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Wo juckt’s?

Maikäfer, Grasmilben, Eichenprozessionsspinner: Während die Mehrheit der Insekten in ihrer Anzahl zurückgeht, ja von Insektensterben die Rede ist, entwickeln sich andere Tierchen zu Plagegeistern.

Bei der Beratungsstelle von natur&ëm-welt waren die Telefone im Juni kaum ruhigzustellen. Grasmilben-Alarm. Ganz Luxemburg hatte Pusteln am Körper. Vor den Notapotheken reichten die Schlangen bis um die Straßenecke. Soventol, Fenistilgel und ähnliche Salben gegen Insektenstiche waren ausverkauft. Die Grasmilben waren auf einmal da, und niemand wusste, woher, und was dagegen zu tun ist. In Saarbrücken wurden Hunderte von Kindern vorsichtshalber nach Hause geschickt, da die Schulleitung für die Hautausschläge keine Erklärung hatte. Das Gesundheitsamt des Regionalverbandes informierte daraufhin, es handle sich um Grasmilbenbisse.

Für viele war das der erste Kontakt mit den kleinen Spinnentieren – obwohl die Grasmilben eine heimische Art seien, erklärt Lieke Mevis von der Beratungsstelle bei natur&ëmwelt. „Meistens fällt das weniger auf, weil das nicht so stark ist. Aber früher als Kind habe ich beim Heueinholen geholfen, und dann hatte ich das immer. Wenn es ganz trocken ist, und man sich ins Gras legt, sind die halt da.“ Viel unternehmen kann man dagegen nicht. „Wenn man merkt, es war längere Zeit trocken und sehr heiß, vorsichtshalber nicht mit nackten Füßen und kurzen Hosen in die Wiese setzen, oder eine Decke drunter legen“, so Lieke Mevis‘ Empfehlung.

Die Grasmilben, auch Erntemilben genannt, treten von Mitte Juli bis Oktober auf. Ihr Entwicklungszyklus wird durch die Bodentemperatur gesteuert, weiß Raoul Gerend. Er leitet die Arbeitsgruppe Entomologie (Insektenkunde) der Naturforschenden Gesellschaft Luxemburgs (SNL). Entweder, so Gerend, seien die Larven ein Überbleibsel vom vergangenen Jahr, oder der Boden sei in diesem Jahr schon so stark aufgewärmt gewesen.

Die Neotrombicula Autumnalis, so ihr eigentlicher Name, sind keine Insekten, sondern Spinnentierchen, stellt Raoul Gerend klar. „Das sind Tierchen, die im Erdboden leben.“ Sie legen die Eier in den oberen Bodenschichten, daraus schlüpfen Nymphen, die sich in der oberen Vegetationsschicht ansammeln. Haustierhalter haben häufiger mit den Bissen zu tun, sie befallen eher Katzen als Menschen. „Grasmilben können nicht bis hoch in die Gräser steigen, das würde ihre Energiekapazitäten übersteigen.“ Deshalb beißen sie vor allem Mäuse, Igel und Spitzmäuse, die sich nah an der Oberfläche aufhalten. „Menschen sind Fehlwirte, sie beißen an, und lassen sich dann wieder abfallen.“

Doch Raoul Gerend stellt infrage, ob es sich bei den Im Juni aktiv gewordenen Tierchen überhaupt um Grasmilben handelt. Denn sie seien vor der in der Literatur genannten Zeit aufgetreten. „Die Quaddeln sind unspezifisch, das kann man nicht sofort zuordnen. Fehlinterpretationen sind möglich. Es können auch irgendwelche Mückenarten sein, da gibt es ganz kleine Viecher.“ Nur wenige Forscher in Luxemburg und der Großregion beschäftigen sich mit Spinnentieren. Das Vorkommen von Grasmilben und ähnlicher Krabbeltiere in der Region sei sehr wenig untersucht, so Gerend. Nach der vielen Aufmerksamkeit in diesem Jahr wird sich das vielleicht ändern.

