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Von Pracht und Mimikry

Die Welt der Insekten fasziniert viele auf verschiedene Art und Weise, auch Künstler und Literaten. revue-Fotograf Philippe Reuter gibt uns auf seiner Pirsch Einblick in eine oftmals verborgene Welt. Dazu drei Buchtipps zum Thema.

Sie führen oftmals eine Existenz am Rande der menschlichen Wahrnehmbarkeit. Ihre Mimikry, ihre Nachahmungskünste und ihre Camouflage können so perfekt sein wie ihre Pracht schillern kann. Insekten koexistieren mit Menschen und anderen Lebewesen. Manchmal sind sie Schädlinge, andernfalls Störenfriede, aber sie können auch nützlich sein. Die Menschen haben ein ambivalentes Verhältnis zu den kleinen Tieren, schließlich können Tineola bisselliella, bekannt als Kleidermotte, oder Anobium punctatum, bekannt als Gemeiner Nagekäfer, viel Schaden anrichten.

In der Kunst hielten sie als Symbole für die menschliche Seele, für Dämonen oder gar Gottheiten her, aber auch für Glück, Fruchtbarkeit oder Tod. Die älteste Darstellung von Insekten ist wahrscheinlich die eines Totengräberkäfers vor etwa 30.000 Jahren. Die alten Ägypter verehrten den Skarabäus als heiliges Tier, das als Grabbeigabe diente. Im Mittelalter verdeutlichten sie den Konflikt zwischen Gottesfürchtigkeit und weltlichen Versuchungen, zwischen Gut und Böse.
Die den menschlichen Körper auffressenden Fliegen und Käfer sind nicht selten Boten des Teufels. Bis heute sind Heuschrecken, Flöhe, Läuse und Kakerlaken negativ konnotiert, während Bienen und Schmetterlinge eher für das Gute stehen. Auf Gemälden von Albrecht Dürer tauchte um 1500 ein Hirschkäfer auf und wird mit Jesus Christus in Verbindung gebracht.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts finden Insekten Eingang in die Stilllebenmalerei. Dagegen werden Schmetterlinge im 19. Jahrhundert bei Caspar David Friedrich zu einem Symbol der unsterblichen Seele. Carl Spitzweg lässt einen Schmetterlingsfänger versuchen, das Glück in der Erscheinung eines Falters einzufangen und festzuhalten.

In der Kunst hielten sie als Symbole für die menschliche Seele, für Dämonen oder gar Gottheiten her, aber auch für Glück, Fruchtbarkeit oder Tod.

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Hausfeldwespe auch Französische Feldwespe genannt.

Im vergangenen Jahrhundert interessierten sich vor allem die Surrealisten für Insekten. Sie griffen nicht selten Themen wie Metamorphose, Verpuppung und Mimikry auf. Salvador Dali widmete sich in seiner Malerei Ameisen. Diese wiederum kommen auch in der berühmten Filmszene aus „Le Chien Andalou“ von Luis Buñuel vor, einem Meisterwerk des surrealistischen Films. Dabei krabbeln sie aus einem Loch in einer Hand heraus.

Zwar geht die Entomologie, die Insektenkunde, bis in die Antike zurück, richtig aufgekommen ist sie jedoch im Zeitalter der Aufklärung ab dem 18. Jahrhundert. Von Bedeutung ist auch in diesem Zusammenhang das Werk von Charles Darwin im 19. Jahrhundert. Das Interesse von Forschung und Kunst an den Kerbtieren hat aber nicht verhindern können, dass im 20. Jahrhundert ein Rückgang der Insekten und vor allem ein Schwund ihrer Artenvielfalt einsetzte.

Heute gibt es weitaus weniger Insekten als noch vor 30 Jahren. Nicht nur die Menge der Insekten ist am Schwinden. Ganze Arten sind ausgestorben oder sind vom Aussterben bedroht. Eine Studie des Entomologischen Vereins Krefeld erregte 2017 Aufsehen. Für die sogenannte Krefeld-Studie – die erste Studie, die das Insektensterben über einen so langen Zeitraum untersuchte – wurden von 1989 bis 2016 an 63 Standorten in deutschen Naturschutzgebieten Insekten gefangen und deren Biomasse bestimmt. Das Gewicht der flugaktiven Insekten nahm im Laufe von 27 Jahren um 76,7 Prozent ab. Im Hochsommer lag der Rückgang sogar bei mehr als 80 Prozent.

