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Yakuza: Like a Dragon – Neue Drachen braucht das Land

Ab und zu tut eine Frischzellenkur gut, auch wenn man dadurch Gefahr läuft, alte Fans zu verschrecken. Im Falle von „Yakuza: Like a Dragon“ wurden deswegen auch einige serientypische Elemente nicht angefasst.

Die Yakuza-Reihe ist eine besondere Erfolgsgeschichte und hat zu unzähligen Serienablegern geführt. Sechs Hauptspiele und das Prequel „Zero“, dazu die beiden Remakes „Kiwami“ und einige Spinoffs bilden zusammengerechnet ein enormes Portfolio an meist grandiosen bis einigen „nur“ guten Spielen. Im Vordergrund stand stets eine starke Story um den Hauptprotagonisten Kiryu Kazuma, bekannt als „der Drache von Dojima“. Dass da bei immer gleicher Rezeptur und gleichen Charakteren irgendwann Ermüdungserscheinungen auftreten, ist wohl verständlich. Deswegen haben Entwickler „Ryu Ga Gotoku Studio“ und Publisher Sega bei „Yakuza: Like a Dragon“ (YLaD) einiges an Veränderungen gewagt. Ob das am Ende aufgeht und der neue Wind sich nicht zu einem Sturm im Sake-Glas entwickelt, haben wir nun endlich getestet.

Erste große Veränderung: ein neuer Held. Ichiban Kasuga, ein junger Mann, der durch besondere Umstände bei der Yakuza landet, muss eine sehr schwere Entscheidung treffen. Aus Loyalität zu seinem Clan-Führer geht er trotz Unschuld für einen Mord in den Bau. Ganze 18 Jahre muss er absitzen, bis er wieder auf freien Fuß kommt und entsetzt feststellen muss, dass sein früherer Boss ihn hat fallenlassen. „Oh, oh!“ werden jetzt einige Serienfans denken, „solche oder ähnliche Storys gab es doch schon zur Genüge in der Franchise!“ Doch ihr könnt beruhigt sein, die Geschichte um den Neuling nimmt ganz andere Wege, als man zuerst denkt. Zudem ist den Entwicklern ein toller Charakter gelungen, dank dem man Kiryu nie wirklich vermisst.

Den Entwicklern ist ein toller Charakter gelungen, dank dem man Kiryu nie wirklich vermisst.

Zweite große Veränderung: das Kampfsystem. Ging es bisher in der Serie immer actiongeladen in direkten Kämpfen zur Sache, werden die Auseinandersetzungen bei „YLaD“ in rundenbasierter Form bewältigt. So wie man das aus klassischen japanischen Rollenspielen kennt. Das Game nimmt übrigens sehr oft Referenz auf besagte Vorbilder, insbesondere die sehr bekannte Reihe „Dragon Quest“ dient als direktes Vorbild. Das führt oft zu unsagbar schrägen, aber unglaublich witzigen Situationen. Insgesamt ist der Humor in Ichibans Abenteuer sehr ausgeprägt. Das kennt man schon von der Reihe, allerdings ist dieses Markenzeichen noch einmal verstärkt worden. Ein Lacher jagt den nächsten, auf typisch japanische Art und Weise. Mal anzüglich, mal total trocken und schwarz, aber oft sehr skurril wird hier vermittelt, dass man das Spiel und vielleicht sogar das Leben an sich nicht immer so bierernst nehmen sollte.

Im Laufe der Kampagne lernt Ishiban weitere Haudegen kennen, die sich ihm anschließen. Bis zu drei Mitstreiter kann er mitnehmen, ein jeder davon kommt mit ganz eigenen Fähigkeiten und Attacken daher. Aber man kann die Klasse – bei „YLaD“ einfach als „Job“ betitelt – jederzeit ändern. Wird ein Heiler benötigt oder ein mächtiger „Tank“, der gut austeilt – einfach den benötigten Beruf einem der dazu fähigen Leute zuweisen. Das erfordert etwas Ausprobieren, bis man die richtige Balance gefunden hat, macht aber einen Großteil des Spielreizes aus. Neu ist auch das Ausrüstungssystem. Ganz wie in klassischen Rollenspielen kann man den Kämpfern Helm, Rüstung oder Stiefel anziehen, nur dass es in Ishibans Welt dann Käppi, Strickpullover oder Sneaker sein könnten. Die Idee, ein Rollenspieluniversum in die reale Welt zu projizieren, ist den Entwicklern unglaublich gut gelungen. Übrigens: Die teils abartigen Gegner sind der blühenden Fantasie des Protagonisten zuzuschreiben. Bereits als Kind hat er gerne „Dragon Quest“ gespielt und seitdem möchte er ein strahlender Held in noch strahlenderer Rüstung werden! Man merkt, wohin der Humor führt…

