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Von der Anwältin zur Modedesignerin

Nach einer 30-jährigen Karriere als Anwältin hat Francine Keiser ihren Beruf an den Nagel gehängt, um ihrer kreativen Leidenschaft freien Lauf zu lassen. Ein Sprung in die Ungewissheit, doch sie scheint sich nicht zu scheuen, diese neue Herausforderung anzunehmen.

Als sich die blaue Haustür öffnet, fallen mir sofort diese lachenden, hellen Augen auf. Sie strahlen über den Corona-bedingten Mundschutz hinweg, wirken heiter und zugleich kontaktfreudig. Es ist immer wieder erstaunlich festzustellen, was Blicke Aussagen können. Wie war das schon wieder? Ah ja… die Augen sind das Tor zur Seele. Francine Keiser ist auf jeden Fall sehr gesprächig, wenn es darum geht, über ihre Passion für Mode und ihre erste Kleiderkollektion zu berichten. Zugegeben, ihre Geschichte hat etwas Hinreißendes, ähnlich einer ungeahnten Wende, die sogar sie nicht vermuten konnte. Die Frau hat auf jeden Fall eine ungeheuerliche Spontaneität, die schwierig zu beschreiben ist. Es weht dieser Wind, so erfrischend optimistisch, als sei nichts unmöglich und alle Türen noch offen.

„Die meisten Leute in meinem Umfeld waren sehr überrascht über meine Entscheidung“, verrät die 56-Jährige. „Es fehlt vielen das Verständnis. Vielleicht weil sie selbst kein Risiko eingehen möchten, ganz nach dem Motto, man weiß erst, was man hatte, wenn man es nicht mehr hat.“ Trotzdem spüre sie auch Bewunderung. Mit ernstem Blick erklärt sie, dass sie es schrecklich schade findet, weil es so viele persönliche Ressourcen gibt, die nicht genutzt werden, einfach nur, weil die Leute es nicht wagen, den Sprung in ein neues Leben zu machen. „Das ist natürlich auch eine Frage der Persönlichkeit. Man muss an sich selbst glauben und optimistisch bleiben, damit es funktioniert.“

PR1_3547-KopieDie Kraft und die Energie waren da, doch ihre Entscheidung war wohlüberlegt. Der Übergang von der Anwältin zur Modedesignerin hat drei bis vier Jahre gedauert. Es war bei Weitem keine spontane Nacht-und-Nebel-Aktion. „Es war ein Versprechen, das ich mir selbst vor langer Zeit gegeben hatte. Anfangs wollte ich mich nicht festlegen, mir die Möglichkeit lassen zu entscheiden, was ich tatsächlich machen möchte. Studieren wollte ich auf jeden Fall. Am liebsten in den Bereichen Kunst, Mode, Literatur, Philosophie oder Architektur. Ich war auf der Suche nach einer künstlerischen Aktivität, verbunden mit Kreativität, doch festgelegt hatte ich mich noch nicht.“ Unglücklich sei sie als Anwältin nicht gewesen. Ganz im Gegenteil. Das möchte sie klarstellen. Es sei trotzdem ein Beruf, der sehr anspruchsvoll ist und nur wenig Zeit für andere Aktivitäten lässt.

Die meisten Leute in meinem Umfeld, waren sehr überrascht über meine Entscheidung. Francine Keiser – Modedesignerin

Der Schritt in ihr Atelier ist schnell getan. Es befindet sich mitten im Wohnzimmer. Auf dem schneeweißen Esstisch steht eine Nähmaschine, etwas weiter eine Overlock-Nähmaschine. Zwei Schneiderpuppen sind bereits reichlich mit Schnittmustern besteckt und ein paar farbenfrohe Skizzen schmücken die Tischplatte. „Als Kind habe ich bereits gerne Stoffe miteinander kombiniert“, verrät die frischgebackene Modedesignerin. „Ich kann mich erinnern, dass ich im Kleiderschrank meiner Mutter gerne herumgestöbert habe und die Kleider anprobiert habe.“ Sie muss lachen. „Auch Modezeitschriften, mit zahlreichen Fotos der angesagtesten Haute Couture Kreationen, haben mich damals sehr fasziniert.“

Sie hat es sich in einem ästhetisch peppigen lilafarbenen Relaxsessel gemütlich gemacht. Das Sitzmöbel ist 360 Grad drehbar. Ab und zu schwenkt sie sich ganz langsam von links nach rechts und wieder zurück. Ist es die Aufregung oder die Freude über ihren außergewöhnlichen Lebensweg zu berichten? Ich kann es nicht sagen. Doch ich bin überrascht, mit welcher Kraft und Motivation sie es in nur ganz kurzer Zeit geschafft hat, aus dem fast Unmöglichen eine Art Selbstverwirklichung zu machen.

