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Unterschätzter Beruf

Carmen Di Pinto ist von Beruf Kostümdesignerin. Eine schöpferische, handwerkliche und vielseitige Aktivität, eng verbunden mit einer ausgeprägten Leidenschaft für Mode und Design. Doch meistens, spielt sich der Alltag der Kostümbildnerin im Schatten der Theater-, Film- und Fernsehkulissen ab. Revue stellt sie ins Rampenlicht.

Was wären Theaterstücke und Filmproduktionen ohne die zauberhaften Traumkleider, die historischen oder futuristischen Kostüme? Eine sicherlich nicht sehr geschmackvolle Geschichte, die auch das unbestreitbare Talent der Schauspieler, mit der größten Überzeugung der Welt, nicht in ein traumhaftes Meisterwerk verwandeln kann. Der Kostümbildner ist genau aus diesem Grund ein fester Bestandteil der Theater-, Film- und Fernsehindustrie. Und auch wenn sein Talent, seit 1949, sogar mit einem Oscar in der Kategorie „Bestes Kostümdesign“ geehrt wird, ist nur wenigen von uns bekannt wie der Berufsalltag, der sich im Schatten bemühenden Arbeiter, abläuft. Noch zu oft werden sie mit den Garderobieren verwechselt, die nur beim An- und Ausziehen der Schauspieler helfen. Carmen Di Pinto ist diplomierte Kommunikationsdesignerin, doch seit 2009 arbeitet sie als Kostümdesignerin. Im Laufe der vergangenen Jahre sammelte sie Erfahrungen in diversen Bereichen, wie zum Beispiel bei Filmproduktionen, beim Dreh von Fernsehserien, Werbespots, Videoclips oder auch noch beim Theater. „Ich war schon immer an der artistischen Schöpfung interessiert“, verrät die 42-Jährige. „Als ich jung war, wollte ich Stylistin werden. Ich wollte in der Modebranche arbeiten.“

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Nach einer Ausbildung als Grafikdesignerin in Irland, arbeitet sie in Luxemburg zuerst für DuPont de Nemours. „An Schutzkleidung“, meint sie amüsiert, als sei dies vielleicht ein kleines Zeichen gewesen, das damals schon den Weg in Richtung der heutigen Karriere zeigte. Doch zuerst öffnete sie in der Hauptstadt ein Bekleidungsgeschäft. „Zu diesem Zeitpunkt, wurde ich das erste Mal gefragt, ob ich nicht Kostüme für den Dreh eines Musikvideos besorgen könnte. So hat eigentlich alles angefangen, bis ich 2015, nach der Schließung meines Ladens, beschloss den Job als Kostümdesignerin vollzeitig auszuüben.“

Ein etwas untypischer Weg, der sie im Laufe der Begegnungen und Gelegenheiten, ohne das Schicksal wirklich zu erzwingen, bis zu ihrem Traumjob führte. „Ich bin überzeugt, dass das der Beruf ist, den ich ganz unbewusst, schon immer ausüben wollte“, betont die junge Frau.

Ein Schritt in ihr kleines Atelier gibt einen ersten Einblick in ihr Reich. Es ist eine Mischung aus einer farbenfrohen Palette von Stoffen mit reichhaltigen Mustern, umgeben von unzähligen Fadenspulen aus verschiedenen Materialen und zahlreichen Accessoires die sich überall entlang der Wände, in Regalen und auf dem Büro stapeln. Der leicht überfüllte Raum gibt einem trotzdem ein Gefühl von Geborgenheit und strahlt eine gewisse Gemütlichkeit aus. Das perfekte Ambiente für kreative Entfaltung. „Ich liebe es kreativ aktiv zu sein. Ich blühe dann regelrecht auf“, betont sie. Doch bevor ein Kostümbildner Kostüme designt und optimiert, gibt es ein langer Vorbereitungsprozess. „Zuerst, lese ich das Drehbuch“, erklärt Carmen. „So kann ich mir ein genaueres Bild über das Bühnenbild und die Kostüme machen, aber vor allem über die verschiedenen Charaktere, mich regelrecht in ihre Haut versetzen, um das passende Kostüme zu finden. Da muss man schon über eine gewisse Empathie verfügen. Anschließend arbeite ich eng mit dem Regisseur zusammen. Er wird mir verschiedene Anweisungen geben, was seine Ideen und Wünsche betrifft. Ich inspiriere mich ebenfalls von der bereits ausgewählten Filmkulisse oder den Bühnenbilder.“

