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Wandern im Süden

90 Kilometer führt der neue Minetttrail durch den Süden. Nach den schon alten Sentiers de Sud ist es das erste große Wanderprojekt im Süden. Im August soll der Weg offiziell eröffnet werden. Noch ist die Beschilderung nicht vollständig, wir haben ihn uns trotzdem angesehen.

Holzbohlen unter den Füßen. Die Luft ist feucht, der Boden auch, deshalb laufen wir auf Stegen durch die Aue der Alzette bei Schifflingen. Die Holzbohlen führen durch die Aue, vorbei an Waldstücken, Weideland und dem Vogelbeobachtungsturm, von dem aus sich Storche, Kibitze und Schwarzkehlchen erblicken lassen, die in den Feuchtwiesen brüten. Rund um uns herum ist nur Grün. Eine breite Brücke führt über die Alzette. Das Flussbett ist von Wasserpflanzen bewachsen.

PR2_2453-KopieUm zum Dumontshaff zu kommen, geht es vom Parkplatz am Stadtrand von Schifflingen unter der Autobahnbrücke hindurch. Das war nicht zu vermeiden. „Wir haben das rausgeholt, was ging“, sagt Nora Peters von der Asbl Office regional de Tourisme Sud, die den Trail geschaffen hat. Auf 90 Kilometern Strecke kommt es hier und da zu Unannehmlichkeiten. Doch die sind schnell vergessen, wenn man mitten im satten Grün des Haffs steht. Am Getreidefeld vorbei geht es Richtung Flussaue. Eine wilde Pflaume markiert den Weg. Wie ein Bogen umspannen Büsche und Bäume den Pfad. Die Erde auf dem Waldweg ist an einigen Bäumen aufgewühlt. Wildschweine haben hier im Boden geschnüffelt. Maulwurfshügel liegen auf dem Pfad.

Wanderen_16.07.2021-89 KopieDie Feuchtwiesen des Dumontshaffs sind eines von zwei Schwemmgebieten in Luxemburg. Früher war das Weidefläche. Die Landwirte hatten die Alzette begradigt und in ein schmales, tiefes Flussbecken gelenkt, mit steilen Hängen, um die Felder bei Hochwasser nicht zu fluten. 2005 und 2006 hat man die Alzette in ihr natürliches Flussbett zurückverlegt. Das Flussbett wurde verbreitert und die Hänge abgeflacht. „Bei jedem kleinen Hochwasser kann der Fluss über das Ufer treten“, erklärt Jan Herr. Er ist Biologe bei der Naturverwaltung. Zum einen dient das dem Hochwasserschutz, hier hat der Fluss genug Platz sich auszubreiten. Zum anderen begünstigt das Schwemmgebiet eine artenreiche Graslandschaft. Von hungrigen Hochlandrindern wird das Gras in Schach gehalten. Das ganze Jahr lang stehen sie auf den Wiesen, eine Kuh pro Hektar. Sie gehören dem einzigen Landwirt, der noch am Projekt beteiligt ist. Hinter dem Dumontshaff tauchen die Strommasten des Umspannwerks von Foetz am Horizont auf. Auch das ist nicht zu vermeiden. Doch schafft es, hinter all dem Grün, eine gewisse Industrieidylle.

PR2_2417-KopieDas Dumontshaff ist ein Extrem des Minetttrails. Die 90 Kilometer durchlaufen die ganze Minettregion. Von Käerjeng über Lasauvage und Differdingen bis nach Düdelingen oder Bettemburg. Er soll das „Unesco Biosphäre“-Gebiet erlaufbar machen, verbindet die ehemaligen Erzabbaugebiete der Terres Rouges, führt mitten durch Esch/Alzette. An verschiedenen Punkten sind zurzeit noch Übernachtungsmöglichkeiten im Aufbau, Gites in den alten Arbeiterhäusern, im Zugwaggon, in Lingen, im Fond-de-Gras, Lasauvage und Schifflingen, auch im Schloss des Bettemburger Parks. Die Etappen sind so gestaltet, dass man auch im eigenen Bett schlafen kann. Jeweils etwa zehn Kilometer lang, sind die Start- und Endpunkte mit Zug oder Bus angebunden.

