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Vertrauensfrage

Einer der drei Fotografen, die Bilder in der Ausstellung „Entre ombre et lumière“ zeigen, ist Christian Kieffer. Im Interview spricht er über seine Fotografie, seine Liebe zu Südamerika und den kolumbianischen Fotografen Luis Carlas Ayala.

Wie sind Sie zur Fotografie gekommen?
Ich habe vor rund 20 Jahren angefangen, mich so richtig mit Fotografie zu beschäftigen, vor allem durch meine Reisen in Lateinamerika. Ich habe damals schon nicht die typischen Urlaubsbilder geschossen, sondern eher die Menschen und das Leben in den Straßen fotografisch eingefangen. Mein Einstieg in die Fotografie war die „Street photography“.

Christian Kieffer

Foto: Christian Kieffer

Was fasziniert Sie an dieser Art der Fotografie?
Die Meisten, die mit „Street photography“ anfangen, machen die Fotos erstmal aus einer gewissen Distanz, eventuell mit einem Teleobjektiv. Ich habe über die Jahre hinweg diese Distanz immer mehr überwunden und meine aktuellen Porträts entstehen aus nächster Nähe. Mich fasziniert daran der direkte Kontakt mit den Menschen. Außerdem finde ich, dass man in diesen schwarz-weißen Porträts sehr viel sieht. Es ist fast so, als könne man den Menschen in die Seele blicken.

Worin besteht die Schwierigkeit?
Ganz einfach: Das Foto darf am Ende nicht gestellt wirken, obwohl sie es fast alle in irgendeiner Art und Weise durch die direkte Nähe doch sind. Die Kunst besteht eben darin, das Foto so zu schießen, dass dieses Gestellte verschwindet. Ich spreche die Menschen für diese Porträts immer als Erstes an und führe ein kurzes Gespräch mit ihnen, bevor ich um die Erlaubnis bitte, ein Foto schießen zu können. Auch wenn ich in Luxemburg Fotos schieße und ein interessantes Gesicht sehe, frage ich einfach um Erlaubnis ein Bild machen zu dürfen.

Foto: Christian Kieffer

Foto: Christian Kieffer

…und die Meisten sagen ja?
In Lateinamerika ist es relativ einfach. In Luxemburg und in Europa im Allgemeinen sehr viel schwieriger. In meinen Augen muss man eine gemeinsame Vertrauensbasis aufbauen und dann stimmen die meisten Menschen zu. Aber auch in Lateinamerika sind nicht unbedingt immer alle mit Fotos einverstanden. Ein Beispiel sind die indigenen Bevölkerungen, die lassen sich in Städten gar nicht ablichten, nicht einmal gegen Bezahlung. Wenn man allerdings in einem ihrer Dörfer ist, vielleicht dort übernachtet und den Häuptling um Erlaubnis bittet, kann es durchaus sein, dass Fotos möglich sind.

Woher stammt ihre Faszination für Lateinamerika und Kolumbien?
Seit 20 Jahren reisen meine Frau und ich nach Lateinamerika, das fing mit einer organisierten Pauschalreise an. Nach und nach haben wir dann Abstand von organisierten Reisen genommen und haben es selbst in die Hand genommen. 2014 waren wir das erste Mal in Kolumbien, mit den Vorurteilen eines Westeuropäers im Hinterkopf. Bislang waren wir fünfmal in Kolumbien und haben vierzehn „Departamentos“ besucht. Ich behaupte mittlerweile, dass Kolumbien nicht gefährlicher ist als irgendeine Großstadt, in die man reist. Auch in New York spaziert man nicht einfach so überall alleine hin. Natürlich gibt es Regionen, etwa einige entlang der Grenzen, die gefährlich sind, vor allem weil dort Drogenschmuggel betrieben wird.

Ich behaupte mittlerweile, dass Kolumbien nicht gefährlicher ist als irgendeine Großstadt, in die man reist. Auch in New York spaziert man nicht einfach so überall alleine hin. Christian Kieffer

Luis Carla Ayala, der auch in Burglinster ausstellt, macht teilweise aber genau dort seine Fotos?
Ja. Er interessiert sich Foto-journalistisch für die Minoritäten, die in verschiedenen dieser Gegenden leben und teilweise von Drogenkartellen bedroht werden. Wie zum Beispiel auch in dem „Valle del Cauca“, wo er vor Kurzem während seiner Arbeit angeschossen, glücklicherweise aber nicht allzu schwer verletzt wurde.
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Fotos: Luis Carlos Ayala

Fotos: Luis Carlos Ayala

Wie ist eigentlich der Kontakt zu Luis Carla Ayala entstanden?
Ganz einfach über eine Facebook-Gruppe, die sich „de la calle somos“ nannte und sich mit „Street photography“ beschäftigte. 2018 sind wir uns in Bogotá zum ersten Mal begegnet, wo er lebt. Wir sind dann auch gemeinsam losgezogen, um Fotos zu schießen.

Ihre fotografischen Arbeiten zeigen Parallelen auf…
Ja, das ist der Aspekt der Straßenfotografie mit dem Fokus auf Porträts. Der Unterschied liegt vielleicht darin, dass er etwas mehr Distanz zu den Personen hat, weil er im Gegensatz zu mir auch den Kontext des Hintergrunds in seine Fotos mit einfließen lassen will. Eine erste gemeinsame Foto-Ausstellung (mit noch zwei weiteren kolumbianischen Fotografen) gab es bereits 2018 in Den Haag.

Foto: Christian Kieffer

Foto: Christian Kieffer

Jetzt die nächste Ausstellung in Burglinster?
Als das Kollektiv KA den Zuschlag einer Residenz in den „Annexes“ in Burglinster erhielt, war dem Koordinator Georges Rischette relativ schnell klar, dass aufgrund der Covid-Regelungen nicht viel Spielraum für große künstlerische Aktivitäten sein würde. Er hatte die Idee einer Fotoausstellung. Neben Daniel Fragoso, der Mitglied des Kollektivs ist, hat er mich dann gefragt, ob ich meine Porträtbilder ausstellen könnte und ob ich nicht noch jemanden kennen würde. So kam eines zum anderen.

Text: Hubert Morang // Fotos: Serge Kieffer (3), Luis Carlas Ayala (3)

Die Ausstellung „Entre ombre et lumière“ mit Bildern der Luxemburger Fotografen Daniel Fragoso (blackmagictea.com) und Christian Kieffer (christiankieffer.com) sowie des kolumbianischen Fotografen Luis Carlas Ayala (instagram.com/luiscarlosa85) ist noch bis zum 16. Juli in den „Annexes“ des Schlosses in Burglinster zu sehen.

Geöffnet ist die Ausstellung jeweils mittwochs und freitags von 14.00 bis 19.00 Uhr, sowie jeden ersten Sonntag im Monat von 14.00 bis 18.00 Uhr.

Christian Kieffer und Luis Carlos Ayala

Christian Kieffer und Luis Carlos Ayala

Author: Philippe Reuter

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