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Voller Symbolkraft

Atomabkommen, neue Sanktionen, neue Gespräche: Geht es in Politik und Medien um den Iran, ist Urananreicherung das allesbestimmende Thema. Das MNHA wirft mit dem österreichischen Fotografen Alfred Seiland ein anderes Licht auf das Land.

Eine junge iranische Künstlerin tanzt eine Performance in einer Moschee. Leuchtend bunte Farben, Rot-, Rosa- und Orangetöne bestimmen die Großaufnahme, die die Ausstellung eröffnet. Im nächsten Raum eine beeindruckende Stadt in der Wüste, schließlich der zweitgrößte Friedhof der Welt. In 60 Fotografien stellt das Musée National d’Histoire et d’Art (MNHA) den Iran durch die Linse des österreichischen Fotografen Alfred Seiland aus. Schon 2014 hat Seiland im MNHA ausgestellt, damals sein Projekt „Imperium Romanum“. Dafür machte er sich auf die Suche nach Spuren des Römischen Reiches. Der österreichische Fotograf bereiste 35 Länder, in denen Spuren der Römer zu finden sind, damit macht er bis heute weiter, sein Dauerprojekt.

Aus dieser Spurensuche heraus ist auch seine Serie über den Iran geboren. Denn, so Seiland, den Iran verbindet eine einzigartige Geschichte mit dem Römischen Reich. Während die Römer auf ihren Feldzügen Architekten, Bautechniker und Handwerker mitschleppten, um vor Ort sofort mit dem Bau ihrer Siedlungen zu beginnen, war das nur im Iran anders. In einer großen Schlacht in Edessa, der heutigen Türkei, im Jahr 260, errang die persische Armee einen überwältigenden Sieg gegen das Römische Heer, nahm zwei Kaiser und 70.000 andere Gefangene mit ins Persische Reich. Diese Bautechniker und Handwerker mussten für die Perser bauen. Die Brücken und Wasserversorgungsanlagen bestehen zum Teil heute noch. Um das zu erkunden, fuhr Seiland 2017 zum ersten Mal in den Iran. Dabei entdeckte er außerdem, dass die beiden Kulturen großen Respekt voreinander hatten. „Obwohl sie in vielen Schlachten gegeneinander kämpften, haben sie Persepolis nicht zerstört. Das war nicht immer so,
Alexander der Große hat das schließlich geschafft“, erklärt Seiland. Einer der Gründe für sein Interesse, das ihn noch einige weitere Male in den Iran ziehen sollte.

IR_015_CF004930_Presse-Kopie„Jeder hat ein Bild vom Iran“, erklärt Michel Polfer, Direktor des MNHA, „irgendwo zwischen dem Großkönig Dareius und Ajatollah Chomeini, zwischen tausendundeiner Nacht und der Atommacht der islamischen Republik. Diese Ausstellung gibt uns die Gelegenheit, diese Klischees zu überdenken und das Land neu zu entdecken, durch die Linse von Alfred Seiland.“ 60 Fotos in drei Räumen, Erdtöne, Reste eines ehemaligen Imperiums, die sich in die Gegenwart einfügen, dazwischen Menschen, die in diesen Widersprüchen ihr Leben konstruieren.

Das beeindruckendste Bild zeigt in Großaufnahme Bam. Die Stadt in der Hochebene im Osten des Landes wurde vier bis sechs Jahrhunderte vor Christi Geburt erbaut. Die Lehmstadt wurde zu einer bedeutenden Drehscheibe, an der Kreuzung der wichtigsten Handelsrouten, ihr Umland bekannt für die Herstellung von Seide und Baumwolle. Durch Bam kamen Händler, die die Seidenstraße nach Ostasien und in den Persischen Golf bereisten. Das Leben in der und um die Zitadelle, umgeben von Wüste, wurde durch unterirdische Wasserkanäle ermöglicht, Bam ist eines der ersten Zeugnisse dieser Baukunst, die zwei Jahrtausende später noch immer funktionstüchtig sind. 2003 wurde die Stadt durch ein Erdbeben zerstört, um den Wiederaufbau zu fördern, setzte die Unesco Bam danach auf die Rote Liste des gefährdeten Kulturerbes. Mehr als 60 Staaten sagten Hilfe zu, insgesamt 1,1 Milliarden US-Dollar. Heute ist die wiederaufgebaute Stadt unbewohnt, doch für Besucher offen.

Die Wüstenstadt Bam ist Symbol persischer Baukunst und der Wertschätzung durch die heutige Politik.

