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Zeit zu handeln

Vergangene Woche veröffentlichte der Weltklimarat einen Bericht, der zeigt, wie schnell sich das Klima verändert und wie verheerend die Folgen ohne entsprechende Gegenmaßnahmen sein werden. Die Zeit des Diskutierens sei deshalb jetzt vorbei, meint Greenpeace-Mitarbeiter Frank Thinnes.

Wochenlange Hitzewellen, Dürren, vertrocknete und brennende Wälder, Starkregen mit Sturzfluten, die ganze Städte überschwemmen und zahlreiche Häuser mit sich reißen, schmelzende Polkappen und Wirbelstürme, nicht nur in den Tropen – Bilder dieser Ereignisse sehen wir mittlerweile jeden Tag. Aus allen Teilen der Welt. Und sie sind kaum zu ertragen.

Der Bericht des Weltklimarates kam deshalb letzte Woche genau richtig. Während an der Sauer, der Ahr und der Kyll noch die Schäden der Überschwemmungen begutachtet, geschätzt und notdürftig repariert werden, in der Türkei und in Griechenland zahlreiche Waldbrände völlig unkontrollierbar geworden sind und sich halb Italien auf eine Woche mit Temperaturen knapp unter 50 Grad einzustellen versucht, veröffentlicht der Weltklimarat den ersten Teil seines nunmehr sechsten Berichts. Aus diesem geht hervor, was wir eigentlich längst wussten: Der Klimawandel ist in vollem Gange, und er ist menschengemacht.

Echternach---Pizzolante3-KopieEs ist kein Weckruf, den das Intergovernmental Panel on Climate Change, kurz: IPCC, auf Deutsch Weltklimarat, in die Welt sendet. Es sind pure Fakten. Denn die Aufgabe des IPCC ist es nicht, Panik zu machen. Der IPCC wurde 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen und der Weltorganisation für Meteorologie ins Leben gerufen, um den Stand der wissenschaftlichen Forschung zum Klimawandel zusammenzutragen und -zufassen. Seine Berichte sollen politischen Entscheidungsträgern Grundlagen für wissensbasierte Entscheidungen bieten. Das Gremium gibt keine Handlungsanweisungen. Panik sollte bei den Entscheidungsträgern jetzt trotzdem aufkommen.

Denn viel Spielraum scheint es nicht zu geben. Es ist nicht mehr fünf vor zwölf, sagt Frank Thinnes, Klima- und Energie Kampaigner bei Greenpeace Luxemburg, es ist bereits viel später. Und auch wenn ihn der Inhalt des jüngsten IPCC-Berichts nicht wirklich überrascht hat, hält er ihn doch für bemerkenswert. „Für uns ist der Bericht eine Bestätigung. Schon in dem letzten Bericht von 2014 wurden die meisten Probleme aufgezeigt, allerdings waren die Aussagen damals zurückhaltender. Einige Punkte waren hypothetisch, zwar sehr wahrscheinlich, aber nicht vollkommen sicher. Zum Beispiel, dass der Klimawandel komplett menschengemacht ist. Jetzt sind sich die Experten zu hundert Prozent sicher, es gibt keine Zweifel mehr.“

2-PR2_5974-KopieFür den sogenannten Sachstandsbericht des IPCC, wie er offiziell heißt, tragen Wissenschaftler aus der ganzen Welt wissenschaftliche Erkenntnisse zusammen und werten Studien aus. Seit dem letzten Bericht 2014 ist viel passiert, auch in Luxemburg. Wir erlebten die heißesten Sommer, es gab zahlreiche Überschwemmungen durch Stark-regenfälle und sogar einen Tornado. Genau die Art von Extremwetter, die der IPCC 2014 als Folge des Klimawandels angekündigt hatte. Nun mag man sagen, dass es solche extremen Wetterkapriolen schon immer gegeben habe. Das ist nicht falsch. Auch früher gab es mal den einen oder anderen heißen Sommer, es gab Überschwemmungen und Wirbelstürme. Aber so viele innerhalb weniger Jahre? Das ist neu.

