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Vergiss es

Es gibt Platten, welche die Musikgeschichte nachhaltig prägen. Vor dreißig Jahren veröffentlichte das Trio Nirvana ihr Album „Nevermind“, wohl eines der wichtigsten Alben der rezenteren Rockgeschichte.

Gotta find a way, a better way, I’d better wait… *

Es gibt Jahre, die stechen ganz besonders hervor. In der Musikgeschichte der Neunziger war das Jahr 1991 ganz sicher eines davon. Die „Red Hot Chilli Peppers“ schaffen mit ihrem fünften Studioalbum „Blood Sugar Sex Magik“ endgültig den Sprung von der Insiderband zum Stadionakt, Metallica liefern mit dem „Black Album“ ihr kommerzielles Meisterstück ab (bis heute über 22 Millionen verkaufte Alben), R.E.M. erlangen mit „Out of Time“ (und dem Überhit „Losing My Religion“) weltweite Bekanntheit. Nicht umsonst titelt Visions in seiner aktuellen Septemberausgabe sogar „1991 – Ein Jahrgang wie kein zweiter“ und bespricht 55 Alben aus besagten zwölf Monaten. Neben bereits erwähnten, listet das deutsche Musikmagazin noch andere hochkarätige Alternative-Platten, wie etwa „Blue Lines“ von Massive Attack, „Use your Illusion I+II“ von Guns n‘ Roses, „Ten“ von Pearl Jam oder etwa noch „Trompe le monde“ von den Pixies.

Doch ein Album aus demselben Jahr hat die Rockmusik nachhaltig verändert. Die Rede ist natürlich vom Major-Debüt „Nevermind“ („Vergiss es“) von Nirvana. Die 13 Lieder hauten (auch noch aus heutiger Sicht) eine Kerbe in die Rockgeschichte und diese Mischung aus Punk, Rock, Noise, Alternative, Pop aus Wut und Verzweiflung wurde zum Soundtrack der ganzen Generation Z. Das Album gilt gemeinhin als Geburtsstunde des „Grunge“. Dem Musikgenre, das die Neunziger Musikgeschichte prägte, wie der Gameboy und das Tamagotchi die Unterhaltungselektronik. Vorausgesetzt, man gehörte nicht zu denjenigen, welche der musikalischen Geschmacksverwirrung „Eurodance“ etwas abgewinnen konnten.

Here we are now, entertain us…

Als „Nevermind“ im September 1991 in die Plattenläden kam, waren Nirvana durch ihr Debüt „Bleach“ zwar schon im Underground bekannt, doch keiner rechnete zu dem Zeitpunkt damit, dass das Album Anfang 1992 den „King of Pop“ Michael Jackson mit seinem „Dangerous“ vom Thron der US-Charts stoßen und das Trio aus Seattle damit auf den Rockolymp katapultieren würde. Dabei unterscheidet sich „Nevermind“ vom Debüt vor allem dadurch, dass das Album massenkompatibler ist. Das Album hat alles, was es für eine wegweisende Platte braucht: von griffigen Refrains über eine clevere Dramaturgie (die leicht-leise Dynamik in den Liedern, welche Nirvana bei Vorbildern wie Sonic Youth abgekupfert haben) bis hin zu einer Stilvielfalt, welche das Album äußerst abwechslungsreich macht. Und vor allem eine Übersingle „Smells Like Teen Spirit“, welche das Album eröffnet und spätestens mit den drei Hieben auf die Snaredrum unmissverständlich zu verstehen gab, dass Schluss mit dem Pop und Wave der Achtziger war.

web_nevermind-KopieDass das Trio rund um den Sänger Kurt Cobain, den Schlagezuger Dave Grohl und den Bassisten Krist Novoselic sich schon bei den Aufnahmen ihrer Sache ziemlich sicher waren und eine Vorahnung hatten, dass das Album sie zu Geld und Anerkennung führen würde, zeigt schon alleine das Artwork. Ein Baby, welches nach einer Dollarnote taucht (Spencer Elden – das besagte Baby – hat kürzlich die Band wegen angeblicher Kinderpornografie angezeigt) und Cobains Stinkefinger auf der Innenseite sind unmissverständliche Zeichen dafür, dass die Band – was sie immer wieder beteuerte – nicht wirklich nach Ruhmstrebte, aber dass genau dies mit diesen 13 Liedern wahrscheinlich passieren würde. Vor allem Cobain schien im Anschluss an den Erfolg weiter zu leiden, Drogenkonsum und Depressionen inbegriffen.

…and he likes to sing along and he likes to shoot his gun

Dass „Nevermind“ Fluch und Segen zugleich war, wusste die Band selbst am besten. Das Album verkaufte sich alleine in den USA im Jahr 1992 über eine Million Mal, dabei hatte die Band nie vor, einen derartige kommerziellen Erfolg zu feiern und zu Superstars zu werden. Auch gerade deshalb hat die Band zwei Jahre später auf dem „Nevermind“-Nachfolger „In Utero“ ihr Pop-Gewand heruntergeschraubt und sich selbst weit weg vom Rock’n’Roll-Zirkus neu definiert. Spannend wäre es gewesen zu sehen, wie die Band sich nach diesem Album (welches das letzte bleiben sollte) entwickelt hätte.

„Nevermind“ ist aus heutiger Sicht sicherlich eins der Schlüsselalben, der frühen Neunziger und der moderneren Rockgeschichte. Dass Cobain am Ende keine Lust am Leben mehr hatte und sich im Drogenrausch mit einem Gewehr 1994 selbst das Leben nahm, trug endgültig zur Legendenbildung bei und der „Club 27“ war um ein Mitglied reicher.

Text: Hubert Morang // Fotos: Subpop

* Die Zwischentitel sind Textzeilen aus Liedern des Albums

Author: Philippe Reuter

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