Noch ist nicht der ganze Trail ausgeschildert. An einigen Stellen bricht die Markierung einfach ab, an anderen ist das rote M aus drei Pfeilen bestehend noch gar nicht zu sehen. Das Office regional de Tourisme Sud hat mit allen Eigentümern am Weg gesprochen, sie gingen von Haus zu Haus, um zu erklären, was das werden soll und warum. Ein Jahr hat es gedauert, von allen das Einverständnis einzuholen und die nötigen Genehmigungen in Sachen Naturschutz. Denn an verschiedenen Stellen führt der Trail durch geschütztes Gebiet, darunter auch das Dumontshaff und der Naturpark Haard. Für einige Teile des Weges haben die Förster Ratschlag gegeben. „Sie sagten, legt den Weg besser hier lang als da“, sagt Nora Peters. Am Lallenger Berg zum Beispiel brütet die Heidelerche. Um die nicht zu stören, haben sie den Weg angepasst. Für den Minetttrail wurden keine neuen Wege geschaffen, sondern die genutzt und verbunden, die schon existierten, hier und da eine Brücke renoviert. Im August soll der Trail offiziell eröffnet werden. Ein genaues Datum steht noch nicht.

Wanderen_16.07.2021-43-KopieRote Erde unter den Füßen, Steine, Geröll. Der Naturpark Haard bei Düdelingen ist das andere Extrem. Die Landschaft ist typisch für die ehemaligen Erzabbaugebiete. Terrassenförmige Abbruchkanten, Waldstücke, Trockenwiesen. Nach dem Ende des Tagebaus wurde vieles sich selbst überlassen. „Nichts ist hier natürlich“, sagt Jan Herr. Seine Aufgabe bei der Naturverwaltung ist das Management der Naturparks im Süden. Wir stehen auf einer Anhöhe. Der Biologe kratzt am Boden. Etwas Moos, zwei Zentimeter Erde, darunter Stein. Die Bodenschichten wurden in der Erzabbauzeit abgetragen. Der heutige Trockenrasen zieht viele Arten an. Auch die Heidelerche brütet hier und ist für das Naturparkmanagement zu einem Richtvogel geworden. „Die Flächen hier sind ideal. Die Vegetation ist nicht zu hoch, aber es sind sehr viele Insekten in der Vegetation. Das braucht sie. In zu hohem Gras findet sie keine Nahrung.“ Blickt man von hier aus auf den gegenüberliegenden Hügel, so zeichnet sich der Unterschied klar ab. Sattgrüner Rasen, wo der Unterschlupf für die Tiere des Wanderschäfers steht, der hier zweimal im Jahr durchzieht. Seine Schafe halten das Gras auf der Haard kurz, hinterlassen ihren Kot vor allem auf dieser einen Fläche, wo sie die Nacht verbringen, der Boden ist entsprechend gut gedüngt.

Wanderen_16.07.2021-120-KopieEinen Hügel weiter stehen wir auf einer Fläche, die gar nicht existieren würde, hätte der Mensch hier nicht eingegriffen. „Als die Saarautobahn gebaut wurde, haben sie den ganzen Aushub hierhingebracht. Die felsigen Lebensräume sind für viele Lebewesen verschwunden“, sagt Jan Herr. Doch für die Artenvielfalt ist menschliches Eingreifen nicht immer negativ. „Wenn man hier in den letzten Jahren nichts gemacht hätte, wäre alles bewaldet.“ Jan Herr sorgt an einigen Stellen dafür, dass der Wald nicht überhandnimmt. Trockenwiesen sind wichtig für die Artenvielfalt. Der kalkhaltige Boden zieht Orchideen, Thymian und Oregano an. Die Luft riecht nach Kräutern und Erde. Obwohl es seit einer Woche pausenlos geregnet hat, ist es recht trocken hier oben. Das gefällt den Kräutern, die hier wachsen – und den Insekten, die sich von ihrem Nektar ernähren. Schachbrettschmetterlinge flattern über die Wiese, an einem Zweig Wolfsmilch sitzt eine dicke Raupe, die bald zu einem Nachfalter, dem Wolfsmilchschwärmer, wird. „Wenn das Wetter noch besser wäre, würde man noch mehr Schmetterlinge sehen. Aber auch so sind es mehr als anderswo.“ In den Mauerritzen tummeln sich Eidechsen und Wildbienen. Um ihren Lebensraum zu erhalten, entfernt das Team von Jan Herr regelmäßig das Moos von den roten Abbruchkanten. Ein Uhupaar sitzt dort, die Vögel legen ihre Eier in die Felsen.

Über die Terrassen führt der Minetttrail durch das Gebiet Haard mit seinen 600 Hektaren. Verrostete Schienen unter den Füßen. Wir stehen am Humpen, einem alten Waggon, der die Schlacke des Steinerzes zurück auf die Haard transportiert hat, und werfen einen letzten Blick in die Landschaft. Die ersten Wanderer, Spaziergänger und Radfahrer sind jetzt schon auf der Haard unterwegs und nutzen den ersten regenfreien Vormittag seit Langem. 90 Kilometer am Stück werden wohl weder sie noch ich laufen. Doch ab und an eine Etappe kann mir noch einiges der Region bekannt machen.

Text: Franziska Peschel // Fotos: Philippe Reuter, Leslie Schmit

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Author: Philippe Reuter

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