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Traumprinzessin mit Ambitionen

Mit ihren Traumkleidern begeistert Melody Funck mehr als 600.000 Abonnenten auf „TikTok“. Dementsprechend wurde sie in nur wenigen Monaten zu einer der erfolgreichsten Influencerinnen hierzulande. Doch ist der Erfolg im Prinzessin-Stil tatsächlich so märchenhaft?

Die Szene ist fast filmreif und so absurd unrealistisch wie eine Folge „Emily in Paris“, als der kleine rote Fiat, Modell 500, in zweiter Reihe, alle Warnlichter an, vor die „Valerius Gallery“ parkt. Mit einem Schwung, wie ihn nur Stars beherrschen, steigt sie aus dem Wagen. Die Frisur und das Make-Up sitzen. Nur schnell grüßt sie uns, meint, es sei unmöglich in der Hauptstadt einen Parkplatz zu finden, und nimmt sofort unsere Hilfe in Anspruch, um den Kleinwagen seiner Schätze zu entledigen. Die Arme vollgepackt mit voluminösen Traumkleidern, stehen der Fotograf und ich nun mitten in der Kunstgalerie mit dem schlichten Design, während der rote Kleinwagen in Richtung Parkhaus düst. Es sind tatsächlich, fast unbeschreiblich traumhafte und extravagante Kreationen, die uns die 26-jährige Internet-Prinzessin mitgebracht hat. Aus Seide und Tüll, mit zahlreichen Pailletten und funkelnden Steinen bestickt. Wie im Film! Sissi wäre mit großer Wahrscheinlichkeit vor Neid erblasst, nein… sie wäre regelrecht geplatzt.

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Mittlerweile ist die erfolgreiche Influencerin zu-rück in der Kunstgalerie. „Es ist ein unbeschreiblicher hoher Druck, dauernd Content liefern zu müssen“, meint sie nur kurz, während ihre Finger frenetisch über das Smartphone gleiten. Sie entschuldigt sich. „Ich denke jeden Tag an meine sozialen Medien.“ Was sie wohl konkret damit meint? Doch die Frage brauch ich erst gar nicht zu stellen, denn sie fährt ununterbrochen fort. „Ich publiziere im Durchschnitt vier bis fünf Videos pro Tag auf meinen sozialen Netzwerken. Alle 30 Minuten ungefähr, zwischen 17 und 19 Uhr.“ Es fällt mir in den ersten Minuten extrem schwer einzuschätzen, wen ich da tatsächlich vor mir sitzen habe. Zugegeben, die ganze Szene wirkt ungeheuer karikaturartig. Fast überspielt. Nur sehr langsam, lässt Melody Zugang zu der jungen Frau zu, die sie tatsächlich ist, auch wenn sie schwört, sich auf den sozialen Netzwerken nicht zu verstellen. Sie sei ein und dieselbe Person, mit oder ohne Traumkleid. Alles sei echt. Doch Zufall ist es mit Sicherheit nicht. Während sie dem Fotografen, eher erfolglos, erklärt, wie er das Korsett ihres feuerroten Kleides zuschnüren soll, überlegt sie bereits, wie ihre Schokoladenseite am besten zur Geltung kommen könnte. „Ich bin eine Perfektionistin“, gibt sie ohne zu zögern zu. Sich in Pose zu werfen, scheint ihr regelrecht Spaß zu machen. „Es ist eine Leidenschaft“, meint sie lachend, während sie sich mit dem blauen Ballkleid mehrmals dreht. Like a princess. Nichts soll sie mehr an ihre Teenagerzeit erinnern. Damals war sie angeblich eher unscheinbar in ihrem Jogging-Look.

