In seinen Regionalkrimis zeigt Mischa Martini alias Michael Weyand die Moselmetropole Trier von ihrer spannenden und geheimnisvollen Seite. revue begab sich mit dem Autor zu einigen seiner Schauplätze – eine Stadtbesichtigung der anderen Art.
Fotos: Philippe Reuter
Was bietet sich besser als Ausgangspunkt unserer Tour an als der Porta-Nigra-Platz? Immerhin ist das römische Stadttor Wahrzeichen der Stadt und gleichzeitig ein wiederkehrender Schauplatz in Martinis Krimis. So taucht die Porta Nigra unter anderem in „Akte Mosel“, in „Soko Mosel“ und in „Marathon Mosel“ auf. In letzterem Kriminalroman steht sie zudem im Mittelpunkt: Ein mutmaßlicher Terrorist plant von seiner Ferienwohnung am Porta-Nigra-Platz ein Attentat auf den Trier-Marathon, dessen Ziel die Porta Nigra ist. Kein Wunder, dass der Autor das schwarze Tor schon einmal bestiegen hat. Womit er vielen seiner Landsleute einen Schritt voraus sein dürfte, denn „ein guter Trierer war noch nie auf der Porta Nigra“, so der gebürtige Trierer.
Inspiration findet der Autor auch einige Meter weiter, im Brunnenhof am Simeonstiftplatz. Kaum vorstellbar, ist der Ort doch für seine romantische Atmosphäre bekannt. Martini kann diese allerdings ganz gut ausblenden und den Platz sogar tagsüber in eine Krimilandschaft verwandeln. „Hinter jeder Säule könnte jemand lauern, um einen abzumurksen“, meint der 59-Jährige. Welch beruhigende Vorstellung. Martini findet seine Recherchearbeiten, die er zudem nicht selten an Originalschauplätzen betreibt, hingegen nicht angsteinflößend. Er schreibt derzeit an seinem 14. Moselkrimi. Der Stoff geht ihm demnach nicht aus. „Es passiert so vieles in Trier, die Krimis greifen einiges davon auf.“ Seine Informationen bezieht er vor allem über Kontakte bei der Polizei und der Presse. Natürlich handelt es sich um fiktionale Szenen, die jedoch exakt lokalisierbar sind und dadurch vor allem für Ortskundige umso authentischer wirken. Zu seiner Leserschaft gehören unter anderem Trierer, Luxemburger und Exiltrierer.
„Viele Leser glauben zu wissen, wer für die einzelnen Figuren als Vorlage gedient hat.“Mischa Martini
Dabei lässt Martini seine Hauptfigur, den Trierer Kriminalkommissar Waldemar Bock, genannt „Walde“, an der gesamten Mosel auf Verbrecherjagd gehen. Dass Trier einer der Hauptschauplätze ist, liegt nicht zuletzt daran, dass der Autor sich dort am besten auskennt. „In Trier gibt es eine Menge inspirierende Stellen – schon allein aufgrund der interessanten Stadtgeschichte.“ Als Kind der Mosel ist es ihm ein persönliches Anliegen, die Stadt und ihre Bewohner möglichst detailgetreu abzubilden. Charakteristisch für Trierer sei beispielsweise die moselländische Lässigkeit. Teile der Handlungen spielen außerdem in Frankreich und im Großherzogtum.
Während wir weiter in Richtung Hauptmarkt schlendern, fällt dem Autor gleich noch eine weitere Gemeinsamkeit ein. Trier sei wie Luxemburg ein Dorf, in dem jeder jeden kennt. „Viele Leser glauben zu wissen, wer für die einzelnen Figuren als Vorlage gedient hat. Meist erkennen sich mehr wieder als ich tatsächlich beschrieben habe“. Umgekehrt sei es bereits vorgekommen, dass er jemanden zufällig kennenlernte, über den er gerade schrieb. Beschwerden habe es bisher noch keine gegeben. In der Regel sind seine Figuren ohnehin Mischungen aus verschiedenen Personen. „Ich besitze ein gewisses Ensemble, aus dem ich schöpfe. Ich muss also nie bei null anfangen, das ist ganz praktisch.“ In einem Krimi habe ihm jedoch eine ganz bestimmte Person aus seinem Leben als Vorlage für einen Missetäter gedient. „Ich habe mich an einem Lehrer gerächt, weil er mir für einen – wie ich fand – guten Aufsatz eine 6 gegeben hat“, gesteht der Autor, der sich selbst als unheimlich nachtragend bezeichnet. Besagter Lehrer wisse bis heute nichts davon.
