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Wer die Wahl hat…

Morgens geht es schon los. Da hat gerade der Wecker geklingelt, und man fragt sich, ob man noch einen Moment liegen bleiben sollte. Oder lieber doch nicht? Und dann das Frühstück. Esse ich etwas oder erst später? Und wenn ja, was esse ich? Und was ziehe ich heute an? Fragen über Fragen, vor denen man jeden Tag aufs Neue steht. Und Entscheidungen, die jeder von uns treffen muss.

Hunderte bis Tausende sind es am Tag. Meist geht es nur um kleine Dinge, um den Zucker im Kaffee oder Tee, um die Fahrt zur Arbeit mit dem Auto, dem Fahrrad oder der Bahn, das blaue oder das schwarze T-Shirt, die Pizza oder den Salat. Manchmal müssen wir aber auch große Entscheidungen treffen, wenn es beispielsweise um einen neuen Job oder einen Umzug geht. Wie wir das machen und welche Faktoren uns dabei beeinflussen, darüber wird seit Jahrzehnten geforscht.

Roxane Philips ist Psychologin. Nach ihrem Bachelor im kanadischen Montreal und dem Master im belgischen Leuven, promoviert die 27-Jährige jetzt an der Uni Luxemburg. Ihr Thema: die Rolle des Affekts in der Entscheidungsfindung. In der Psychologie wird oft von „Emotion“ gesprochen, wenn es um Affekte geht. Damit soll die negative Konnotation vermieden werden, die das Wort „Affekt“ mit sich bringt, weil er jahrhundertelang als heftiger und unkontrollierbarer Gefühlsausbruch beschrieben und sogar in der Rechtsprechung benutzt wurde.

In der Forschung wurden Emotionen in der Entscheidungsfindung lange vernachlässigt.

In der Forschung wurden Emotionen in der Entscheidungsfindung lange vernachlässigt. „Die ersten Theorien waren sehr mathematisch und logisch orientiert“, erzählt Roxane Philips. „Es ging um optimale Entscheidungen, und es gab die Annahme, dass ein Entscheidungsträger immer die rationellen Regeln der Logik und der Mathematik befolgt. Und dass jede Entscheidung, die nicht nach diesen Regeln getroffen wurde, eine irrationale Entscheidung ist.“ Viele Menschen sind in dem Glauben aufgewachsen, dass es diese rationalen, also logischen und daher guten, und die irrationalen, also unlogischen und daher schlechten Entscheidungen gibt. Doch Logik allein scheint Menschen nicht zu überzeugen, denn oft werden ganz andere Entscheidungen als die rational optimale getroffen.

Ein Beispiel: In einer Studie sollten Personen entscheiden, welchen Betrag sie einer anderen, ihnen völlig unbekannten Person von einer bestimmten Summe abgeben würden. Sie waren weder verpflichtet, das Geld zu teilen, noch hatten sie später irgendwelche Konsequenzen zu erwarten. Die optimale, weil rationale Entscheidung wäre gewesen, das gesamte Geld zu behalten. Damit hätten sie niemandem geschadet und ihre eigene finanzielle Situation maximal verbessert. Doch so oft dieses sogenannte „Diktator-Spiel“ auch immer wieder getestet wird, die Ergebnisse sind dieselben: Die meisten Menschen geben einen Teil des Geldes ab, kaum einer behält die gesamte Summe für sich.

„Daran sieht man“, sagt Roxane Philips, „dass die Modelle der rationalen Entscheidung die sozialen Faktoren nicht berücksichtigen. Es gibt Regeln in Gesellschaften, wie Gegenseitigkeit, Großzügigkeit und Fairness. Die lassen sich in mathematische Formeln nicht gut einbauen.“ Doch wie genau Menschen ihre Entscheidungen treffen, lässt sich weder vorhersagen noch genau erklären. Entscheidungsfindungen sind kompliziert und hängen von vielen Faktoren ab.

Am einfachsten ist es bei den kleinen Entscheidungen. Geht es ums Essen, spielt oft die Physiologie eine Rolle, sagt Roxane Philips. „Wenn man Zucker im Tee mag, ist das für den Körper wie eine Belohnung. Als Menschen wiederholen wir gerne Verhalten, das zu einer Belohnung führt.“ Schwieriger wird es dann schon bei anderen Entscheidungen. Ein Faktor, der zu unterschiedlichen Entscheidungen führen kann, ist die Art der Präsentation. In der Psychologie wird das „Framing Effekt“ genannt. Unterschiedliche Formulierungen ein und derselben Botschaft beeinflussen das Verhalten des Empfängers unterschiedlich.

