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Von Insekten lernen

Der Agrar- und Umweltforscher Josef Settele erläutert in dem Buch „Die Triple-Krise“ den Zusammenhang von Artensterben, Klimawandel und Pandemien. Sein Hauptaugenmerk hat er dabei auf Insekten gerichtet. Diese Faszination teilt er mit dem revue-Fotografen.

Der imposante Sechsfüßler hat es ihm angetan. Das Forscherherz von Josef Settele schlug höher, als er zum ersten Mal eine Wallace-Riesenbiene sah. Es war im Februar 2019, und es war zum ersten Mal seit 38 Jahren, dass ein Exemplar des nach seinem britischen Entdecker Alfred Russel Wallace benannten Tieres von einem Menschen gesichtet wurde. Settele weiß, dass die letzten Vertreter der größten Bienenart der Welt, die ungefähr sechsmal so groß ist wie eine Honigbiene, nur noch auf einer Insel der Philippinen zu finden sind, weil diese weitab vom Schuss liegt. „Andere mehr oder weniger akut bedrohte Tierarten haben nicht so viel Glück“, erklärt Settele, „etwa weil ihre Lebensräume in Gegenden liegen, die der Mensch für sich erschlossen hat oder in die er mehr oder weniger eingreift, um Wald zu roden oder Bodenschätze auszubeuten.“

In seinem jüngst erschienenen Buch „Die Triple-Krise“ schreibt der Agrarwissenschaftler und Ökologe, Insekten- und Schmetterlingskenner über das Artensterben, den Klimawandel und Pandemien – und darüber, wie alles zusammenhängt. Aber besonders begeistern ihn die Insekten, auch wenn ihr Streichelfaktor eher gering ist und sie bei den meisten Menschen nicht besonders beliebt sind. So gibt es eine Vielzahl von irrationalen Ängsten. „Was ich in jungen Jahren faszinierend fand, schreckt viele: die große Fremdartigkeit dieser Wesen“, so Settele. „Mit sechs Beinen, ihren Fühlern und Antennen und dem eingekerbten Körper kommen sie wie von einem anderen Stern daher.“

PR2_2660-KopieAngefangen hat alles in Kohlhunden, einem Weiler bei Heiland und kurz vor Kühmoos im Allgäu, wo der Umweltforscher aufgewachsen ist. Die Faszination, die Schmetterlinge, Käfer, Heuschrecken und anderes krabbelndes, fliegendes oder summendes Getier auf ihn seit seiner Kindheit ausüben, hält bis heute an. Settele leitet die Arbeitsgruppe „Tierökologie und sozial-ökologische Systeme“ am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung und wurde im vergangenen Jahr von der deutschen Bundesregierung in den Sachverständigenrat für Umweltfragen berufen. Und er wirkte beim Weltbiodiversitätsrat (IPBES) mit, der im Mai 2019 seinen globalen Bericht vorlegte, in dem es hieß: „Die globale Rate des Artensterbens ist mindestens um den Faktor zehn bis hundert Mal höher als im Durchschnitt der vergangenen zehn Millionen Jahre, und sie wächst.“ Von den etwa acht Millionen Tier- und Pflanzenarten auf der Erde ist rund eine Million vom Aussterben bedroht.

Von den etwa acht Millionen Tier- und Pflanzenarten auf der Erde ist rund eine Million vom Aussterben bedroht.

Autorenfoto_Settele_Josef_©Sebastian-Wiedling_web(1)-KopieFür den Autor sind Insekten der „Dreh- und Angelpunkt im Ökosystem“ und „das Fieberthermometer des Planeten“. Ihr Schwund ist „eine Tragödie für die Menschheit“. Settele stützt sich dabei auf eine große Zahl wissenschaftlicher Arbeiten, aber versteht es auch, die Informationen gut lesbar zu präsentieren. Anhand vieler Exkurse und Anekdoten erläutert er die Zusammenhänge. So zum Beispiel, wie in China Menschen Obstbäume per Hand bestäuben, dann um zu zeigen, dass es in dem riesigen Land mit mehr als 1,3 Milliarden Menschen keine Bienen mehr gibt. Nachdem dort 1958 eine Kampagne gestartet worden war, um die Spatzen auszurotten, weil sie als vermeintliche Schädlinge für die Getreideernte das Missfallen des Revolutionsführers Mao Zedong erregt hatten, gab es auch bald keine Bienen mehr: „Da die Spatzen nunmehr als Vertilger von Insekten ausfielen, vermehrten sich diese rasant. Die Ernte – vor allem des Getreides –, die vor den Vögeln geschützt werden sollte, fiel jetzt gefräßigen Insekten zum Opfer. Das wiederum zog den ungehemmten Einsatz von Insektiziden nach sich, was am Ende auch die Bienen das Leben kostete.“

Vögel verschwinden, weil Insekten verschwinden – und umgekehrt. „Bestäubung ist Leben“, heißt es in dem Buch. Zwar bedeutet eine Welt ohne Insekten nicht gleich den Hungertod für die Menschen, denn schließlich gibt es auch Pflanzen, die nicht auf Bestäubung angewiesen sind, wie Kartoffeln, Reis und Mais, aber tierbestäubte Nutzpflanzen liefern elementare Nährstoffe wie unter anderem Vitamin A und B sowie Kalzium. Bestäuber sichern die Grundlage für eine gesunde Ernährung. Was Bestäubung mit dem Alltag der zivilisationsgeplagten Menschen zu tun, erläutert Settele, wenn er erzählt, wie vor drei Jahren ein Supermarkt in Hannover alle Produkte aus dem Angebot nahm, die es ohne Bestäubung nicht gäbe: Äpfel, Kaffee, Schokolade und Obstsäfte, vom Fruchtjoghurt und der Marmelade bis zu Kosmetika, Fertiggerichten und Kleidung auf Baumwollbasis – rund 60 Prozent des Sortiments. Selbst Gummibärchen.