PR2_6363-Kopie„Ich konnte anfangs nicht einmal nähen“, meint sie amüsiert. „Ich hatte das zuvor nie gelernt. Mein Mann, der mich vom ersten Tag an unterstützt hat und dessen Mutter Schneiderin war, hat mir die Nähmaschine gekauft, bevor ich überhaupt das Schneidern gelernt hatte.“ Wiederum muss sie lachen. In anderthalb Jahren hat sie nicht nur gelernt, die Nähmaschine zu bändigen, sondern sie hat sich auch für eine dreijährige Berufsausbildung in einer Online-Modeschule aus Paris, der „Lignes et Formations“ entschieden. In den Modeschulen haben schon viele vom eigenen Label geträumt, doch die Realität sieht dann oft anders aus. Nicht bei Francine Keiser. Doch es gab einen entscheidenden und eher unerwarteten Auslöser. Das alljährliche Jahrgangs-Defilee. Die Schüler wurden gebeten, eine Kollektion bestehend aus vier Modellen zu gestalten, die sie einem Modehaus ihrer Wahl präsentieren würden. Verschiedene Kompetenzen und Kenntnisse haben der aufstrebenden Modedesignerin damals noch gefehlt. Sie hatte ihr Studium ja erst begonnen. Trotzdem hat sie das nicht eingeschüchtert oder demotiviert. „Ich riskiere auch manchmal gerne etwas“, meint sie mit einem großen Lächeln im Gesicht. „Das gehört zu meiner Persönlichkeit. Es war eine echte Herausforderung. Ich hatte nichts zu verlieren. Ich habe mich von André Courrèges inspirieren lassen, weil er ein Modedesigner war, der mich schon immer fasziniert hat.“

Man muss an sich selbst glauben und optimistisch bleiben, damit es funktioniert. Francine Keiser – Modedesignerin

Aus über 500 Bewerbungen wurden zuerst 16 Schüler ausgewählt und schlussendlich wurden vier Finalisten ermittelt, die am Jahrgangs-Defilee ihre Kreationen präsentieren durften. Zehn Monate hat die Ex-Anwältin unerbittlich an ihrer Kollektion gearbeitet. Harte Arbeit und das Glauben an das fast Unmögliche haben sich aber gelohnt, denn sie schafft es tatsächlich auf dem Siegertreppchen bis auf den ersten Platz. „Mein Adrenalinspiegel und meine Motivation waren zu dem Zeitpunkt auf ihrem Höhepunkt“, verrät sie voller Eifer. Der Stolz liest sich in ihren Augen. „Dieser Sieg gab mir die Bestätigung, dass das, was ich tue, die richtige Entscheidung ist.“

Ihr Studium ist nicht einmal ganz abgeschlossen, schon hat sie ihr kleines Fashionlabel „Francini_K“ gegründet, wahrscheinlich getragen von der Euphorie ihres Sieges.

PR2_6379-Kopie„Jeden Morgen, wenn ich erwache, werde ich von zahlreichen Ideen überwältigt, die ich dann unbedingt sofort umsetzen muss. Ich lasse mir dementsprechend auch genügend Zeit, damit auch alles meinen Vorstellungen entspricht. Zeit ist Luxus, und den Luxus gönne ich mir. Wenn mir im Leben etwas gefehlt hat, dann war es die Zeit. Ich möchte nicht mehr unter ständigem Druck arbeiten. Glauben Sie mir, ich freue mich jeden Tag, auf diese wunderschöne Weise meine Leidenschaft für das Design und die Mode ausleben zu können.“

Ihre erste Damenkollektion ist bereits für das Jahresende geplant und derzeit in der Mache in Paris. Fotos gibt es leider noch keine. Doch die stolze Modedesignerin verrät uns, dass die gesamte Kollektion zwölf Kreationen enthält. Meist farbenfrohe Teile, in denen man sich wohlfühlt, bestehend aus eleganten, sportlichen Zweiteilern für den Alltag und schicken Abendkleidern für ganz besondere Anlässe. Das klingt ja alles sehr spannend und vielversprechend. „Ich bin wahnsinnig auf meine erste Kollektion gespannt“ verrät Francine Keiser. „Diejenigen, die gedacht haben, ich würde das nicht voll durchziehen, kennen mich nicht!“ Ob die gedeihende Modedesignerin vielleicht die Mode von morgen prägen wird, steht zurzeit noch in den Sternen. Unmöglich ist es aber nicht! 

Text: Jérôme Beck // Fotos: Philippe Reuter

Mehr Informationen auf Instagram @francini_k

Author: Philippe Reuter

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