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Dann geht die Vorbereitungsarbeit in eine zweite kreative Phase. Nach einem ersten Brainstorming, ist es nun die Aufgabe der Kostümbildnerin erste konkrete Ideen zu sammeln, die sie später dem Regisseur vorzeigen kann. Zu diesem Zweck, erstellt Carmen ein „Moodboard“. Auf Deutsch könnte man es als eine Stimmungstafel bezeichnen. Auf Französisch als „planche d’inspiration“ bezeichnet, handelt es sich um ein Kartonbogen, auf dem eine Sammlung von Bildern, Skizzen, Stoffproben, Farbtönen, Fotos und jene Elemente befestigt werden, die es ermöglichen, die im Vorfeld vereinbarten Ideen visualisieren zu können. Eine richtige Recherchearbeit setzt sich in Gange, damit der Regisseur sich im Nachhinein ein konkretes Bild machen kann. „Er trifft seine Wahl. Er akzeptiert einige Ideen und lehnt andere ab. Es ist nun mal so.“

Inspiration findet Carmen in Büch-ern, Zeitschriften, im Internet und natürlich im alltäglichen Leben. Neben der schöpferischen Begabung und dem handwerklichen Können, ist auch sehr viel organisatorisches Talent in diesem Beruf gefragt. Je nach Budget hängt es davon ab, ob die Kostüme handgefertigt werden, gekauft oder gemietet werden. Vor allem aber, muss eine Kostümdesignerin teamfähig sein. Auch Schauspielerinnen und Schauspieler haben nämlich ein Mitspracherecht. Sie müssen sich in ihrem Kostüm wohlfühlen, damit sie problemlos und ungestört in ihre Rolle schlüpfen können. Das Anproben und das Retuschieren sind auf jeden Fall wichtige Elemente. „Jedes Kostüm gibt es meist in mehreren identischen Exemplaren, falls eines, zum Beispiel, nach einem Stunt, einen Fleck abbekommt oder beschädigt wird“. Carmen Di Pinto hat bereits mit vielen renommierten Schauspielern gearbeitet, wie Désirée Nosbusch, Isabelle Huppert, Billy Zane, Emma Watson oder Daniel Brühl. Doch so traumhaft das auch klingen mag, in diesem Beruf ist, jederzeit, viel Ausdauer gefragt, denn die Arbeitstage sind oft lang und anstrengend.

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„Es ist ein rasender Rhythmus und die Zeit ist immer zu knapp“, verrät die Kostümdesignerin. „Wir arbeiten oft spät am Abend und am Wochenende. Es ist keine kontinuierliche und konstante Arbeit. Wir transportieren auch eine ganze Menge an schwerem Material. Es ist also ein Beruf, der körperlich ziemlich anstrengend ist. Es kann sehr ermüdend sein, aber unser Hauptziel ist, dass das Endresultat passt und gefällt. Dafür geben wir unsere gesamte Energie.“

Niedergelassen hat sich Carmen Di Pinto in Differdingen. In einem Ort mit einer lebendigen Kultur- und Kreativwirtschaft, dem Kreativzentrum 1535. Ganz nach dem Motto: Erschaffen, erfinden, austauschen und kommunizieren. Diese interaktive Plattform, die sich in ehemaligen Industriegebäuden der „Arbed“ befindet, bietet allen kreativen Berufen die Möglichkeit, über einen Raum zu verfügen, wo sie ihrer Kreativität freien Lauf lassen können.

„Es ist mir wichtig, mein eigenes Atelier zu haben. Wenn du den 1535 betrittst, wirst du von der kreativen Energie regelrecht überflutet. Lange Zeit habe ich zu Hause gearbeitet, aber die Trennung zwischen Arbeit und Zuhause war mir wichtig.“
Mehrmals betont sie während unserem Gespräch, wie sehr sie ihren Beruf liebt und wieviel Positives er ihr auch auf menschlicher und artistischer Ebene bringt. Als Kostümbildnerin ist sie bereits bis nach Kanada gekommen, doch schlussendlich fühlt sie sich hierzulande doch am wohlsten.

„Es gibt hier eine freundlichere und menschlichere Seite. Bei den Dreharbeiten trifft man immer wieder auf vertraute Gesichter, und da man immerhin dreizehn Stunden miteinander verbringt, entstehen natürlich Affinitäten und sogar Freundschaften.“

Fotos: Philippe Reuter, Carmen Di Pinto

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

Author: Dario Herold

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