„Die weitgehend erhaltene römische Unterwelt ist einmalig und birgt einiges.“Mischa Martini
Unterwegs kommen wir an einem beliebten Trierer Eiscafé vorbei, welches in den Krimis mehrmals namentlich auftaucht. „Hier isst Walde immer das gleiche Eis. Ich habe mir aber nichts dafür bezahlen lassen.“ Echte Fans können sich dort demnach auf die Spuren von Martinis Handlungen begeben. Anders steht es um Waldes Stammkneipe, das am Hauptmarkt gelegene Lokal „Gerüchteküche“, sowie um das darin befindliche Büro der Redaktion des „Käsblatts“. Sie sind Erfindungen des Autors. „Es gibt immer wieder Trierer, die nachfragen, wo sich diese Kneipe befindet. Die muss jeder sich selbst suchen.“
Dem realen Leben entnommen ist hingegen das Amt des Kommissars für Reblausbekämpfung, das ein Freund von Walde ausübt. „Dieses Amt wurde vor ungefähr hundert Jahren an der Mosel eingerichtet und seitdem auch immer neu besetzt. Grund war eine Reblausplage, die fast den gesamten Rebenbestand befallen und vernichtet hat.“ Eigene Erfahrungen fließen in die Krimis hingegen nicht ein. „So viel gibt mein karges Leben nicht her.“ Für Ideen von anderen ist er jedoch immer offen. „Wenn meine Töchter mir etwas erzählen, schieben sie immer gleich hinterher: Papa, das kommt aber jetzt nicht in deinen Krimi!“
Am Hauptmarkt biegen wir links in Richtung Dombezirk ab. Auf dem Domfreihof macht Martini Halt und erklärt, inwiefern dieser Platz für ihn äußerst anregend ist. „Der Name leitet sich von „Domfreiheit“ ab. Verbrecher, die hier ankamen, waren in der Hinsicht „frei“ als dass sie allein dem Gericht des Trierer Domkapitels unterstanden. Das Urteil wurde auf dem sogenannten „Krummelstuhl“ gefällt und fiel meist gnädiger aus als das des weltlichen Gerichts.“ Und so mag „Sieh um Dich“ – der Name der Gasse, die zum Domfreihof führt – als Warnung an diejenigen gegolten haben, die dorthin flüchteten.

Garten des Domkreuzganges: Eine grüne Insel der Ruhe, nur wenige Schritte von der Hektik der Fußgängerzone entfernt, die den Autor zu spannenden Geschichten anregt.
Anschließend steuern wir den Domkreuzgang an. In dieser beeindruckenden Kulisse – die Arkaden ringsum den schön angelegten Garten sollte man unbedingt einmal gesehen haben – spielt sich Waldes siebter Fall ab. So wird in „Codex Mosel“ der Codex Egberti, eine mittelalterliche Handschrift von unschätzbarem Wert, aus der Domschatzkammer gestohlen.
Seinem neuesten Kriminalroman „Sacre Mosel“, der im Herbst dieses Jahres erscheinen wird, liegt ebenfalls ein religiöser Kontext zugrunde. Zur Handlung nur so viel vorweg: Ein ehemaliger Mönch stirbt auf mysteriöse Weise in der Nähe des Trierer Hauptbahnhofs. Entsprechende Geschichten seien nicht von der Hand zu weisen, immerhin belaste die Kirche sich selbst, so der ehemalige Messdiener. Dabei habe er jedoch seine thematischen Grenzen. „Ich schreibe nicht über Missbrauchsfälle, das mag ich nicht.“ Weitere Tabuthemen seien für ihn auch Fälle wie der um die seit acht Jahren in Trier vermisste Studentin, deren Leiche erst kürzlich entdeckt wurde. „Ich möchte das Leid von anderen nicht ausnutzen.“ Außerdem ginge es bei ihm nie ganz blutig zu, was vor allem viele weibliche Leser vermissen. Nicht weniger spannend als der Kreuzgang ist das Viertel hinter dem Dom. Im Kutscherhaus der Kurie wird in „Codex Mosel“ kurz nach dem Handschriftenraub eine männliche Leiche gefunden. „Die alten Tore und Mauern erzählen schon viel von sich aus. Mir reicht solch ein Ort als Inspirationsquelle für nächtliche Szenen“, meint der Autor, während wir unseren Weg über das unebene Pflaster – über welches er gar nicht genug schwärmen kann – der Großen Eulenpfütz-Gasse fortsetzen.








