Home » Entertainment » Verpennt – Life is strange: Farbenfeuerwerk der Gefühle

Verpennt – Life is strange: Farbenfeuerwerk der Gefühle

Die preisgekrönte „Life is Strange”-Spieleserie begeistert bereits seit sieben Jahren Fans von Adventure-Games. Mit der Erweiterung „True Colors“ sowie der „Remastered Collection“ der beiden ersten Teile, die dieses Jahr auch für Nintendo Switch erschienen sind, wird noch einmal klar, welches Potential dieses Genre besitzt. Doch kann die neueste Erweiterung mit den Vorgängern mithalten – und was macht diese 3D-Adventure-Serie so besonders?

Genre: Adventure, Studio: Deck Nine Games, Publisher: Square Enix, Plattform: Microsoft Windows, PlayStation 4, PlayStation 5, Xbox One, Xbox Series, Google Stadia, Nintendo Switch, Preis: ab 59 €, Altersempfehlung: 16+

Alex Chen trifft in einer kleinen Stadt irgendwo in der Pampa, also in Haven Springs (Colorado), ihren Bruder Gabe. Die beiden haben sich jahrelang nicht gesehen, die Wiedersehensfreude ist groß, sind ihre Lebenswege doch durch zahlreiche leidvolle Erfahrungen geprägt. Doch schnell wird klar, dass Alex auf emotionaler Ebene anders ist. Nicht nur, weil sie unter einem cholerischen und alkoholkranken Vater litt und ihre wahren Gefühle – etwa die über das erneute Zusammentreffen mit Gabe – hinter einer Schutzmauer versteckt, sondern auch, weil sie die Emotionen anderer Menschen quasi abrufen und sie so auch – sei es zum Positiven oder Negativen – beeinflussen kann. Der Beginn von „Life is Strange: True Colors“ ähnelt somit jenen der Vorgänger „Life is Strange“ (2015), „Life is Strange: Before the Storm“ (2017) und „Life is Strange 2“ (2018).
Die Ergebnisse des Studios aus Colorado, das auch Heimat für die Geschichte in „True Colors“ geworden ist, muss sich aber nicht hinter der mit zahlreichen Preisen des ausgezeichneten ersten Spiels aus dem Jahr 2015 und seinen Nachfolgern von Dontnod Entertainment verstecken. Im Gegenteil.

Aber von vorn. Eigentlich habe ich mir den neuesten Titel der „Life is Strange“-Reihe bereits im Oktober zugelegt. Im September erschienen, dachte ich mir, sei das doch eine nette Abwechslung für kalte Herbstabende. Doch es kam, wie es kam und ich habe es nur einmal kurz angespielt. Als ich vor einigen Tagen las, dass das Spiel für den British Games Award nominiert, mit dem „Golden Joystick Awards for Performance of the Year“ und bei den GLAAD Media Awards als „Outstanding Video Game of the Year“ sowie mit drei Preisen bei den Gayming Awards ausgezeichnet wurde, und dieses Jahr dann auch noch „True Colors“ für die Nintendo Switch und eine „Remastered Collection“ der ersten beiden Spiele für PC und Konsolen erschienen sind, da hat mich dann doch wieder die Neugier gepackt. Kann es wirklich mithalten mit dem vielgelobten ersten Teil? Also ran an die Tastatur.

Auch in diesem Teil der Reihe geht es um Charaktere, die es im Leben nicht immer einfach haben oder hatten.

web_08_Haven_Springs_Main_Street_1080-Kopie

Gleich zu Beginn wird klar: Auch in diesem Teil der Reihe geht es um Charaktere, die es im Leben nicht immer einfach haben oder hatten. Der gemeinsame Nenner ist auch die Tatsache, dass die jeweiligen Hauptdarsteller über ganz besondere übernatürliche Fähigkeiten verfügen. Waren es im ersten und zweiten Teil Telekinese und Zeitmanipulation, die den Protagonisten dabei halfen, schwierige Zeiten durchzustehen, verfügt die neue Hauptdarstellerin über eine außergewöhnlich starke Empathie. Sie kann die Gefühle anderer Menschen spüren, absorbieren und sogar manipulieren – was sie aber bisher tunlichst versucht hat zu unterdrücken. Bis etwas passiert, das alles ändern wird. Alex verliert ihren Bruder nach kurzer Zeit wieder durch einen Unfall. Spoileralarm? Nein, keine Sorge. Mit dem Tod von Gabe fängt das Spiel nämlich erst richtig an. Durch den Verlust lernt sie ihre Superkraft anzunehmen – und begibt sich auf ein Abenteuer, das nicht nur storytechnisch einiges zu bieten hat.