Für den Rückgang gibt es viele Gründe. Die eine Ursache oder den einen Verursacher gibt es nicht. Es liegt aber auf der Hand, dass alle genannten Gründe mit dem Menschen zu tun haben: Verarmung der Landschaften und Tierpopulationen, Einsatz von Pestiziden als Nervengifte und Überdüngung in der Landwirtschaft, Monokulturen und fehlende Hecken und Säume, eine intensive Forstwirtschaft, versiegelte Böden, zu viele helle Lichtquellen und schließlich naturfeindliche Privatgärten. Oftmals sind die Faktoren eng miteinander verknüpft. „Im Insektensterben manifestiert sich ein Teilaspekt einer ökologischen Katastrophe von erdgeschichtlichem Ausmaß und einem noch deutlich größeren Gefahrenpotenzial als die Klimaerwärmung. Die Funktionalität der planetaren Ökosysteme und damit unsere eigene Existenzgrundlage sind bedroht.“ Dies schreiben die beiden Autoren Andreas H. Segerer und Eva Rosenkranz eingangs ihres 2018 erschienenen Buches „Das große Insektensterben. Was es bedeutet und was wir jetzt tun müssen“.

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Eine Veränderliche Krabbenspinne saugt eine Honigbiene aus.

Der Biologe und Schmetterlingsforscher Segerer weist darauf hin, dass 90 Prozent der Blütenpflanzen auf Insektenbestäubung angewiesen sind und dass weniger Insekten daher auch weniger Blumenvielfalt bedeutet, aber ebenso weniger Vögel, Amphibien und andere Tiere – und, so die Wechselwirkung mit dem Menschen, gefährdete Ernten. Segerer gibt Einblick in das Kuriositätenkabinett der kleinen Lebewesen: von der Nachtfalterart der Fensterfleckchen oder den Rüsselkäfern.
Mitautorin Rosenkranz zeigt Lösungswege auf, gibt Anregungen für Privatgärten, zum Beispiel über den Verzicht auf chemische Schädlingsbekämpfung oder Auswahl der Pflanzenarten. Dass man zum Beispiel den Rasen nur in Abschnitten mäht oder in seinem Garten immer etwas blühen lässt.

Dass ohne Insekten nichts geht in der Natur, erklärt auch Dave Goulson in seinem jetzt erschienenen Buch „Stumme Erde. Warum wir die Insekten retten müssen“. Es wurde von der Wochenzeitung „Die Zeit“ in die Top Ten der Sachbücher des Monats gewählt. Der britische Biologe setzt ebenfalls damit an, im eigenen Garten mit der Rettung zu beginnen. Aber das rette die Insekten nicht, sagt er. Gärten, Biobauern, ein kleines Naturschutzgebiet – und sonst pestizidverseuchte Äcker und versiegelte Städte und Ortschaften.

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Blattschneiderbiene

In immer mehr Weltgegenden bleiben Bestäuber aus. Goulson schließt aus dem Insektensterben: „Das Wohl der gesamten Menschheit ist bedroht, weil die Insekten unsere Nutzpflanzen bestäuben, Dung, Laub und Leichen kompostieren, den Boden gesund erhalten, Schädlinge in Schach halten und vieles, vieles mehr. Zahllose größere Tiere wie etwa Vögel, Fische und Frösche ernähren sich von Insekten. Wildblumen sind auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen. Wenn es immer weniger Insekten gibt, gerät auf der Welt alles ins Stocken, denn ohne Insekten funktioniert einfach nichts.“ In mehr und mehr Regionen der Welt bleiben die Bestäuber aus, weiß Goulson. Dabei seien 87 Prozent der Pflanzenarten auf sie angewiesen. Ohne sie würden sie aussterben. In Asien und Brasilien würden bereits Obstbäume von menschlicher Hand bestäubt. Getreidearten wie Weizen, Hafer, Reis und Mais sind dagegen windbestäubt.

Er habe sein Buch geschrieben, um die Leser von der Schönheit der Insekten zu überzeugen – sowie von der Rolle, die ihnen die Evolution zugeteilt hat. „Ich fürchte, die meisten Menschen mögen Insekten nicht besonders. Ja, ich würde sogar noch weiter gehen: Ich glaube, die meisten Menschen verabscheuen Insekten und haben Angst vor ihnen (…) Und deshalb ist es vielleicht gar nicht überraschend, dass Insekten Angst auslösen. Die meisten von uns fürchten sich vor dem Unbekannten, Fremden. Folglich ist nur wenigen Menschen bewusst, wie absolut notwendig Insekten für unser eigenes Überleben sind.“ Goulson führt seine Leser in die geheimnisvolle Welt dieser Wesen und erklärt auch die Besonderheiten so mancher Insektenart. Einzelne davon stellt er vor.

Im Insektensterben manifestiert sich ein Teilaspekt einer ökologischen Katastrophe von erdgeschichtlichem Ausmaß.