Die dritte große Veränderung ist die neue Stadt. Zwar bewegt man sich wie gewohnt in der Third-Person-Ansicht (durch Knopfdruck auch in Ego-Ansicht) durch die Straßen, läuft zu Missionspunkten, verprügelt böse Jungs oder betreibt etwas Shopping, aber das Flair Yokohamas unterscheidet sich vom Neon-überfluteten Tokyo. Neben Sammelaufgaben, Nebenmissionen und unendlich vielen Freizeitbeschäftigungen (Glückspiele, Karting, Arcades und vieles mehr) gibt es natürlich auch wieder die vielen Restaurants, in denen es typisch japanische Gerichte gibt, um die Energieleisten der Kämpferriege aufzufüllen. Das Kernelement des Erkundens und riesengroßer Freiheit innerhalb eines geschlossenen Areals bleibt Serienfans also erhalten. Wichtig bei der neuen Stadtbesichtigung ist die Bindung zu den Begleitern. Bestellt man in Restaurants die richtigen Menü-Kombinationen, verstrickt man sie in Gespräche. Auch in der Karaoke-Bar kann man mit jedem Einzelnen Persönliches besprechen, und überall in der Spielwelt kann man Dialoge starten, wenn man dazu aufgefordert wird, wodurch man die Freundschaften vertiefen kann. Dadurch eröffnen sich neue Möglichkeiten im Kampf. Unsere Partie kann zudem immer mehr „Berufe“ erlernen, ein Wechsel davon setzt einen Neustart des Job-Levels voraus. Bereits hochgelevelte Klassen bleiben zum Glück erhalten, für den Fall, dass einem der vorherige Beruf doch besser gefallen hat.

Bereitet einem ein Gegner mal besonders viele Probleme, kann man sich die sogenannten „Poundmates“ zur Hilfe rufen. Das sind spezielle Charaktere, die man erst in der Welt finden und durch Quests freischalten kann und die danach im Kampf gegen Sold einsetzbar sind. In einer irrkomischen Zwischensequenz, angelehnt an die famosen „Bestia“ aus „Final Fantasy“, sorgen diese Attacken für besonders viel Schaden und sind manchmal der letzte Ausweg aus einer fast aussichtslosen Keilerei.

Bugs oder andere technische Querelen gibt es keine
und Ladezeiten sind kaum vorhanden.

Grafisch ist „YLaD“ ein zweischneidiges Katana. Zwar wird mit viel Liebe zum Detail wieder ein sehr stark fernöstliches Ambiente erzeugt, nicht zuletzt auch dank der abermals tollen Soundkulisse, aber an manchen Stellen wirkt das virtuelle Yokohama doch etwas steril und leblos. Auch einige Charaktere wurden etwas grobschlächtig ausgearbeitet und nicht selten erblickt man Animationen, die ungewollt komisch wirken. Mancherorts lässt einen der starke Texturaufbau – besonders bei Gras – auch mal ungläubig staunen. Sowas auf der PS5? Verschuldet ist dieser unschöne Effekt wohl der Tatsache, dass „YLaD“ auch für die alte Generation erschienen ist. Nichtsdestotrotz läuft das Abenteuer vorbildlich stabil, Bugs oder andere technische Querelen gibt es keine und Ladezeiten sind kaum vorhanden. Gameplay und Bedienung, Menüführung und Orientierung in der Welt sind gewohnt gekonnt umgesetzt.

Serienkenner werden sich also schnell heimisch fühlen, Neulinge werden sich erst an den schrägen Humor und langen Dialoge gewöhnen müssen, sich aber rasch in die charmanten Charaktere und die einladende Spielwelt verlieben. Ganz so, wie bei jedem anderen Yakuza-Teil auch. Und auch wenn rundenbasierte Kämpfe nicht jedermanns Sache sind, so sollte man „Like a Dragon“ eine Chance geben. Das Kampfsystem ist wunderbar gelungen, und das ganze Drumherum lädt einfach zu einer Sight-Seeing-Tour Yokohamas ein. Yatta!

web_Cover-KopieGenre: Rollenspiel / Studio: Ryu Ga Gotoku Studio / Publisher: Sega / Plattformen: PS4, PS5, Xbox One, Xbox Series X/S, Windows / Preis: zirka 30€ / Altersempfehlung: 18+

Daniel Paulus

Grafiker

Multimedia, Game Reviews

Author: Dario Herold