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Wenn Kinder ausziehen

20 Jahre sind junge Erwachsene in Luxemburg durchschnittlich alt, wenn sie ihr Elternhaus zum Studium oder zur Ausbildung verlassen. Es ist eine einschneidende Veränderung für Eltern und Kinder. Tragisch muss sie aber nicht sein.

Manchmal geht es verdammt schnell: Da hat man die Kinder gerade noch gewickelt, ihnen Bilderbücher vorgelesen, sie das erste Mal zur Schule gebracht, zum Sporttraining gefahren oder zur ersten Party, und plötzlich sind sie mit der Schule oder der Ausbildung fertig, packen ihre Sachen und ziehen aus. Zurück bleiben leere Zimmer und Eltern, die sich nicht nur ratlos fragen, wo denn die Zeit geblieben ist, sondern vielleicht sogar entsetzlich darunter leiden, dass die Familie räumlich auseinandergebrochen ist.

In der Psychologie gibt es einen Begriff, der beschreibt, wenn sich bei Eltern ein Gefühl von Trauer und Einsamkeit einstellt, nachdem ihre Kinder ausgezogen sind: Empty-Nest-Syndrom. Was weniger nach vorübergehendem Stimmungstief oder kurzzeitiger Wehmut klingt, sondern eher nach einer handfesten und längerfristigen Störung. Betroffen sein sollen vor allem Frauen ab 50, kurz vor oder mitten in den Wechseljahren. So steht es bei Wikipedia und in einigen Frauenzeitschriften. In Berlin hat eine betroffene Mutter sogar eine Selbsthilfegruppe, die „Empty-Nest-Moms“, gegründet. Kein Zweifel, es scheint tatsächlich ein Thema zu sein.

Ich mache mich also auf die Suche. Nach Eltern, die dieses Gefühl durchleben. Die leiden, weil ihre Kinder nicht mehr bei ihnen wohnen. Deren eigenes Wohlergehen durch den Auszug des Nachwuchses beschädigt wurde. Doch ich finde: niemanden. Keine hadernden Mütter, keine trauernden Väter. Stattdessen eine Menge Pragmatismus und sogar das Gefühl, eine ungewohnte Freiheit wiedergewonnen zu haben. „Es geht auch ohne“, höre ich. Oder: „Wir genießen unsere Zweisamkeit.“ Oder: „Ich habe jetzt viel mehr Zeit für mich.“ Bedauern? Fehlanzeige.

Ich gehöre selbst zu den Müttern, deren Nest gerade leergefegt wurde. Nachdem sich meine ältere Tochter vor zwei Jahren nach Berlin verabschiedet hat, ist nun auch die jüngere vor ein paar Wochen nach Heidelberg gezogen. Einen Tag, nachdem wir gemeinsam ihren Umzug in ein kleines Appartement erledigt und ihr geholfen hatten, das neue Zuhause einzurichten, haben mein Mann und ich ihr altes Zimmer in unserem Haus frisch gestrichen und neu möbliert. Meine Tochter hat geschluckt, als sie uns danach zum ersten Mal besuchte. Dass wir so schnell ihre Spuren beseitigen würden, damit hatte sie nicht gerechnet. Doch für uns war es keine Frage: Das Zimmer ist schön, es hat einen herrlichen Blick, bestens geeignet für das Corona-bedingte Homeoffice. Warum also ein halb leergeräumtes Zimmer mit zahlreichen Bilderschatten an den Wänden so lassen? Und sie darf schließlich das Zimmer noch immer benutzen, wenn sie zu Besuch ist.

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 Kinder hören nicht auf, Kinder zu sein, wenn sie erwachsen werden, und Eltern hören nicht auf, Eltern zu sein.

Dr. Isabelle Albert, Diplompsychologin, Universität Luxemburg

„Der Auszug aus dem Elternhaus ist eine wichtige Veränderung im Familien-
leben“, sagt Dr. Isabelle Albert. „Sowohl für die Kinder, die ausziehen, weil es ein großer Schritt in die Selbstständigkeit ist, als auch für die Eltern, die sich an die neue Situation anpassen müssen.“ Die Diplompsychologin forscht und lehrt an der Universität Luxemburg, eins ihrer Beschäftigungsfelder sind die Generationsbeziehungen innerhalb von Familien. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Dr. Elke Murdock, ebenfalls Diplompsychologin, trifft sie mich zu einem Gespräch.