Für Seiland ist die Stadt einerseits Symbol der Baukunst und Kultur des Persischen Reiches, auf der anderen Seite der heutigen Politik, die einen extremen Aufwand in eine unbewohnbare Wüstenstadt steckt. „Das ist über irrsinnig langen Zeitraum mit einem Budget von insgesamt acht Milliarden Dollar wieder aufgebaut worden“, staunt Seiland.

IR_012_PresseEinen ähnlich starken Einsatz von Geld und Energie zeigt ein anderes Foto, der Anlass streitbarer. Zur 2.500-Jahr-Feier der Persischen Monarchie lud Schah Mohammed Reza Pahlevi 1971 die wichtigsten Staatsoberhäupter und Politiker aus der ganzen Welt ein, ließ die angesehensten Köche aus Paris einfliegen und Singvögel aus Europa, beherbergte jede Delegation, jede Familie in einem eigenen klimatisierten Zelt. Man warf ihm Prunksucht vor, es sei eine überzogene Aktion gewesen, man munkelt, die Feier habe eine knappe Milliarde gekostet. Die Metallgerüste der Zelte stehen noch heute außerhalb von Persepolis, der ehemaligen Hauptstadt, dem Chomeini-Regime dienten sie als abschreckendes Beispiel für die Zeit des Schahs, erklärt Seiland.

Immer wieder fängt Alfred Seiland mit seiner Kamera solche symbolträchtigen Orte ein. Ein verlassenes Schlachtfeld am Fluss Schatt Al-Arab, dem Grenzfluss zum Irak. Hier hatte der erste Golfkrieg seinen Anfang, als Saddam Hussein, entgegen einem Abkommen zwischen dem Iran und dem Irak, den Fluss für sich beanspruchte. Heute ist ein Denkmal auf iranischer Seite, geköpfte Dattelpalmen, der Fluss, Kriegsgerät. „Der Iran hat dort einen völlig überraschenden Sieg errungen“, erzählt Seiland. „Über Nacht haben sie etwas nördlicher, gegenüber der Stadt Basra einen Ablenkungsangriff gemacht, um dann von hier aus durch Betonrohre, die sie aneinander befestigt haben, und mit vielen Tauchern, gegenüber in den Irak einzudringen.“ Zwei Monate konnten sie diese Stadt halten, eine Überraschung, da die iranische Armee bei weitem nicht so gut ausgerüstet war wie ihr Gegner. Durch den Einsatz von Giftgas sei es den Irakern schließlich gelungen, die Iraner zurückzuschlagen. Ein Denkmal am Fluss erinnert heute daran, von Seiland in Schwarzweiß eingefangen. Für Seiland ein Symbol „der immer wieder zur Schau gestellten Tatsache, dass die Welt den Iran nicht zum Sklaven machen kann.“ Auf mehreren Fotos Seilands kommt dieser Wille des Irans zum Ausdruck: zu zeigen, wir beugen uns nicht.

_MHA6269-KopieSchließlich der zweitgrößte Friedhof der Welt, Behescht-e Zahra. Mit dem Bus fahren die Angehörigen vom Eingang zu den Gräbern ihrer verstorbenen Familienmitglieder. 1971 ließ der Schah ihn als Friedhof der Armen und der im Gefängnis verstorbenen politischen Häftlinge anlegen. Ajatollah Chomeini gab ihm eine neue Relevanz, hielt dort seine erste Rede nach seiner Rückkehr aus dem Pariser Exil und bezeichnete die Verstorbenen als Märtyrer, als Stolz und Ehre des Landes. Jungen Männern wurde eingebläut, sie hätten das Glück, als Märtyrer zu sterben, bevor sie als Soldaten an die Front im kurz darauf beginnenden Iran-Irak-Krieg geschickt wurden, zum Beispiel um die Minen auszulösen. Die Reihen gefallener junger Männer und Jungen auf dem Friedhof wollen kaum ein Ende nehmen – Gräber mit Fotos der Jungen und Koranversen geschmückt. Eine Aufnahme Seilands zeigt den Eingang dieser „Märtyrer-Sektion“ des Friedhofs. Seiland war vor allem von der unvorstellbaren Größe des Friedhofes südlich der Hauptstadt Teheran beeindruckt, mit 432 Hektaren die Fläche einer Kleinstadt, in etwa des gesamten Kirchberg-Plateaus. Nur im Nachbarland Irak gibt es einen größeren. 

Text: Franziska Peschel // Fotos: Alfred Seiland (4), Tom Lucas/MNHA

Die Foto-Ausstellung „Iran between Times“ von Alfred Seiland ist bis zum 11. September 2022 im MNHA zu sehen, Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr, Eintritt 7 Euro.

Author: Philippe Reuter