Seit 1850, zu Beginn der Industrialisierung, sei es kontinuierlich wärmer geworden, heißt es in dem Bericht. Die globale Durchschnittstemperatur sei von Jahrzehnt zu Jahrzehnt gestiegen, seit 1900 um 1,1 Grad. Bereits im Jahr 2030, und nicht erst 2050, wie noch vor wenigen Jahren prognostiziert, sei mit einem Anstieg von 1,5 Grad zu rechnen, der Wert, auf den sich die beteiligten Staaten beim Pariser Abkommen geeinigt hatten. Es erscheint aussichtslos, ihn noch einhalten zu können. Selbst wenn sofort alle Emissionen von Treibhausgasen gestoppt werden würden, wären die Auswirkungen erst in einigen Jahrzehnten spürbar.

„Wir wissen, dass es, egal, was wir jetzt tun, geschehen wird“, sagt Frank Thinnes. „Viele Effekte des Klimawandels, wie der Anstieg der Meeresspiegel, die Übersäuerung der Meere oder das Schmelzen der Pole, sind nicht mehr aufzuhalten. Aber: Wir können den Prozess verlangsamen, indem wir weniger CO2 produzieren. Dafür müssen wir allerdings sofort handeln. Es zählt jedes Zehntel Grad.“

Jedes Zehntel, das hört sich harmlos an, ist es aber nicht: Pro gestiegenem Grad Celsius kann die Atmosphäre sechs bis acht Prozent mehr Wasserdampf aufnehmen, wodurch die Gefahr für extreme Regenfälle und Gewitter ansteigt. Weil sich zudem durch die gestiegenen Temperaturen an den Polen der Jetstream – das Windband, das in rund zehn Kilometern Höhe um die Erde zieht – verlangsamt hat, kann das Wetter länger in einer Gegend verweilen. Das bedeutet: wochenlange Hitzeperioden in der einen Region und in der anderen anhaltender Regen mit Überschwemmungen. Längst bekannte Szenarien, die aber eigentlich keiner haben möchte.

Die Aufgabe des Weltklimarates ist es nicht, Panik zu machen.

Doch was kann man tun? Liegt es nicht auch an jedem Einzelnen, nachhaltiger zu leben? Und sind Menschen in Luxemburg überhaupt bereit, auf die Erfüllung bestimmter Bedürfnisse zu verzichten, auf große Häuser aus klimaschädlichem Beton oder Reisen im Flugzeug mit hohem CO2-Ausstoß?

Echternach---Pizzolante6-Kopie„Wäre ich Politiker, würde ich diese Frage lieben“, sagt Frank Thinnes und lächelt. „Dann könnte ich nämlich meine eigene Verantwortung an die Bürger und Bürgerinnen abtreten. Doch was kann der Einzelne mit individuellen Aktionen wirklich tun? Die meisten Studien haben gezeigt, dass es relativ wenig ist. Ein privater Haushalt kann zehn bis 20 Prozent Emissionen einsparen, wer richtig motiviert ist, kommt vielleicht auf 30. Das ist ein Prozentsatz, der bei weitem nicht reicht. Um den Anstieg der Temperatur auf 1,5 bis zwei Grad zu begrenzen, brauchen wir strukturelle Veränderungen und einen Rückgang der Treibhausemissionen um 65 Prozent, das ist wissenschaftlich bestätigt. Selbst die 55 Prozent, die im Pariser Abkommen zum Ziel gesetzt wurden, reichen nicht aus.“

Im vergangenen Jahr beauftragte Greenpeace Luxemburg das Marktforschungsinstitut TNS Ilres mit einer Umfrage zum Thema Klimawandel. Dabei kam heraus, dass 98 Prozent der Befragten davon überzeugt sind, dass ein Klimawandel tatsächlich stattfindet. 70 Prozent fühlen sich durch ihn bedroht und 60 Prozent betrachten es als Menschenrechtsverletzung, wenn sich die Politik nicht mit dem Thema beschäftigt. „Die meisten Menschen, 81 Prozent, sehen die Hauptverantwortung zum Handeln in der Politik. Das sagt viel aus. Ich will jetzt nicht behaupten, dass die Luxemburger Bevölkerung mega grün ist, aber die Menschen sind davon überzeugt, dass etwas getan werden muss. Und zwar von der Politik. Das sollten sich unsere Politiker und Politikerinnen zu Herzen nehmen, gerade nach dem neuesten Bericht des IPCC. Wir haben keine Zeit mehr, die Zeit des Diskutierens ist vorbei.“

