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Trauer in Corona

Wenn Menschen sterben, bleiben trauernde Angehörige zurück, die lernen müssen, mit dem Verlust zu leben. Dieser Prozess kann Jahre dauern. Durch Coronamaßnahmen wie Kontakteinschränkungen, Versammlungsverbote und Ausgangssperren wird er verschärft.

Manchmal geht es ganz schnell, von einem Moment auf den anderen. Bei Eric war es das Herz. Mit Schmerzen in der Brust brach der 52-Jährige zusammen, da war er gerade mit Freunden im Wald. Es dauerte, bis der Rettungswagen kam. Im Krankenhaus wurden Stents gesetzt und stundenlang operiert. Dann versagten die Organe und das Gehirn. Dabei hatte der Tag ganz normal angefangen, mit gemeinsamem Kaffee und dem Planen des Wochenendes, erzählt Erics Frau Julie. Abends sollten Freunde zum Essen kommen. Anderthalb Jahre ist das jetzt her. Für Julie fühlt sich seitdem nichts mehr normal an.

Eigentlich heißen die beiden anders. Doch Julie möchte nicht, dass jeder genau weiß, wer sie ist. Von ihrer Trauer will sie trotzdem erzählen. Und von dem Mann, mit dem sie 34 Jahre zusammen war, drei Kinder bekommen und ein Haus gebaut hat. „Das Schlimmste ist, dass er als Partner nicht mehr da ist. Wir haben uns gegenseitig immer unterstützt, wir waren beide sehr anhänglich. Er fehlt mir sehr“, sagt sie. Ein paar Tränen laufen ihr übers Gesicht. Sie musste erst lernen, sie nicht mehr zurückzuhalten. „Es ist gut, dass ich jetzt weine. Dann fühle ich mich befreit. Ich konnte lange nicht weinen.“

Bei einer Kanne Tee und ein paar Keksen erzählt sie von Eric. Witzig und humorvoll sei er gewesen, ein Papa, der sich kümmert und ein verlässlicher Freund und Partner. An der Wand des Esszimmers hängen Fotos. Sie zeigen die Kinder, Großeltern, den Hund. In der Mitte das Hochzeitsfoto mit dem strahlenden Paar, zwischendrin ein paar Spaßbilder. Eric mit breitem Grinsen auf einem Spielzeugmotorrad, Eric neben Andy Schleck auf dem Fahrrad. Ein sportlicher, aktiver Mann. Dass ausgerechnet ihn ein Herzinfarkt trifft, ist schwer zu begreifen.

Ein plötzlicher Verlust erschwert die Trauer, sagen Experten. Für Julie fühlte sich Erics Tod so an, als seien sie auseinandergerissen worden. Im Krankenhaus an seinem Bett dachte sie für einen Moment: Nimm mich mit. „Aber das war nur einmal, danach habe ich das nicht mehr empfunden. Ich habe Freude am Leben, ich möchte mit meinen Kindern noch einen Weg gehen. Wir waren schon immer sehr innig miteinander. Die gemeinsame Trauer hat uns vier noch näher zusammengeschweißt.“

In den letzten Monaten sind die Anfragen bei Omega 90 gestiegen.

In den ersten Wochen nach Erics Tod habe sie funktioniert, erzählt sie. Sie bekam viel Unterstützung von Familie, Freunden und Nachbarn, ist schnell wieder arbeiten gegangen und bemühte sich, alles so weiterzumachen, wie es gewesen ist, als Eric noch am Leben war. „Es ging mir nicht gut, aber ich dachte, ich muss das machen, allein wegen der Kinder.“ Dann kam der Corona-Lockdown und sie hat immer noch weitergemacht, ging arbeiten und einkaufen, kümmerte sich um Haus und Garten. Dass die vielen sozialen Kontakte wegfielen, sie ihre Eltern kaum noch sehen und schon gar nicht umarmen konnte, dass sie auf der Arbeit in einem Seniorenheim von allen Abstand halten musste, nahm sie hin. „Ich habe mich in all den Monaten gefühlt wie in einem Tunnel. Es gab dort keine anderen Ausgänge, nur den einen am Ende. Ich dachte, da muss ich durch.“

Im Oktober, fast ein Jahr nach Erics Tod, kam der Zusammenbruch. Es ging gar nichts mehr, sie fühlte sich überfordert und leer. Und sie weinte, konnte gar nicht mehr aufhören zu weinen. Sie ging zur Trauerbegleitung bei Omega 90, der Beratungsstelle für Trauernde. „Das war perfekt“, sagt sie heute. „Ich habe nur geredet. Das tat wirklich gut.“ Mit Isabelle Faber, Therapeutin bei Omega 90, konnte sie nicht nur über ihren Verlust sprechen, sondern auch das Trauma überwinden, das sie seit Erics Tod mit sich herumtrug: ihre Schuldgefühle, weil sie die lebenserhaltenden Maschinen abstellen ließ. „Ich wusste, er war hirntot und ich wusste, dass er nicht an diesen Maschinen liegen wollte und ich habe die Entscheidung gemeinsam mit den Kindern getroffen und ich weiß, dass sie richtig war, aber ich hatte trotzdem starke Zweifel und fühlte mich hin- und hergerissen, als ich meinen Mann dort so liegen sah.“