Und so ist es kaum verwunderlich, dass auch die Art und Weise, wie gespielt wird, für „Life is Strange“-Kenner keine große Schwierigkeit darstellen dürfte. Herumlaufen, hier etwas anklicken, dort mit jemandem reden, so einfach ist es dann doch nicht. Alex muss nämlich Entscheidungen treffen – und die beeinflussen auch den Fortgang der Geschichte. Und genau das ist die Stärke des Spiels. Denn statt nur Missionen zu erfüllen – die es zwar auch gibt – hat man direkten Einfluss auf das Geschehen. Hilft man jemandem, was im weiteren Verlauf manchmal für einen selbst von Vorteil sein kann, oder macht man einfach sein Ding und versucht nur das Geheimnis um den Tod des Bruders zu lüften: Das steht einem die meiste Zeit frei.

Dabei ist es mal gar nicht immer so leicht, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Es gibt dabei kein Richtig oder Falsch. Fast wie im echten Leben gilt es, abzuwägen – denn alles was man tut, hat auf direkte oder indirekte Weise eine Auswirkung. Ein Beispiel: Da ist die an Demenz erkrankte Dame im Blumenladen, die Gabe gut kannte und eigentlich Blumen für sein Grab zusammenstellen sollte und das vergisst. Klärt man sie auf und konfrontiert man sie mit Trauer und Schmerz oder verschweigt man, was passiert ist, um sie zu schonen? Wie unterschiedlich diese Entscheidungen ausfallen können, wird auch deutlich durch die Prozentangaben, die nach den Kapiteln erscheinen und aufzeigen, wie andere Spieler entschieden haben.

Und genau das ist, der bescheidenen Meinung der Autorin dieser Zeilen nach, der Grund für die Beliebtheit dieser Serie. Man ist, wie bei der „The Last of Us-Serie“ (Naughty Dogs) oder „Vampyr“ (Dontnod) involviert in die Geschichte. Und in der menschelt es nicht nur an allen Ecken, dass es nur so kracht, das Ganze wird auch auf grafischer Ebene auf die „Life is Strange“-typische Weise untermauert. Wut, Trauer, Liebe, Eifersucht, Verzweiflung: Die unterschiedlichen Emotionen werden nicht nur durch die Animationen der Charaktere täuschend echt dargestellt, die gesamte Welt in Haven Springs ist ein Meisterstück der Animationskunst. Und so schlendert man durch die kleine Stadt und kommt ins Staunen über die liebevollen Details, etwa beim Blick von der Dachterrasse auf den Fluss, bei einem Rundgang durch den Stadtpark oder beim Herumstöbern in Stephs Plattenladen.

Toleranz ist der Grundstein allen guten Zusammenlebens

Apropos Steph. Die spielt eine wichtige Rolle in „True Colors“. Für Spieler von „Life is strange: Before the Storm“ dürfte sie auch keine Unbekannte sein, war sie doch dort eine der Nebenfiguren. In „True Colors“ steht sie allerdings noch mehr im Mittelpunkt. Weil „Life is Strange“ von vorne bis hinten eine Achterbahnfahrt an Emotionen bietet, ist es wohl auch nicht verwunderlich, dass es auch um Gefühle geht, die für manche Tabus sind.

Tiefgründiger Natur ist so der rote Faden, der durch die gesamte Reihe führt: Die Serie befasst sich nämlich mit Themen wie Suizid oder Trans- und Homosexualität. Auf dezente und respektvolle Weise dürfte beim Spielen eigentlich jedem, der das noch nicht vorher verstanden hat, klarer werden: Toleranz ist der Grundstein allen guten Zusammenlebens – oder besser gesagt, sollte es sein. Um diese Botschaften authentisch zu übermitteln, haben die Entwickler unter anderem „the LGBT Media Advocacy Organization“ (GLAAD), eine Non-Profit-Organisation von LGBT-Aktivisten in den USA, zu Rate gezogen.