Sie erklärt: „Wenn Kinder ausziehen, geht es um die Aushandlung von Autonomie und Verbundenheit. Das ist ein zentrales Thema in Beziehungen, und es gilt universell in allen Kulturen. Kinder hören ja nicht auf, Kinder zu sein, wenn sie erwachsen werden, und Eltern hören nicht auf, Eltern zu sein. Kinder wollen bei Problemen noch immer den Rat der Eltern, aber auch ihre Autonomie haben. Familienbeziehungen lassen sich in der Regel nicht einfach auflösen, sie haben über das gesamte Leben Bestand. Deshalb sind Aushandlungsprozesse sehr wichtig.“

Autonomie und Verbundenheit – jeder lebt sein Leben, trotzdem bleiben die Beziehungen auf einer Ebene von Verlässlich- und Zugehörigkeit. Das hört sich einleuchtend und bekannt an. Ähnlich könnte ich die Beziehung zu meiner Mutter beschreiben. Doch an eine explizite Aushandlung kann ich mich nicht erinnern, höchstens an sporadische Auseinandersetzungen. Unser Umgang hat sich einfach so entwickelt und eingespielt. Mit Anfang 20 bin ich von Zuhause ausgezogen, habe schon lange meine eigene Familie und wohne weit weg von meiner Heimatstadt, doch noch immer telefoniere ich mindestens zweimal die Woche mit meiner Mutter.

 Kindern hilft es, autonom zu werden, wenn sie wissen, dass ihre Eltern ihnen vertrauen und eine zuverlässige und sichere Basis sind.

Dr. Elke Murdock, Diplompsychologin, Universität Luxemburg

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„Natürlich findet dabei eine Entwicklung statt“, sagt Elke Murdock. „Die Ablösung vom Elternhaus ist ein langer Prozess. Meist besteht noch für ein paar Jahre eine finanzielle Abhängigkeit von den Eltern, doch auch die völlige Unabhängigkeit bedeutet keine komplette Ablösung. Emotional bleibt eine Verbundenheit. Es gibt aber immer unterschiedliche Erwartungshaltungen, die man abklären muss.“ Und Isabelle Albert fügt hinzu: „Der Aushandlungsprozess kann ganz unterschiedlich laufen, sowohl explizit, dass man sich also wirklich zusammensetzt und bespricht, wie es laufen soll, als auch implizit, also über kleine Hinweise, die man den Eltern oder den Kindern gibt. Manchmal funktioniert es auch so, dass über die Erfahrungen anderer Leute gesprochen wird und dabei Hinweise gegeben werden, wie man es nicht haben möchte. Das kommt auf die jeweilige Familienkultur an. Es gibt Familien, in denen ganz offen darüber gesprochen wird, weil eine offene Diskussionskultur herrscht.“ Findet hingegen keine Aushandlung statt und können Eltern und Kindern ihre Erwartungshaltungen nicht angleichen, kann es zu Ambivalenzen oder Streitigkeiten kommen, die die Beziehungen belasten.
Im Zuge ihrer Forschung hat Isabelle Albert luxemburgische und portugiesische Familien zu diesem Übergang befragt. Sie wollte wissen, wie sich die Beziehungen durch den Auszug der Kinder verändert haben, welche Erwartungen die Eltern an ihre Kinder knüpften und wie diese mitgeteilt wurden. Es zeigte sich in allen Familien ein großer Zusammenhalt, gleichzeitig ermittelte die Psychologin einen kulturellen Unterschied, der zuvor bereits in anderen internationalen Studien offenkundig geworden war: Die konkreten Kontakterwartungen waren sehr verschieden. Während die portugiesischen Eltern hofften, ihre Kinder regelmäßig und häufig zu treffen, hielten sich die luxemburgischen Eltern damit zurück. „Die Luxemburger haben eher gesagt, man müsse Kindern ihre Unabhängigkeit zugestehen, wenn sie groß seien. Sie verfolgten den Pfad: Man ist füreinander da, muss sich aber nicht jeden Tag sehen. Bei den portugiesischen Familien gab es den Trend, die Verbundenheit stark zu betonen und viel Kontakt zu erwarten.“

