die Kate in der Gegenwart nützen.

Aber genug Schwärmerei. Dass Kate aber auch Dana, die man ja wechselhaft steuert, Rätsel lösen müssen, um auf ihrem Weg voranzuschreiten, dürfte niemanden überraschen. Immerhin ist es ein Point-and-Click-Adventure. Da gehört das Knobeln dazu. Aber genau hier schwächelt „The World Before” leider. Denn vor allem am Anfang sind die Rätsel zu leicht, man kommt sich schon fast veräppelt vor, wenn man Aufgaben lösen muss wie Getränke einzuschenken und zu verteilen oder an irgendwelchen Automaten nur ein paar Hebel umlegen und Knöpfe drücken muss, um weiterzukommen. Bei etwa zehn Stunden Spielzeit verbringt man also – zumindest gefühlt – die Hälfte damit, Aktionen auszuführen, die irgendwie bescheuert sind. Einfach, weil die Aufgaben zu einfach sind.

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Aber gut. Über gewisse Aspekte lässt sich streiten. Es ist wahrscheinlich überaus knifflig, den richtigen Schwierigkeitsgrad für ein Point-and-Click zu finden, der sich für alle eignet. Während die einen halt eher auf leichte Kost stehen, wollen andere ihre Hirnmasse zum Glühen bringen. Anders als bei der „Life is Strange”-Serie (revue 20/2022) haben Entscheidungen aber keinen Einfluss auf das Spielgeschehen – was den Spaß schon sehr mindert. Man erledigt gewisse Mini-Nebenaufgaben, oder man tut das eben nicht. Zumindest wird nicht ganz klar, welche Auswirkungen gewisse Entscheidungen haben sollen. Das Herumspazieren und Erkunden der Gegend – wenngleich es keine Open-World im eigentlichen Sinne ist – gestaltet sich zwar als überaus angenehm, doch richtige Nebenmissionen gibt es nicht.

Ob man sich jetzt einen Film ankuckt oder ein Spiel vor sich hat, ist nicht immer ganz klar. Denn die Sequenzen, die man sich anschauen muss, sind einfach viel zu lang. Klar, die Dialoge sind interessant, weil man so ja auch an wichtige Informationen kommt. Aber wenn man zu einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr sicher ist, ob man nun noch zum Zug kommt oder doch eher Zuschauer eines – wenngleich ziemlich gut gemachten – Animationsfilms ist, ja, dann ist es vielleicht doch etwas zu viel des Guten.

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Fast hegt man gar den Verdacht, dass diese Sequenzen dazu dienen, die Spielzeit einfach künstlich zu verlängern. Die technische Umsetzung ist dieses Mal aber – im Vergleich zum Vorgänger war das eigentlich auch kein Kunststück – ausgereifter. Die Steuerung per Maus ist zwar teilweise etwas hakelig, aber bietet nicht wirklich Grund zum Jammern. Vor allem nicht für diejenigen, die sich das Spiel für eine Konsole holen werden. Wirklich nervenraubend sind Hotspots, die man anklicken muss, um zu interagieren, die aber auf hellem Untergrund kaum sichtbar sind. Zudem führt das verzögerte Registrieren von Mausklicks dazu, dass man die Charaktere ab und zu an die falschen Stellen schickt und der ganze Ablauf etwas hölzern wirkt.

Genug gemeckert. Wer auf ruhige und filmähnliche Spiele steht, wird den Kauf wahrscheinlich nicht bereuen. Ein richtig tolles Adventure oder gar ein Meilenstein in der Point-and-Click-Adventurewelt ist es aber nicht. Wer das erwartet, sollte lieber die Finger davon lassen und auf das Release von „Return to Monkey Island” von Ron Gilbert warten. Die Rückkehr des legendären Klassikers soll noch dieses Jahr erscheinen.

Text: Cheryl Cadamuro, Fotos: Microïds

Syberia
… ist eine vierteilige Spieleserie, die 2002 an den Start ging. Im Gegensatz zu den Vorgängern wechselt man im neuen Teil in den Rollen von mehreren Charakteren hin und her, vornehmlich Kate und Dana. Hinzu kommen Wechsel zwischen 1937 und 2004. Ob ein weiterer Teil erscheinen wird, bleibt offen – immerhin ist der Schöpfer der Serie, der Comiczeichner Benoît Sokal, letztes Jahr verstorben. „The World Before” wurde jedoch von seinem Entwicklerteam fertiggestellt und ihm zu Ehren am 18. März 2022 veröffentlicht.

Technik ✭✭✭✭
Story ✭✭✭
Gameplay ✭✭✭
Umfang ✭✭✭
Spielspaß ✭✭✭

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Author: Dario Herold