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Doch Gerend vermutet: „Ich würde nicht davon ausgehen, dass sie permanent zugenommen haben. Alle Tiere fluktuieren in ihrem Entwicklungszyklus.“ Sie profitieren von günstigem Wetter, vermehren sich, und ihre Anzahl geht zurück, in Jahren, in denen die Wetterbedingungen weniger optimal sind, und den Folgejahren. „Die haben vielleicht einfach ein gutes Jahr erwischt“, sagt Gerend. Jedes Lebewesen hat ein Temperaturoptimum, die Tage oder Wochen, in denen das Ei reift, muss es konstant warm genug sein.

Grasmilben waren in letzter Zeit jedoch nicht die einzigen Tierchen, die besonders Eltern zur Sorge wurden. Seit einigen Jahren breitet sich der Eichenprozessionsspinner in der Region stark aus, der mit seinen Brennhaaren Hautrötungen und allergische Reaktionen hervorruft. Im Sommer gehen Raoul Gerend und seine Kollegen regelmäßig auf Lichtfang. Mit einer UV-Lampe und einem Tuch ausgestattet lockt er Nachtfalter an, Ziel der Mission ist eine Bestandsaufnahme.

In den letzten paaren Jahren war es wärmer, deshalb gingen mehr Eichenprozessionsspinner in die Falle. Luxemburg ist an der Nordgrenze des Verbreitungsgebietes, schon seit dem 19. Jahrhundert ist der Falter hier dokumentiert. „Wenn die Umstände gut sind, bewegen sie sich und erweitern ihr Areal. Sobald die Falter aus den Puppen schlüpfen, fliegen sie in alle Richtungen aus, die Weibchen suchen Eichen, um die mit Eiern zu belegen.“

Der Eichenprozessionsspinner übertraf beim Lichtfang in den letzten Jahren in der Anzahl alle Arten um Hunderte. 300 bis 500 Tiere gingen ins Tuch. „Ich wohne in Düdelingen, wir hatten hier in den Eichenwäldern massiven Befall.“ Die ersten Funde habe es in der Minettregion gegeben, inzwischen breite sich der Falter auch in der Mitte des Landes aus.

„Der Eichenprozessionsspinner lebt als Schutzfunktion in Gespinsten mit Dutzenden, und Hunderten zusammen an einer Eiche. Dann bilden sie eine Prozession, aus dem Nest heraus – das machen nur die – und fressen die Blätter.“ Ab dem dritten Larvenstadium entwickeln sie die Brennhaare. Auch wenn die Tiere schon tot sind, verbleiben die Raupen den ganzen Winter im Wald und noch länger, die Brennhaare auch. „In parkartigen Wäldern kann das ein Problem sein.“ Denn wie bei allen Stichen, Bissen und sonstigen Hautreaktionen, reagieren einige stärker, auch allergisch, andere weniger. Lieke Mevis drückt es so aus: „Meine jüngere Tochter sah bei den Grasmilben aus wie ein Streuselkuchen, die ältere nicht.“

Doch die Angst, dass Falter, Stechmücken oder andere Insekten wie Zecken oder die so genannten Tigermücken Krankheiten übertragen, sei unbegründet, so Gerend. Die Stechmücke könne theoretisch Dengue-Fieber übertragen, doch müsse die Krankheit in der Bevölkerung schon stark verbreitet sein, um sie mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit von einer Person zur nächsten zu tragen. „Bisher hat sich Malaria hier nicht verbreitet, auch wenn immer wieder mal jemand damit aus den Tropen zurückkommt. Eine Person wird für eine Ausbreitung nicht reichen. Das ist eher im Mittelmeerraum zu erwarten. Ich sehe jetzt nicht viele Insektenarten, die das Potenzial haben, hier Vektoren für Krankheiten zu werden.“

Seit 30 bis 40 Jahren werden immer weniger Individuen und Arten festgestellt.

