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Vom Kutter zum Ökokonzern

Greenpeace macht seit 50 Jahren mit spektakulären Aktionen auf Probleme im Natur-, Klima- und Umweltschutz aufmerksam. Wie die Protestbewegung zum Gobal Player wurde.

September 1971. Ein verwegener Haufen von Atomkraft- und Kriegsgegnern sowie Umweltschützern hat sich mit einem alten Fischkutter von Vancouver aus in Richtung Aleuten vor der Küste Alaskas aufgemacht. Ihr Ziel ist es, dort einen Atombombentest zu verhindern. Zwar wird ihr Plan von der US-Küstenwache durchkreuzt. Doch die Crew, die den Kutter „Phyllis Cormack“ auf den Namen „Greenpeace“ umgetauft hat, lässt nicht mehr locker. Sie ruft eine Bewegung ins Leben, die sich bald selbst so nennt. Aus ihr wird eine der größten Umweltschutzorganisationen der Welt, die nach eigenen Angaben in 57 Ländern aktiv ist und etwa drei Millionen Unterstützer zählt.

Die Aktion im Nordpazifik gilt heute als Geburtsstunde von Greenpeace. Zu Beginn richten sich die Proteste gegen die Atomkraft und gelten dem Schutz von Natur und Umwelt. Die Organisation will auf Skandale aufmerksam machen, die im Verborgenen liegen. Um ihre Ziele zu erreichen, braucht sie den Einsatz und Mut ihrer Aktivisten und Aktivistinnen – und einen langen Atem. Oberirdische Atombombentests beispielsweise sind heute verboten. Nicht zuletzt ein Erfolg von Greenpeace.

Gewaltfreie Aktionen, um für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen zu kämpfen, und dabei finanziell unabhängig von Regierungen, Parteien und Unternehmen, aber auch von internationalen Institutionen wie der Europäischen Union oder den Vereinten Nationen bleiben, gehören zum Selbstverständnis von Greenpeace. Nur damit sei es möglich, die Verantwortlichen von Verstößen gegen den Umweltschutz zur Rechenschaft zu ziehen. Die Organisation erlebte dabei Erfolge wie auch Rückschläge. Zu Ersteren gehört mit Sicherheit, dass im Mai ein niederländisches Gericht den Öl- und Gasriesen Shell dazu verurteilte, seine Kohlendioxid-Emissionen drastisch zu senken. Das Urteil wird als historisch bewertet im Kampf gegen den Klimawandel, der heute zu den Hauptaufgaben der Organisation gehört – als „Menschheitsaufgabe“, wie es Martin Kaiser formulierte, neben Roland Hipp einer der beiden Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland.

Vor allem in den 1980er und 1990er Jahren erregte Greenpeace mit spektakulären Aktionen Aufsehen. So gelangte zum Beispiel 1995 jene gegen die Versenkung des schwimmenden Öltanks „Brent Spar“ in die internationalen Schlagzeilen und Hauptnachrichten der Fernsehsender. Dessen Besetzung durch Aktivisten von Greenpeace richtete sich gegen die Entsorgung von Industrieschrott im Meer. Schon im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens leisten die Umweltschützer Widerstand gegen das Schlachten von Robbenbabys. Die friedlichen Proteste gehörten seit 1976 zu ihren wichtigsten Aktivitäten: Sie besprühten das Fell des Robbennachwuchses mit einer Pflanzenfarbe und machten es so für die Pelzindustrie wertlos. Der Markt für die Felle brach weg.

Von den Anfängen 1971 an sind die Greenpeace-Aktivisten gegen Atomkraft und die Aufbereitung von Atommüll zu Felde gezogen. Roger Spautz, einer der Gründer von Greenpeace Luxemburg, hat seine Teilnahme an den Kampagnen gegen die französischen Atomtests im Südpazifik Ende der 1980er und Mitte der 1990er Jahre in bester Erinnerung.

Das Flaggschiff, die „Rainbow Warrior“, stand jedoch auch im Mittelpunkt eines tragischen Zwischenfalls am 10. Juli 1985: Der französische Geheimdienst brachte die „Rainbow Warrior“ vor Auckland in Neuseeland mit Sprengstoff zum Sinken. Der niederländisch-portugiesische Greenpeace-Fotograf Fernando Pereira kam dabei ums Leben. „Einer der schwierigsten Momente“, sagt Spautz. Die französische Regierung soll laut Ermittlungen die Sprengung angeordnet haben. Doch Greenpeace gab nicht auf. An Stelle der „Rainbow Warrior“ stachen danach weitere Schiffe gleichen Namens in See.

Für ihre Aktionen erhielten die Umweltschützer zwar viel Lob, mussten aber auch einige Kritik einstecken.

