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Warum?

Januar 2017, französisches Grenzgebiet. Ein ausgebranntes Auto. Eine verkohlte Frauenleiche.
Unter dringendem Tatverdacht: der Ex-Freund der Getöteten.
Im Fall Ana Lopes, einer jungen Mutter aus Luxemburg, soll kommende Woche das Urteil gesprochen werden.

 

Fast genau ist es drei Jahre ist es her. Am 16. Januar 2017 wird im grenznahen Roussy-le-Village eine verkohlte Leiche aus einem ausgebrannten Fahrzeug geborgen. Das Kennzeichen des Wagens führt die Ermittler nach Luxemburg, eine DNA-Analyse bringt Aufschluss über die Identität der Leiche, bald ist der Name Ana Lopes in aller Munde. In den sozialen Netzwerken und in den Medien ist der Name Ana Lopes regelmäßig zu lesen. Unklar bleibt trotz Spekulationen zunächst dennoch, wer die 25-Jährige getötet hat – und weshalb. Bis Spuren zu Marco B., Ana Lopes Ex-Freund und Vater des gemeinsamen Kindes, führen. Der Tatverdächtige, für die Justiz kein unbeschriebenes Blatt, wird schließlich unter anderem des vorsätzlichen Mordes angeklagt. Eine Chronik.

Januar 2017:
Am 16. Januar entdecken Beamte im grenznahen Roussy-le-Village ein ausgebranntes Fahrzeug. Auf dem Rücksitz: eine verkohlte Leiche. Zunächst bleibt offen, ob es sich um die zu dem Zeitpunkt in Luxemburg als vermisst gemeldete Besitzerin des Autos aus Bonneweg handelt. Eine DNA-Analyse und eine Autopsie geben schließlich Gewissheit: Es ist Ana Lopes, 25 Jahre alt, Mutter eines Kleinkinds.

Februar 2017:
Ana Lopes wird am 8. Februar beigesetzt. Auf dem Friedhof in Merl kommen Freunde und Bekannte der 25-Jährigen zusammen, die Ermittlungen laufen.

Juni 2017:
Ein Tatverdächtiger wird festgenommen und kommt in Untersuchungshaft. Es handelt sich um Marco B., den Ex-Freund der Getöteten und Vater ihres Kindes. Ein paar Tage nach dem Leichenfund hatte er dem Nachrichtenportal Bomdia ein Interview gegeben. In diesem hatte er Ana Lopes in einem schlechten Licht dargestellt, er vermutete, dass ihr Tod mit dem Drogenmilieu in Verbindung stehe. Er selbst wolle nichts mit ihrem Tod zu tun gehabt haben.

Februar 2020:
Marco B. wird in einem anderen Verfahren zu einer halbjährigen Haftstrafe sowie einem Bußgeld über 1.000 Euro verurteilt. Er hatte 2016 bei einer Polizeikontrolle zwei Beamte verletzt.

März 2020:
Der Prozess gegen Marco B. beginnt am 10. März. Die Anklagepunkte: Mord, Freiheitsberaubung, Verleumdung und Schändung der Leiche. Die Ermittler kommen zu Wort. Mit Kabelbinder, Klebeband, Blutspuren, Fußabdrücken sowie Rückständen von brennbaren Stoffen im Fahrzeug gibt es zwar Spuren, doch diese reichen nicht für eine Rekonstruktion des Tatablaufs aus. Wie die bei der Autopsie entdeckte offene Schädelfraktur beim Opfer entstanden ist, ob durch einen Schlag, durch das Feuer oder aber durch das Bewegen der Leiche, konnte ebenfalls nicht festgestellt werden. Sicher ist nur, dass Ana Lopes einer Gewalttat zum Opfer gefallen ist. Auffällig sind nicht nur mehrere Widersprüche, in die sich Marco B. und seine Familie bereits in den Verhören verwickelt haben. Auch die Auswertungen von Marco B.s Handy geben Grund zur Annahme, dass der Beschuldigte etwas mit Ana Lopes Tod zu tun hat. Diese Analysen haben unter anderem den Weg, den er am Abend vor der Tatnacht gefahren ist, offengelegt: Genau diese Strecke könnte er den Ermittlungen zufolge auch nach dem Verschwinden der Frau gefahren sein. Zudem muss er sich diesen Ergebnissen zufolge vor dem Tatabend in der Nähe der Wohnung des Opfers aufgehalten haben. Der Polizei gegenüber hatte er aber andere Aussagen zu seinen Aufenthaltsorten getroffen. Am Tag nach der Tat sei er diesen Datenauswertungen zufolge wieder nach Frankreich gefahren. Von der Tatnacht selbst gibt es übrigens keine auswertbaren Daten des Mobiltelefons, vermutet wird, dass er sein Handy in seinem Fahrzeug zurückgelassen hat.
Am 17. März 2020, eine Woche nach Prozessbeginn, wird die Vertagung des Verfahrens bekanntgegeben, wegen Corona. Wann das Verfahren, das insgesamt auf eine Dauer von etwa vier Wochen angesetzt ist, weitergeführt werden soll, bleibt offen.