Raoul Gerend, Entomologe, SNL

Doch immerhin brauchen die Reaktionen auf den Eichenprozessionsspinner teilweise eine Behandlung mit Cortison. Bei einigen wirken sie sich auch auf die Atemwege aus. In Düdelingen hat das Umweltministerium im Frühling eine Bekämpfungsaktion genehmigt und Bazillengift gespritzt. In dem früheren Waldstück, das inzwischen zum Siedlungsgebiet wurde, stehen fast nur Eichen. „Am Spielplatz oder ähnlichen Orten sollte man schon etwas unternehmen“, sagt Gerend. Das ist ja keine gefährdete Art, und sie hat ein gewisses Konfliktpotenzial mit den Menschen. Ganz lokal an Schulen, Spielplätzen oder Parkplätzen kann man die Gespinste auch absaugen. Neu gepflanzte Bäume kann man auch wegnehmen, es müssen ja keine Eichen am Spielplatz stehen, es gibt andere Bäume. Am Park Le‘h geht das nicht, das sind alte Bäume.“

„Wer Eichen im Garten hat und die Raupen entfernen möchte, sollte nicht das Nest selber anfassen“, warnt Lieke Mevis. Entweder solle man einen Experten dazu holen oder zumindest Schutzkleidung tragen. Der Plan der Naturverwaltung der Regierung zur Bekämpfung des Falters rät von Pestiziden zur Bekämpfung ab. Denn wo gespritzt wird, ist kein Insekt sicher. Zwar sind biogene Pestizide für den Menschen ungefährlich, der Regen wäscht die Überreste ab, doch „das Gift tötet alle Raupen, Schmetterlinge und Käfer, die an diesen Blättern saugen. Wenn ich im Wald ein paar Hektar einneble, wie das in Düdelingen gemacht wurde, trifft man auch alle anderen Bäume, und alle Larven sterben“, sagt Raoul Gerend.

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Zum einen schließt das auch die Fressfeinde der Raupen ein, wodurch sich diese ohne großen Widerstand einfacher vermehren können. Zum anderen geht die Anzahl der Insekten sowieso schon stark zurück. Wenn Gerend im Juli und August auf Lichtfang geht, stellt er fest, dass alle anderen Arten drastisch abgenommen haben. „Seit 30 bis 40 Jahren werden immer weniger Individuen und Arten festgestellt. In den 80er Jahren fand man an einem schwülen Abend locker über 100, heute ist man froh, wenn es 80 sind.“

Der Rückgang der Arten und Individuenzahl ist vor allem bedingt durch die mangelnde Vielfalt an Pflanzen. Sattgrüne, überdüngte und häufig gemähte Wiesen gefallen nur ausgewählten Insekten. „Tiere, die für ihre Entwicklung eine bestimmte Art brauchen, fallen weg. Viele Käfer brauchen bestimmte Blumen als Energiequelle. Die Larven finden ihre Entwicklungspflanze nicht mehr, und erwachsene Tiere finden nicht genug Nektar und keinen Ort um ihre Eier abzulegen. Der Eichenprozessionsspinner hat das Problem nicht. Er hat Eichen, deren gibt es genug.“ Auch die Fressfeinde des Eichenprozessionsspinners seien geschwächt, sagt Lieke Mevis. Das begünstigt ihre Ausbreitung weiter.

Statt sie zu bekämpfen, heißt Gerends Tipp: „Lebt damit. Wir werden die nicht mehr los. Man muss als Bevölkerung lernen, mit diesen Tieren zu leben.“ Lieke Mevis fügt hinzu: „Wenn man weiß, dass man empfindlich reagiert, kann man Eichen meiden.“ Und: „Wenn es längere Zeit heiß und trocken war, nicht mit nackten Beinen in die Wiese.“

Text: Franziska Peschel  Fotos: Egor Kamelev (unsplash), Leelee Usikuu, planet_fox (pixabay)

Author: Dario Herold

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