„Unsere Erfolge waren nur deshalb möglich, weil wir jahrelang hartnäckig an ihnen gearbeitet hatten“, sagt Roger Spautz. Er zählt den Schutz der Antarktis, das internationale Walfangverbot sowie das Verbot, chemische und nukleare Abfälle zu versenken, zu den Errungenschaften. Die „Brent Spar“ nennt er dagegen eher einen „kurzfristigen“ Erfolg. Für ihre Aktionen erhielten die Umweltschützer viel Lob, vom Einsatz für bleifreies Benzin bis zu dem Projekt „Greenfreeze“ für FCKW-freie Kühlschränke, mussten aber auch einige Kritik einstecken, zuletzt im Juni dieses Jahres wegen des Einsatzes eines Gleitschirms in München, als vor dem Spiel Deutschland gegen Frankreich bei der Fußballeuropameisterschaft ein Aktivist eine Bruchlandung in der Allianz-Arena hinlegte und dabei zwei Männer verletzte. Eigentlich wollte er gegen den Sponsor Volkswagen protestieren. Stattdessen musste sich Greenpeace öffentlich entschuldigen.

Zwar liegt bis heute der Hauptfokus auf der Umwelt, wie der Südafrikaner Kumi Naidoo, der damalige Exekutiv-Direktor von Greenpeace, in einem revue-Interview im Januar 2014 erklärte, aber der Umweltschutz gehe Hand in Hand mit dem Kampf gegen die Armut. Der frühere Anti-Apartheid-Kämpfer und spätere Direktor von Amnesty International wies auf eine Veränderung hin: „Die Entscheidungen müssen mehr an der Basis getroffen werden (…) Außerdem arbeiten wir stärker mit anderen Organisationen zusammen.“

Mittlerweile gibt es weitere Mitstreiter, aber auch Konkurrenz für die manchmal als „bürokratisch“ kritisierte NGO, die heute nicht selten mit einem Konzern verglichen wird. So haben ihr in den vergangenen Jahren die Bewegung „Fridays for Future“ und die schwedische Aktivistin Greta Thunberg in Sachen Medienwirksamkeit fast den Rang abgelaufen. Dies hat auch die jetzige Exekutiv-Direktorin, die US-Amerikanerin Jennifer Morgan, erkannt: „Wenn sie uns um Unterstützung fragen, sind wir dabei.“ Im Kampf gegen den Klimawandel sei Zusammenarbeit gefragt.

„Der Klimawandel ist die größte Herausforderung“, weiß Roger Spautz, „ein komplexes Thema, bei dem viele Bereiche wie Energieverbrauch, Mobilität, Landwirtschaft, die Abholzung der Wälder und der Schutz der Meere eine Rolle spielen.“ In Luxemburg riefen die Aktivisten Spautz und Raymond Triebel 1984 Greenpeace Luxemburg ins Leben. Das Team, das zu Beginn nur aus freiwilligen Helfern bestand, verfügt heute über etwa 20 fest angestellte Mitarbeiter. „Wir haben früher sicherlich nicht so professionell gearbeitet wie heute und mussten viel improvisieren“, erinnert sich Spautz. „Aber jede Aktion, die uns gelang, war ein Erfolg.“

In Erinnerung bleibt nicht zuletzt der jahrelange, noch anhaltende Kampf für die Schließung des Kernkraftwerks in Cattenom. Der Pannenmeiler ist trotz unzähliger Zwischenfälle noch immer in Betrieb. Gerade in der Anti-Atom-Kampagne arbeiten die Luxemburger eng mit dem französischen Büro zusammen. „Durch die professionellere internationale Arbeit und eine bessere Koordination können wir zielgerichteter arbeiten und Synergien besser nutzen“, erklärt Spautz, „auch wenn das sicherlich einen größeren Zeitaufwand für Abstimmungen und Administration bedeutet. Früher war das zwangloser“.

Nicht zu vergessen ist aber auch die denkwürdige Aktion im Jahr 2002, als etwa Hunderte von Freiwilligen den Zugang zu allen Esso-Tankstellen hierzulande blockierten: Der damalige Justizminister Luc Frieden reagierte darauf mit dem Entwurf für die sogenannte „Lex Greenpeace“ gegen die Besetzung eines privaten oder öffentlichen Geländes (das Gesetzesprojekt wurde aber später wieder abgeändert). Von nicht zu unterschätzender Bedeutung waren im Großherzogtum auch die Kampagnen gegen die Verschmutzung des Trinkwassers in den Luxemburger Gewässern, ebenso wie die Warnung vor der globalen Erderwärmung und vor der Entsorgung giftiger Abfälle sowie vor der Verwendung von Pestiziden und gentechnisch veränderten Organismen. Außerdem wurde Greenpeace nicht müde, auf die Verantwortung des luxemburgischen Finanzsektors und der Großkonzerne hinzuweisen, so zum Beispiel Ende Juni, als Aktivisten vor dem Sitz von ArcelorMittal demonstrierten – wegen der geplanten Erweiterung der umstrittenen Mary-River-Mine im Norden Kanadas.

Foto: Greenpeace
Greenpeace engagiert sich auch gegen Fracking (siehe Reportage in der aktuellen revue, S. 22).

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Dario Herold

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