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Whiteout

Mit Donovan Wylies Fotoserie „North Warning System“
endet in Clervaux die dem Norden gewidmete Ausstellungsreihe.
Ein krönender Abschluss.

Geschlossene Schneedecken, tiefhängende Wolken, ein beinahe verschwimmender Horizont. Donovan Wylies Aufnahmen beeindrucken durch ihre radikale Einfachheit. Und beschäftigen sich paradoxerweise mit einem sehr komplexen Thema. Bei dem North Warning System handelt es sich nämlich um ein Netzwerk von Radaranlagen, die von den USA und Kanada betrieben werden und drohende Gefahren sowie Luftraumverletzungen an-
zeigen sollen, damit unverzüglich Gegenmaßnahmen getroffen werden können. Was auf den Bildern des nordirischen Fotografen mitunter lediglich als ein feiner Strich in einer makellosen Winterlandschaft zu erkennen ist, ist demnach nichts anderes als ein unbemannter Überwachungsposten am Rande der Zivilisation.

Geschaffen werden die Militärstützpunkte in den 1950er Jahren, als die arktischen Grenzen Kanadas und der Vereinigten Staaten infolge des technischen Fortschritts und der Entwicklung von Langstreckenbombern und -raketen plötzlich angreifbar sind. Aufgerüstet wird im Nachhinein zum sogenannten North Warning System, das jede unsichtbare Bedrohung ermittelt und sogleich an das North American Aerospace Defense Command weiterleitet. Das Interessante an Donovan Wylies Projekt ist einerseits der Kontrast zwischen einer vermeintlich stillen und friedlichen Umgebung aus Felsen, Eis und Gletscherfjorden und dem stets in der Mitte des Bildes thronenden Radarturm, der nie schläft. Andererseits lotet der Fotokünstler die Möglichkeiten und Gefahren des Whiteout aus.

Donovan Wylie ist dafür bekannt, in seinen fotografischen Arbeiten die Spielarten von politischer Macht zu hinterfragen.

Als Whiteout wird die Helligkeit beschrieben, die bei schneebedecktem Boden und gedämpftem Sonnenlicht beobachtet werden kann. Aufgrund der starken Spiegelung des Lichts gibt es fast keine Kontraste mehr. Himmel und Erde gehen nahtlos ineinander über. Und da auch Konturen und Schatten sich auflösen, hat der Beobachter das Gefühl, sich in einem völlig leeren und unendlich ausgedehnten grauen Raum zu befinden. Dieses Verschwinden des Horizonts löst bei manchen Menschen Beklemmung und sogar Angstgefühle aus. Physisch macht sich das meteorologische Phänomen, das vor allem in Polargebieten und im Hochgebirge auftritt, durch eine Beeinträchtigung des Gleichgewichtssinns und Desorientierung bemerkbar. Aber keine Angst: Beim Betrachten der Aufnahmen von Donovan Wylie, der in seinen fotografischen und filmischen Arbeiten immer wieder die Spielarten von politischer Macht und deren Eindämmung von Konflikten hinterfragt, befindet man sich weder an einem Abgrund noch in einem absturzgefährdeten Gebiet, sondern in Clervaux.

„North Warning System“ ist die letzte Fotoreihe, die – nach „Arctic Zero“ von Paolo Verzone und „Mammoth Hunters“ von Evgenia Arbugaeva – dem Norden gewidmet ist. Genau wie bei diesen beiden noch bis Herbst ausgestellten Serien spielen auch bei Donovan Wylie gesellschaftliche und wissenschaftliche Aspekte eine wesentliche Rolle. Denn so atemberaubend die Fotografien sind, die er aus dem Helikopter schießt, seine Reisen in den Nordosten Kanadas, wo sich Überwachungsposten Lab1 und Cape Kakiviak befinden, folgen einem Plan. Dabei geht der Fotokünstler wie ein Raubtier vor. Langsam nähert er sich seiner Beute, umkreist sie vorsichtig, lässt sie keine Sekunde aus den Augen. Und ist der perfekte Moment zum Angriff gekommen, drückt er auf den Auslöser. Wichtig ist ihm zudem, dass die den Radarturm umgebende Landschaft nie dieselbe ist. Bricht die Wolkendecke auf, sieht man schroffe Felsen.

Mittlerweile gibt es die Sowjetunion nicht mehr. Die Gefahr eines Kalten Krieges ist gebannt. Das 1985 von US-Präsident Ronald Reagan und dem kanadischen Premierminister Brian Mulroney unterzeichnete Abkommen über die Modernisierung der nordamerikanischen Luftverteidigung bleibt indes weiterhin gültig. Ob mit Recht oder nicht, darüber lässt sich streiten. Unbestritten ist derweil Donovan Wylies Gespür für Schneebilder.

Bis zum 8. April 2022 im Jardin de Lélise und in der Montée de l´Eglise.

Foto: Donovan Wylie

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Dario Herold

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