„Als Teenager habe ich öfter davon geträumt, zu einer gehobenen Klasse zu gehören“, erinnert sich Melody. „Zu einer Art VIP-Gesellschaft!“. Sie wirkt einen Augenblick verlegen. „Es hört sich schon ein bisschen eigenartig an, aber ich habe mir so oft gewünscht, eine Einladung zu einer High Society Party zu bekommen, mit Abendkleid und Champagner. Aus diesem Grund, habe ich alles versucht um mich, dank der sozialen Netzwerke, von der Masse abzuheben.“

Ich möchte höher und weiter kommen.
Melody Funck – Influencerin

 

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Ihre Augen funkeln wie tausend Diamanten im Blitzgewitter. Wie eine Pflanze, die sich nach voller Sonne sehnt. Ob das denn nicht ausgesprochen oberflächlich sei, vielleicht sogar sinnlos, traue ich mich zu fragen. Nein, meint sie ohne zu zögern. „Ich habe sehr viel Ehrgeiz“, erklärt die Fashion-Influencerin mit ernster Stimme. „Ich gebe mich nur selten mit dem zufrieden, was ich erreicht habe. Ich möchte höher und weiter kommen. Für dieses Jahr wünsche ich mir eine Million Followers, damit weltweit renommierte Marken auf mich aufmerksam werden.“

Um an die Luxuskleider heranzukommen, durchstöbert Melody ebenfalls „Instagram“, auf der Suche nach neuen Designern. Originalität und Eleganz sind ihr wichtig, aber nicht zum vollen Preis. Zu teuer. Ein Schnäppchen oder Kollaborationen lassen sich immer finden, verrät die erbarmungslose Geschäftsfrau amüsiert. „Zurzeit möchte ich nicht mehr als 400 Euro monatlich für ein Abendkleid ausgeben. Und es gelingt mir. Ich habe ungefähr zwei Dutzend solcher Modekreationen in meiner Garderobe.“

Die märchenhaften Fotos und Videos aus den sozialen Netzwerken haben immer ihre Grenzen. Sie wissen ja, es ist nicht alles Gold, was glänzt. Eine Wahrheit, die Melody ihren Hunderttausenden Abonnenten nie zu verbergen versucht hat. „Es ist kein Geheimnis, dass ich als Grafikerin mein Geld verdiene“, möchte sie sofort klarstellen. „In Luxemburg ist es unmöglich, als Influencerin seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich sehe es eher als eine Leidenschaft, ein Hobby.“

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Ein Hobby nicht frei von Risiken, auch wenn, so meint die Influencerin, jeder in den sozialen Medien von sich preisgibt, was er möchte. Nicht mehr, nicht weniger. Dass sie selbst bereits Opfer von „Hatespeech“ war, möchte sie nicht leugnen. Es gab Beleidigungen, aber auch Morddrohungen. „Das hat mich persönlich sehr mitgenommen. Wenn jemand sich wünscht, dich mit seinem Auto zu überfahren, das ist schon heftig.“ Auf die Frage, warum sie sich das antut, scheint sie keine konkrete Antwort zu haben. „Das geht hier rein und da wieder raus!“. Als sei es der Preis des Erfolges. „Wenn du etwas erreichen möchtest, gehört dieser Druck einfach hinzu.“ Ob sie denn trotzdem glücklich sei, frage ich die 26-Jährige. Sie scheint überrascht. „Ja…, ich bin stolz auf alles, was ich bis jetzt erreicht habe.“

Jedes Mal, wenn die junge Fashionista eine Story auf Instagram für ihre mehr als 18.000 Followers publiziert, schauen im Durchschnitt sechstausend Personen zu. Für jedes Foto gibt es durchschnittlich zweitausend Likes. Jeden Tag nach der Arbeit, kontrolliert sie sofort ihr Handy. „Wie ein Junkie“, meint sie lachend. Ein erschreckender Vergleich! „Ein Tag ohne soziale Medien, ist eigentlich kein Problem, aber ich habe einfach zu viel Angst etwas zu verpassen“, meint Melody. „Wenn ich nichts publiziere, gibt es auch keine Likes und keine Views, keine neuen Abonnenten. Im Gegenteil, ich verliere welche. Ich werde für meine Abwesenheit bestraft.“ Der Glückspegel lässt sich dann doch entsprechend der Anzahl der gewonnen Likes messen.

In dem feuerroten Prinzessinnenkleid sieht sie aus, wie eine Märchenfigur. Etwas unbeschreiblich kindhaftes strahlt sie aus, aber nur einen sehr kurzen Augenblick, dann nimmt uns die bittere Realität wieder ein. „Nimm mein Handy, bitte. Ich brauche noch ein Backstagevideo“, meint sie lächelnd.

Fotos: Philippe Reuter

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

Author: Dario Herold

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