Vier Monate dauerte die Traumatherapie. Dort lernte sie, ihre Schuldgefühle mit der Überzeugung, das Richtige getan zu haben, in Einklang zu bringen. Bis heute gelingt es ihr nicht immer, manchmal kommen die schlechten Gefühle wieder hoch. Genau wie die Zweifel, ob das alles wahr ist, was sie da gerade durchlebt. „Dass er nicht zurückkommt, ist manchmal immer noch nicht real. Dann warte ich auf ein Zeichen, dass er da ist. Ich habe keine Ahnung, ob das je vorbeigeht.“ Ihre Stimme ist sanft. Manchmal, wie heute, trägt sie die Jeans ihres Mannes. Ihre Kinder finden das überhaupt nicht merkwürdig. „Wir respektieren uns gegenseitig in unserer Trauer.“

Julie ist dankbar, dass Erics Tod vor die Zeit von Corona fiel. „Egal, wie schlimm es war, wir hatten noch Glück, dass wir uns verabschieden konnten, dass sich auch Freunde verabschieden konnten. Jetzt in der Pandemie und mit den ganzen Kontaktbeschränkungen muss es sehr schwierig gewesen sein, jemanden zu beerdigen.“ So wie Julie geht es vielen Trauernden, sagt Isabelle Faber. „Viele im Trauerprozess waren dankbar, dass es vor Corona passiert ist. Durch die Einsamkeit während des Lockdowns sind sie wieder zurückgefallen. Ihr Trauerweg wurde erschwert. Trauer allein macht schon einsam, durch die Pandemie wurde die Einsamkeit verstärkt.“

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Ein plötzlicher Verlust erschwert die Trauer, sagen Experten.

Soziale Kontakte und körperliche Bewegung sind enorme Ressourcen für trauernde Menschen. Freizeitaktivitäten, Sport, Treffen mit Freunden und Familie sind für jeden wichtig, für Trauernde sind sie existenziell, weil sie die Unterstützung von anderen in solchen Zeiten mehr denn je brauchen. Und weil Bewegung entspannt und von negativen Gedanken ablenkt. Fast jedes Gespräch, das sie mit Trauernden führe, erzählt Isabelle Faber, drehe sich in irgendeiner Form um Corona. Zudem haben viele Menschen den Eindruck, dass sie ihre Verstorbenen nicht so begleiten konnten, wie sie es gern gewollt hätten. „Besuche wurden oft nur in der terminalen Phase zugelassen oder die Angehörigen wurden sogar zu spät informiert und konnten sich dann nur noch von einem Toten, aber nicht mehr von einem Lebenden verabschieden.“

In den letzten Monaten sind die Anfragen bei Omega 90 gestiegen. Wartezeiten von vier bis fünf Wochen auf den ersten Termin sind eher die Regel als die Ausnahme. Neben Einzelgesprächen werden auch Trauergruppen für Partner, Eltern und Kinder angeboten. Neuerdings gibt es dazu einen Trauerkreis mit Aktivitäten und Ateliers, bei dem das Zusammensein mit anderen Trauernden im Vordergrund steht. Mit Menschen, die Ähnliches erlebt haben.

Julie hat ihre Therapie beendet. Ab und zu telefoniert sie mit Isabelle Faber. Das tue ihr gut, sagt sie. Ohne Corona wären die letzten eineinhalb Jahre einfacher verlaufen. Da ist sie sich sicher. Dieses Abstandhalten, die fehlenden Berührungen, dieses Sich-nicht-treffen-dürfen hätten ihr die Zeit erschwert. Aus dem Tunnel ist jetzt trotzdem ein Weg geworden, der ihr erlaubt, auch mal Abzweigungen zu nehmen, anderes dazukommen zu lassen. Sie hat gemerkt, dass sie jetzt an sich denken muss, damit es ihr irgendwann besser geht. „Ich will meine Trauer erleben, aber ich möchte auch wieder froh werden. Ich habe gelernt, die Emotionen heranzulassen, auch wenn es mir nicht gut geht. Ich drücke sie nicht weg, auch wenn ich Schmerzen habe oder weine.“ Zusätzlich zum Familienhund hat sie sich eine eigene Hündin angeschafft, Frieda, ein Straßenfund aus Griechenland. Sie wird Julie helfen, den Weg weiterzugehen.

Fotos: wirestock, jcomp (beide Freepik)

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

Author: Dario Herold

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