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Schwebfliege

So erläutert er die Verteidigungskünste des Bombardierkäfers, an dessen Hinterleib sich ein Reservoir aus Wasserstoffperoxid und Hydrochinon befindet: „Im Fall eines Angriffs entlässt der Käfer diese Substanzen in eine dickwandige Explosionskammer. Dort kommt es mithilfe von Katalysatoren zu einer heftigen chemischen Reaktion, wodurch mit einem Knall ein etwa 100 Grad heißes, ätzendes Gasgemisch auf den Angreifer zuschießt.“ Der Entomologe gibt zu, dass er sich einmal die Fingerkuppen verbrannte, als er nach einen Bombardierkäfer griff.

Goulsons Buch glänzt, indem es eine Fülle von Informationen in einen Zusammenhang stellt und auch die wechselseitige Beziehung von Agrochemie, Landwirtschaft und Wissenschaft erklärt. Er macht auf Probleme aufmerksam, plädiert für die Rettung der Insekten und ruft dazu auf, dass nicht nur im Agrarbereich, sondern generell im Umgang mit der Natur ein Umdenken (überlebens-)notwendig ist. „Ein Weiter-so ist keine Option“, so der Autor. „Stumme Erde“ ist zu wünschen, dass es viele Leser findet.

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Eine Kürbisspinne macht sich über eine Mücke her.

Ein ebenso zu empfehlendes Buch ist das im vergangenen Jahr im Stuttgarter Ulmer-Verlag erschienene „Insektensterben in Mitteleuropa“. Die Autoren – Biologen, Ökologen, Geografen und Landschaftsplaner – schildern das Ausmaß des Insektensterbens und beschäftigen sich im zweiten Teil mit der Praxis des Insektenschutzes. Ihre Texte genügen sowohl dem wissenschaftlichen Anspruch als auch dem Interesse einer breiteren Leserschaft. Zudem zeigen sie in Kästen Beispiele aus der Naturschutzpraxis.

Dass nicht nur Forscher sich für Insekten näher interessieren, ist hinlänglich bekannt. Dass sich die Kunst mit ihnen befasste, wurde am Anfang dieses Textes erwähnt. Und dass auch die Literatur sich mit ihnen auseinandersetzte, sollte nicht vergessen werden. Das gilt nicht nur für Kafka, dessen Gregor Samsa eines Morgens aufwachte und feststellte, dass er „zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“ worden war („Die Verwandlung“, 1912). Clemens Brentano schrieb über die „fromme Biene, die in der Blätter keuschen Busen sinkt, und milden Tau und süßen Honig trinkt“, Johann Wolfgang von Goethes Werther jubelte über „Millionen Mückenschwärme“. Und Vladimir Nabokov sammelte seit seiner Kindheit Insekten. Aber vor allem Schmetterlinge hatten es ihm angetan. Er verfügte über eine riesige Sammlung. Zwanzig Arten entdeckte er, beschrieb sie, benannte sie nach sich. Der große Schriftsteller war zudem Kurator (1940 bis 1948) der Schmetterlingssammlung im Zoologischen Museum der Havard University. Der berühmte Insektenforscher Jean-Henri Fabre, den man als „Homer der Insekten“ bezeichnete und mit Balzac verglich und der seine Erkenntnisse in den zehnbändigen „Souvenirs Entomologiques“ festhielt, schrieb über sich im Vergleich zu anderen Forschern seiner Zunft: „Ihr schlitzt das Tier auf, ich studiere es lebend; ihr macht aus ihm ein Objekt des Abscheus und des Mitleids, ich mache es liebenswert.“

Fotos: Philippe Reuter (6), Dave Goulson,
Andreas Segerer, Matthias Francke, Verlagshäuser

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Dave Goulson:
Stumme Erde.
Warum wir die Insekten retten müssen.
Hanser Verlag.
München 2022.
25 Euro.

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Thomas Fartmann,
Eckhard Jedicke,
Merle Streitberger,
Gregor Stuhldreher: Insektenforscher
in Mitteleuropa.
Verlag Eugen Ulmer.
Stuttgart 2021.
38 Euro.

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Andreas Segerer,
Eva Rosenkranz:
Das große Insektensterben. Was es bedeutet und
was wir tun müssen.
Oekom Verlag.
München 2018.
20 Euro.

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Keine Einigung

Auf dem Biodiversitätsgipfel der Vereinten Nationen im chinesischen Kunming soll dieses Jahr, ähnlich wie das Pariser Klimaschutzabkommen, ein Weltnaturabkommen mit dem Ziel, die Artenvielfalt in den kommenden Jahrzehnten zu schützen, verabschiedet werden. Eines der wichtigsten Ziele: die Umwandlung von 30 Prozent der Böden und Meere weltweit in Schutzgebiete bis zum Jahr 2030. Die 196 Unterzeichner der internationalen Biodiversitätskonvention (CBD) haben bis letzten Mittwoch in Genf verhandelt, konnten sich aber auf kein Papier einigen. Nun sollen weitere Gespräche stattfinden.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Philippe Reuter

Journalist

Ressorts: Land und Leute

Author: Dario Herold

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