Und das Resultat lässt sich sehen. Die etwa zehn Stunden, die man zum Durchspielen benötigt, vergehen wie im Flug. Die Figuren wachsen einem tatsächlich ans Herz, man fühlt mit. Warum ich es im Herbst nicht weitergespielt habe, ist mir beim erneuten Spielen aber auch wieder in Erinnerung gerufen worden: Die ellenlangen Dialoge und Zwischensequenzen, die regelmäßig auftauchen und einen fast glauben machen, man sehe einen Animationsfilm. Zwar ist die Geschichte, die es seit 2019 auch im Comicformat gibt, wirklich sehenswert – aber das könnte für den ein oder anderen Spieler doch störend sein.

Aber versprochen: Wer sich darauf einlässt, wird mit einem Spieleerlebnis, das seinesgleichen sucht, belohnt. Kritischen Stimmen aus Fachmagazinen zufolge sei „True Colors“ zwar nicht so großartig wie der allererste Teil, doch wollen wir ehrlich sein: Das ist Gejammer auf sehr hohem Niveau. Fazit: „True Colors“ ist, wie die anderen Teile, nichts für Leute, die Tiefgang ablehnen und Action bevorzugen. Aber der Anspruch, den Deck Nine mit „True Colors“ für sich erhoben hatte, und zwar die Beantwortung der Frage, wie Videospiele als Werkzeug für die Erkundung von Empathie dienen können, wurde definitiv erreicht.

Text: Cheryl Cadamuro

web_10_Alex_Guitar_1080-Kopie

Die Life is Strange Serie

Der erste Teil des 3D-Adventure von Dontnod Entertainment ist 2015, episodisch auf fünf Kapitel verteilt, erschienen. Die 16-jährige Maxine, kurz Max, wird in „Life is Strange“ mit dem Verschwinden von Rachel, einer Mitstudentin, konfrontiert. Sie und ihre beste Freundin Chloe, die beide einen mit Problemen vollgepackten Rucksack mit sich rumschleppen) versuchen das mysteriöse Verschwinden zu ergründen. Zugute kommt Max dabei ihre Fähigkeit, die Zeit zurückdrehen zu können. Mit „Life is Strange: Before The Storm“ ist 2017 dann eine Fortsetzung zum ersten Teil erschienen. Die Handlungen spielt sich drei Jahre vor dem ersten Teil ab. Auch hier dreht sich alles um Geheimnisse, die gelüftet werden müssen und Gefühle, die verarbeitet werden wollen. Eine der Nebenrollen, Steph Gingrich, die in True Colors mit im Fokus steht, wird dort zum ersten Mal auftauchen.

web_Life_is_Strange_Ep2_JUNKYARD-Kopie

„The Awesome Adventures of Captain Spirit“, einer Mini-Erweiterung von Dontnod, die 2018 erschien, wird der zweite Teil von „Life is Strange“ eingeleitet. Ein kleiner Junge mit Superkräften, er kann Dinge bewegen, wird auch in LiS 2 eine große Rolle spielen, beeinflusst doch die finale Entscheidung in dem Minispiel diese ganz neue Geschichte. Die Spielmechanik in allen Teilen ist zwar ähnlich, doch die Protagonisten, die Brüder Sean und Daniel Diaz sind mit einem anderen Schicksal konfrontiert. Es geht ums Erwachsenwerden, Vorbilder, Schuldgefühle und Trauerverarbeitung – und um Telekinese.

Als im Herbst 2021 „True Colors“, für Windows und alle Konsolen außer Switch, erschien, war nicht mehr Dontnod Entertainment für dessen Entwicklung zuständig, sondern Deck Nine. Diese haben neben „True Colors“ auch eine „Remastered Collection“ (überarbeitete Animationen und eine optimierte Grafik) für „Life is Strange“ und „Life is Strange: Before the Storm“) kreiert und bei Square Enix herausgebracht. Der Grund für den Studiowechsel: Bei Dontnod hat man sich 2021 dazu entschieden, eine Weile an eigenen Projekten zu arbeiten. Wodurch man hoffen darf, dass „Vampyr 2” vielleicht wirklich noch erscheinen wird. Mit Deck Nine aber hat Square Enix einen würdevollen Nachfolger gefunden. Coronabedingt kamen die neuen Versionen nicht wie vorgesehen Ende 2021, sondern im Februar 2022 heraus. Mit „Wavelengths“ ist zudem eine Mini-Erweiterung mit Steph Gingrich im Mittelpunkt erschienen.

web_E3_S01B_008-Kopie

Author: Dario Herold