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Wo bin ich?

Auf der Flusskreuzfahrt von Passau nach Bratislava erwacht man fast jeden Morgen in einer anderen Stadt. Da kann der innere Kompass schon mal Purzelbäume schlagen.

Es ist Liebe auf den ersten Blick. Genau wie Herbert aus Koblenz es mir voraussagte. Wir stehen beide auf dem Deck der MS Rousse Prestige und warten darauf, dass das Schiff die Anker hebt. Es ist windig und kalt. Noch dazu hängt die Wolkendecke über der Donau verdammt tief. Kein ideales Fotowetter. Zudem bibbere ich vor Aufregung. Dann ertönt endlich die Auslaufmelodie, und der ältere Herr lacht. „Willkommen an Bord. Es wird Ihnen gefallen. Da bin ich mir sicher.“

Früher waren Kreuzfahrten für mich ein Synonym für Folter. Mit älteren Herrschaften in beigefarbenen Anoraks langweilige Bustouren unternehmen, bis zu zwei Stunden am Mittagstisch sitzen und Smalltalk üben, an Seetagen Bingo spielen oder sich mit Kuchen vollstopfen – der reinste Horror. Aber ist man plötzlich mittendrin, ist nichts wirklich schlimm. Im Gegenteil. Die elftägige Donau-Flusskreuzfahrt von Passau bis nach Bratislava zählt zu den schönsten und angenehmsten Reisen, die ich je unternommen habe. Und das aus mehreren Gründen.

Donau2-KopieObwohl das Schiff kein Luxusdampfer ist, sind die Kabinen weder eng noch ungemütlich. Lediglich Duschen zu zweit kommt nicht in Frage. Wer seine Ruhe haben möchte, während der nächste Hafen angesteuert wird, legt sich aufs Bett, zieht die Vorhänge vor den bodentiefen Fenstern beiseite und genießt die Aussicht. Wer Gesellschaft vorzieht, hängt in der Bar ab. Aber da der Kapitän zum Glück vor allem nachts am Ruder sitzt, erwacht der Passagier fast jeden Morgen in einer anderen Stadt. Weshalb die Frage, was man bloß den ganzen Tag auf einem Kreuzfahrtschiff tut, völlig daneben ist. Man geht nämlich an Land. Entweder auf eigene Faust oder in der Gruppe, falls man einen Ausflug oder eine geführte Stadt-, Burg- oder Museumsbesichtigung gebucht hat. Mein Liebster und ich scharren meist schon morgens um neun Uhr mit den Hufen, weil wir es nicht erwarten können, kleine Orte wie Krems oder Melk zu erwandern. Dass ich mir zu Hause bereits Faltpläne besorgt habe, wäre nicht notwendig gewesen, denn an der Rezeption gibt es für jeden Gast einen Stadtplan mit allen Sehenswürdigkeiten – und die Anlegestelle des Schiffes ist mit Rotstift gekennzeichnet. So kann niemand verloren gehen. Worauf man allerdings achten muss, ist die All-on-board-Zeit. Wer nicht rechtzeitig wieder an Bord ist, hat Pech.

Interessante Städte, kurze Etappenstrecken – die Donau-Flusskreuzfahrt ist vor allem Einsteigern zu empfehlen.

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Wien5-KopieIn Wien bleibt die MS Rousse Prestige zum Glück über Nacht. Da ich die österreichische Hauptstadt zum ersten Mal besuche, will ich so viel sehen wie nur möglich. Die Liste ist lang: Schloss Schönbrunn, die Staatsoper, der Stephansdom, das Hundertwasserhaus, das Museumsviertel, der Prater, das Café Gasser… und selbstverständlich auch das am Ufer der Donau gelegene Polizeigebäude aus der TV-Serie „SOKO Wien“. Alles abgehakt. Und weiter schippert´s. Nächstes Highlight: Budapest. Diesmal hetzen wir jedoch nicht non-stop von einer Touristenattraktion zur nächsten, sondern genießen die Vor-Covid-19-Weihnachtsstimmung im wirklich wunderschön geschmückten Stadtzentrum. Apropos Weihnachten: Das kulturelle Vorprogramm an Heiligabend ist keineswegs auf Volksmusik- und Zaubershowliebhaber abgestimmt, sondern bietet anspruchsvollen Jazz. Noch erstaunlicher ist das von der bulgarischen Schiffscrew am zweiten Weihnachtsfeiertag aufgeführte Theaterstück, das derart minimalistisch und wortkarg ausfällt, dass es Kunst ist. So viel zu den typischen Kreuzfahrt-Klischees.