PHR_3904-KopieWeil ihm die Insekten am besten vertraut sind, konzentriert sich Settele in seinem Buch auf sie. „Insekten bilden den Mittelpunkt vieler natürlicher Vorgänge an Land“, schreibt er. „Ohne sie geht in der Tierwelt nichts.“ Er erklärt, wie ohne Insekten ganze Ökosysteme kollabieren. Denn außer Vögeln sind auch Fische, Amphibien und kleine Säugetiere auf sie als Nahrung angewiesen. „Erst gehen Insekten, dann folgen Amsel, Drossel, Fink und Star“, zählt der Wissenschaftler auf. Nicht das Fehlen einer einzelnen Insektenart sei dramatisch, „sondern neben der Vielfalt die gesamte als Futter fehlende Biomasse der flatternden, krabbelnden und schleichenden kleinen Tiere“. Die Entwicklung ist dramatisch: „Es gibt etwa 6.000 insektenfressende Vogelarten, in Europa stellen sie die Hälfte der Vogelbevölkerung. In den vergangenen 25 Jahren ist ihre Zahl um 13 Prozent gesunken. Ihr Job war es bisher, unter anderem Milliarden von potenziell schädlichen Insekten zu fressen, die sich über unsere Nutzpflanzen hermachen. Nur Spinnen und Raubinsekten waren ähnlich effektiv darin, den Schädlingen Einhalt zu gebieten.“

PR2_1880-KopieEin zuverlässiger Indikator für Gedeih oder Verderb von Ökosystemen, die der Mensch bedenkenlos zerstört, sind Schmetterlinge mit dem Namen Ameisenbläulinge. Ihr Schicksal sei ein Anzeichen für drohendes Unheil. Setteles Kernbotschaft lautet, dass Klimawandel, Artensterben und die Verbreitung von Infektionskrankheiten eng zusammenhängen. Diese drei zentralen Komponenten der titelgebenden Triple-Krise sind durch die ausbeuterische Übernutzung der Ökosysteme entstanden. Er erklärt auch für Laien anschaulich die Zusammenhänge von Umweltzerstörung und Viruserkrankungen: „Je mehr der Mensch in die bis dahin unberührte Natur vordringt und sie ausbeutet, desto mehr kommt er mit Viren in Kontakt, denen er zuvor nie begegnet ist. Umso näher wir an Wildtieren leben…, desto mehr Übertragungen werden wir erleben.“

Je mehr der Mensch in die bis dahin unberührte Natur vordringt und sie ausbeutet, desto mehr kommt er mit Viren in Kontakt, denen er zuvor nie begegnet ist. Prof. Dr. Josef Settele

PR2_1963-KopieDurch die Erderwärmung gehen vielen Tieren weitere Lebensräume verloren. Besonders heftig betroffen sind die Insekten. Und ohne die krabbelnden, summenden und fliegenden Tiere ist die Balance auf dem Planeten kaum noch zu wahren. „Die Erderwärmung, das Artensterben – für mich insbesondere der Verlust an Insekten – sowie die Zoonosen, also Infektionskrankheiten, die von Tier zu Mensch (oder von Mensch zu Tier) übertragbar sind, zu denen die Krankheit Covid-19 zählt, sind keine singulären Ereignisse“, erklärt der Autor. „Sie bedingen und beschleunigen sich wechselwirkend.“ So ist Insektenschutz auch Selbstschutz, betont Settele und fügt hinzu: „Und Umweltschutz ist Gesundheitsschutz.“ Daher bedarf es, um den Planeten zu retten und „die Uhr anzuhalten oder entscheidend zurückzudrehen“, eines langfristigen, aber auch schnellstmöglichen globalen Handelns: nicht zuletzt des verstärkten Schutzes der verbliebenen Natur und größerer Anstrengungen, um die teils zerstörten Regenwälder, Ozeane und Blühwiesen wiederherzustellen. „Mein Buch soll ein Weckruf sein“, schreibt der Umweltforscher, „um die Artenvielfalt, insbesondere die der Insekten zu erhalten.“ Um die Triple-Krise in den Griff zu bekommen, bleiben wenige Jahrzehnte. „Die Weichen“, so Josef Settele, „müssen aber jetzt gestellt werden.“

Text: Stefan Kunzmann // Fotos: Philippe Reuter (5), Sebastian Wiedling, Edel Books

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Josef Settele: Die Triple-Krise. Artensterben, Klimawandel, Pandemien. Warum wir dringend handeln müssen.
Edel Books.
Hamburg 2020.
320 Seiten.
Ca. 23 Euro.

Author: Philippe Reuter

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