November 2020:
Der Prozess gegen Marco B. wird am 10. November wieder aufgenommen. Angehörige und Freundinnen der Verstorbenen und des Tatverdächtigen sowie Experten aus dem Ausland sollen in den Zeugenstand treten.
Marco B.s Eltern und seine Geschwister stehen geschlossen hinter Marco B. Sie wollen nicht nur wissen, dass der Angeklagte unschuldig ist, sondern auch, dass der Tod von Ana Lopes auf das Drogenmilieu zurückzuführen ist. Die Verstorbene soll Drogen konsumiert und verkauft und wahrscheinlich Probleme mit Leuten aus dem Milieu gehabt haben.
Das streiten Ana Lopes Freundinnen und ihre Mutter ab. Ihre Aussagen lassen tief blicken: Die junge Frau habe Angst vor Marco B. gehabt, er sei possessiv und gewalttätig gewesen. Eine der beiden Zeuginnen gibt zudem an, vom Tatverdächtigen gewürgt worden zu sein. Ana Lopes Mutter erinnert sich an Worte des Beschuldigten, jene Freundin der Getöteten in ein Fahrzeug zu setzen und verbrennen zu wollen. Auch berichtet sie von schwerwiegenden Problemen zwischen ihrer Tochter und dem Angeklagten.

Marco B. selbst behauptet, genau wie seine Familie, die ihm für den Tatabend ein Alibi gibt, unschuldig zu sein. Seine Aussagen und auch die seiner Familie stehen jedoch weiter im Widerspruch zu den Ermittlungsergebnissen der Polizei.

Eine am mutmaßlichen Tatort entdeckte Fast-Food-Tüte mit Kassenbon und Kabelbinder sowie Überwachungsaufnahmen aus der Tatnacht und Blutspuren des Opfers, die unweit der Adresse des Opfers gesichert wurden, sind nur einige der Beweise, die darauf hinweisen: Ana Lopes muss kurz vor ihrem Verschwinden in Bonneweg gewesen sein. Hinzu kommen auch die Ergebnisse der Auswertung von Ana Lopes Smartphone: Es war am Abend des 16. Januar im Funknetz von Roussy-Le-Village, dem Fundort der Leiche, eingewählt. Bis es um 2 Uhr nachts aus dem Funkverkehr abgemeldet wurde. Wahrscheinlich wegen des Brandes.

Auch eine beim Fundort aufgefundene Rolle Klebeband dient der Anklage als Beweislast. Die Marke des Produkts wird in Luxemburg kaum vertrieben, genau wie jene des am wahrscheinlichen Tatort aufgefundenen Kabelbinders. Am Klebeband sind zudem DNS-Spuren von Ana Lopes sowie eines männlichen Verwandten von Marco B. nachgewiesen worden. Die Aussagen der Familie, Marco B. sei in der Tatnacht zu Hause gewesen, halten den Ermittlungen nicht stand. Videoaufnahmen zeigen das Fahrzeug des Angeklagten vor dem Lokal, in dem sich Ana Lopes an diesem Abend aufgehalten hat.

Ausreichend Beweise für die Staatsanwaltschaft, lebenslange Haft für Marco B. zu fordern. Die Verteidigung sieht das anders, sie fordert den Freispruch des Angeklagten. Aus mehreren Gründen. Einer davon: Es stehe immer noch im Raum, wie der Beschuldigte, wenn er mit dem Fahrzeug von Ana Lopes zum Fundort gefahren sei, wieder von dort zurückgekommen wäre. Warum Ana Lopes sterben musste, diese Frage ihrer Mutter bleibt womöglich ebenfalls ein Rätsel.

Am 12. Januar soll das Urteil verkündet werden.

Text: Cheryl Cadamuro / Foto: Alain Rischard (Editpress)

Author: Dario Herold

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