Auch das mit dem Dresscode ist halb so wild. Man läuft nicht die halbe Zeit im Cocktailkleid herum. Lediglich am Gala-Abend und an Silvester, wenn die meisten Herren Anzug mit Krawatte und die Damen ihr elegantes kleines Schwarzes tragen, dürfen es ein paar Pailletten mehr sein. Einziger Wermutstropfen meiner ersten Kreuzfahrt: die miese Laune zweier Tischnachbarn. Mit nichts sind die beiden zufrieden. Von Bord gehen sie eher selten. Und wenn, dann nur, um sich die Beine zu vertreten und etwas frische Luft zu schnappen. Dabei ist das Paar weder weit über siebzig noch gehbehindert. Aber gut, es gibt tatsächlich Leute, die eine Kreuzfahrt buchen, um versorgt zu werden.

Wer seine Ruhe haben möchte, legt sich aufs Bett, zieht die Vorhänge vor den bodentiefen Fenstern beiseite und genießt die Aussicht.

Donau-398-KopieEin anderes Problem bei Standardkonversationen: Vergleiche und Prahlerei. Da fast alle Gäste, mit denen wir ins Gespräch kommen, bereits mehrere Kreuzfahrten gemacht haben, laufen die Unterhaltungen stets gleich ab. „In der Karibik war das Essen besser. Auf der Duchess wurde kaum gedrängelt und es ging weitaus internationaler zu. Nächsten Winter wollen wir zum Nordkap. Eine Weltreise muss irgendwann sein. Bald haben wir genug Punkte für eine Goldkarte.“ Da wir nicht mitreden können, fühlen wir uns stets schmerzhaft ausgeschlossen. Trotzdem sind wir zu Wiederholungstätern geworden. Warum? Weil man auf keiner anderen Reise in derart kurzer Zeit so viele neue Städte und Länder kennenlernen kann. Daran, dass man hin und wieder beim Aufwachen nicht auf Anhieb weiß, wo man sich gerade befindet, gewöhnt man sich schnell. Und ja, ich freue mich immer wieder, nach einem langen Tag an Land abends in die Kabine zurückzukehren und ein aus weißen Frotteehandtüchern geschaffenes Kunstwerk in Form eines Schwans oder eines Elefanten auf dem Bett vorzufinden. Auf manchen Schiffen kann man das Handtuchfalten sogar lernen.

Am letzten Abend stehen Herbert und ich erneut auf Deck. Er muss nichts fragen. Stattdessen zwinkert er mir zu. Er hat Recht gehabt. Das Kreuzfahren macht süchtig. Mittlerweile sind wir im Mittelmeer und auf dem Rhein unterwegs gewesen. Einsteigern sei indes die Donau-Route empfohlen: mehr als ein halbes Dutzend höchst interessanter Städte, fast kein Müßiggang an Bord (für alle, die gern ein Maximum draußen erleben), eine heimelige Atmosphäre an Bord (für diejenigen, die schon überall waren). Wenn ich mir die Fotos von vor drei Jahren anschaue, wundere ich mich, dass so oft mieses Wetter war. Habe ich doch glatt vergessen. Weil es nicht wichtig gewesen ist. Wien und Budapest sind auch bei Regen wunderschön.

Text & Fotos: Gabrielle Seil

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Author: Philippe Reuter

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