Warum das so ist, lässt sich unterschiedlich erklären. Einerseits ist zu vermuten, dass die Bedeutung der Großfamilie in südlichen Ländern größer ist als in Mitteleuropa. Andererseits mag die eigene Migrationserfahrung als Einwanderer in Luxemburg eine Rolle spielen, wie Isabelle Albert vermutet: „Die meisten der befragten portugiesischen Eltern sind selbst emigriert und konnten sich wahrscheinlich nicht so häufig mit ihren Familien in Portugal treffen, wodurch sie auch seltener die Möglichkeit hatten, auf die Großeltern zurückzugreifen. Mit den eigenen Enkeln wollen sie das anders haben. Viele der portugiesischen Befragten, die bereits Enkel hatten, wollten dann auch nach der Pensionierung nicht zurück nach Portugal.“

Der Wunsch nach Autonomie und gleichzeitiger Verbundenheit ist kein Widerspruch. Im Gegenteil. Kindern und Jugendlichen, die sich zuhause aufgehoben fühlen und ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Eltern haben, gelingt der spätere Ablöseprozess besser, sagt Elke Murdock. „Die haben dann genug Selbstvertrauen. Die Herausforderung der Eltern ist ja, ihren Kindern zugleich Wurzeln und Flügel zu verleihen. Kindern hilft es, autonom zu werden, wenn sie wissen, dass ihre Eltern ihnen vertrauen und eine zuverlässige und sichere Basis sind. Konflikte gibt es dann, wenn Eltern sich zu sehr einmischen wollen.“

Laut einer Erhebung von Eurostat, dem Statistischen Amt der Europäischen Union, sind junge Erwachsene in Luxemburg früh dran, wenn es um das Ausziehen aus dem Elternhaus geht. Das Durchschnittsalter lag 2019 bei 20 Jahren. Europaweit sind nur die Schweden mit 18 Jahren deutlich jünger, in allen anderen europäischen Staaten erfolgt der Auszug später, am spätesten in Kroatien mit durchschnittlich 32 Jahren. Gleichzeitig lebten im gleichen Zeitraum gut 22 Prozent der Luxemburger zwischen 25 und 34 Jahren noch immer oder wieder bei den Eltern. Das ist zwar unter dem EU-Durchschnitt von rund 30 Prozent, im Vergleich zum Auszugsalter trotzdem auffällig. Eine Erklärung könnten die hohen Immobilien- und Mietpreise im Land sein. Jungen Erwachsenen, die zum Studium ins Ausland gezogen sind, bleibt oft nichts anderes übrig, als (zumindest vorübergehend) wieder bei ihren Eltern zu wohnen. „Was aber auch ein gutes Zeichen ist“, sagt Isabelle Albert. „Die Eltern bilden eine sichere Basis, und die Kinder wissen, dass sie sich bei Bedarf dorthin zurückziehen können.“

Kinder, die zurück nach Hause kommen – diese Erfahrung haben ich und viele meiner Bekannten wegen des Lockdowns auch gemacht, weil unsere Kinder ihr Corona-bedingtes Online-Studium dann doch lieber nicht ganz allein fortführen wollten. Für die meisten war das kein Problem, dennoch eine Umstellung, die von beiden Seiten Toleranz und Respekt erforderte. Es mussten Regeln verhandelt werden, die das frühere Rollenverhalten außer Kraft setzten. Denn nicht nur die Kinder verändern sich nach dem Auszug, auch die Eltern tun es.

Das „Empty-Nest-Syndrom“ haben Isabelle Albert und Elke Murdock bei ihren Untersuchungen zwar nicht explizit untersucht. Allerdings berichteten einige der befragten portugiesischen Mütter, dass der Auszug der Kinder emotional eine Herausforderung für sie bedeutete. Einen Tipp hat Elke Murdock am Ende: „Wenn man Eltern fragt, ob sie ihren Kindern etwas mitgegeben haben, sagen sie oft: ‚keine Ahnung‘. Und dann sagen die Kinder: ‚Aber klar, du hast doch das und das und das mit mir gemacht und mir erklärt.‘ Mit etwas mehr Vertrauen in seine eigenen Werte kann man die Kinder ruhig ziehen lassen.“

Fotos: Ian Allenden (Dreamstime), Universität Luxemburg (2)

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

Author: Dario Herold

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