Eine der bekanntesten Studien bezüglich des Framing Effekts ist das „Disease Problem“. Nach dem Ausbruch einer fiktiven Seuche sollen Probanden zwischen zwei Möglichkeiten wählen, um die Seuche einzudämmen. Beide Möglichkeiten sind exakt gleich, aber anders formuliert, während in der einen von „Geretteten“ gesprochen wird, sind es in der anderen „Tote“. Die meisten Probanden entschieden sich für den vermeintlich sicheren Verlauf, den das Wort „Gerettete“ versprach, während das Wort „Tote“ auf einen eher riskanten Verlauf hindeutete. „Es kann auch einen Unterschied machen, ob etwas in Brüchen oder in Prozentzahlen ausgedrückt wird“, sagt Philips.

Oft müssen wir Dinge entscheiden, obwohl wir wenig Zeit und über zu wenige Informationen verfügen. Dabei benutzen wir sogenannte „Heuristiken“, das sind einfache, aber effektive Regeln, die uns helfen, Situationen zu beurteilen und Probleme zu lösen. Diese Heuristiken beruhen teilweise auf Erlerntem, aber auch auf Erfahrungen, die man im Laufe des Lebens sammelt. „Manche Heuristiken sind hilfreich“, sagt Roxana Philips, „weil es weniger anstrengend ist, sie zu benutzen, als immer wieder einen Denkprozess in Gang zu setzen. Andere wiederum können Stereotype aktivieren.“

 Als Menschen wiederholen wir gerne Verhalten, das zu einer Belohnung führt.  – Roxane Philips, Psychologin

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Der wichtigste Forschungsgegenstand der jungen Psychologin ist der Einfluss, den Emotionen auf die Entscheidungsfindung haben. Manche Entscheidungen träfe man, sagt sie, um eine bestimmte Emotion als Ergebnis zu bekommen – oder zu vermeiden. „Diese Emotionen können als nützlicher Leitfaden dienen, aber auch als Verzerrung. Wenn man zum Beispiel Angst vor dem Fliegen hat und deshalb lieber das Auto nimmt, obwohl statistisch gesehen das Unfallrisiko im Auto viel größer ist als im Flugzeug.“
Es gibt zudem ganz zufällige Emotionen, die Einfluss auf unser Verhalten oder unsere Entscheidungen haben können. Wut oder schlechte Laune zum Beispiel, aber auch schlechtes Wetter oder ein verlorenes Spiel der Fußballnationalmannschaft. „Davon ist oft in beruflichen Umfeldern die Rede, wenn ein Boss dem nächsten und der wieder dem nächsten und dem nächsten seine Übellaunigkeit überträgt.“

In ihrer Doktorarbeit vergleicht Roxane Philips, wie sich Entscheidungen verändern, wenn sie in Kontexten stehen, die von unterschiedlichen Emotionen begleitet werden. Dafür stellt sie den emotionsreichen Bereich der Gesundheit dem emotionsarmen Bereich der Finanzen gegenüber. Natürlich gibt es auch finanzielle Entscheidungen, die große Emotionen auslösen, aber mehr Reaktionen gäbe es diesbezüglich im medizinischen oder Gesundheitsbereich.

„Im medizinischen Bereich passen Menschen weniger auf Wahrscheinlichkeiten auf als vielmehr auf Informationen, die etwas mit dem Ergebnis zu tun haben. Im finanziellen Bereich ist das andersherum.“ So wählen zum Beispiel mehr Personen ein Medikament aus, das mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit Fieber als Nebenwirkung hat, obwohl es ein anderes gäbe, bei dem es mit fünfprozentiger Wahrscheinlichkeit zu Halluzinationen kommt. Einfach, weil sie denken, mit Fieber besser klarzukommen als mit Halluzinationen. Dass es hingegen sehr wahrscheinlich zu Fieber, aber sehr unwahrscheinlich zu Halluzinationen kommt, wird offensichtlich ausgeblendet.

„Bei einer Lotterie hingegen ist es genau andersherum. Haben Menschen die Wahl zwischen einer Lotterie, bei der sie mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit 50 Euro verlieren, und einer, bei der sie mit fünfprozentiger 100 Euro verlieren, rechnen sie sich aus, dass fünf Prozent sehr unwahrscheinlich sind. Das passiert, weil Emotionen bei Entscheidungen im Gesundheitsbereich eine größere Rolle spielen.“ Im Rahmen ihrer Doktorarbeit wird Roxane Philips diesen Erkenntnissen noch weiter auf den Grund gehen.

Fotos: @wayhomestudio (Freepik), uni.lu

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

Author: Dario Herold