Dabei hat Luxemburg schon Einiges getan. Es gibt kostenlose öffentliche Verkehrsmittel und einen 200 Seiten starken Nationalen Energie- und Klimaplan, der sich in vielen Bereichen konkrete Ziele gesetzt hat. Wie aber genau diese Ziele erreicht werden sollen, welche Prozeduren dafür angewendet werden, ist nicht klar definiert. „Das ist alles ein bisschen schwammig“, meint Frank Thinnes. Zudem schreite der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs zwar vor, sei aber immer noch sehr ineffizient. Wer beispielsweise von Waldbredimus nach Düdelingen wolle, müsse die drei- bis vierfache Zeit einplanen, sollte man sich für die vier aufeinanderfolgenden Buslinien gegenüber dem Individualverkehr entscheiden. Wer macht das schon?

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Die Politik muss Grenzen setzen und klare Regeln schaffen, an die sich alle halten müssen. Frank Thinnes, Greenpeace Luxembourg

Noch immer werden Milliarden von Euro in Projekte gesteckt, die eigentlich nicht mehr gefördert werden sollten, sagt Thinnes, wie die Erdöl- oder Kohleindustrie. „Da werden politische Entscheidungen getroffen, die kurzfristig lukrativ sein mögen, aber langfristig keinen Sinn ergeben.“ Selbst viele auf nachhaltig und grün gemachte Fonds, die im Finanzplatz Luxemburg angesiedelt sind, finanzieren Unternehmen weltweit, die nicht nachhaltig arbeiten. So auch der Luxemburgische Pensionsfonds. Seine Investitionen in Kohleunternehmen sind laut Greenpeace von 257 Millionen Euro in 2019 auf 289 Millionen in 2020 gestiegen. Das Argument, dass so viele Arbeitsplätze verlören gingen, wenn wir auf fossile Brennstoffe verzichten würden, stimme so nicht, sagt Thinnes. „Regenerative Energie bringt neue Arbeitsplätze und die Intensität der Arbeitsplätze ist bei Sonnenenergie sogar dreimal höher. Natürlich müsse man die Leute umschulen und diese Transition auch sozial gerecht gestalten, aber das ist alles machbar.“

Rollingen---Pizzolante-KopieEin anderes Beispiel: das Verbrennen von importiertem Holz in sogenannten Biomassen-Anlagen. Für Greenpeace ein echtes No-Go, sagt Thinnes. „Da wird dann Holz aus Osteuropa importiert und als grüne Biomasse bezeichnet. Dabei werden aber viele Faktoren nicht eingerechnet, die ökologisch schädlich sind, wie der Transport oder die Zerstörung der Biodiversität in alten Wäldern, weil dort das Holz nicht nachhaltig abgebaut wird. Holzheizungen sind nicht per se schlecht. Wenn man das Holz nachhaltig aus dem Wald nebenan holt, sind sie sogar besser als einige Alternativen.“

Wie schnell Regierungen in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen und durchzuziehen, konnte man im Laufe der Corona-Pandemie beobachten. Quasi weltweit wurden das öffentliche Leben und die Wirtschaft heruntergefahren, und es wurde problemlos zu Hause anstatt im Büro gearbeitet. Das alles im Laufe weniger Tage. In Sachen Klimaschutz scheint es problematischer zu sein, denselben Ernst der Lage anzuerkennen. „Das ist schwieriger zu vermitteln, weil sich der Klimawandel über Jahre und Jahre zieht und die Konsequenzen nicht direkt sichtbar sind. Bei Covid-19 war die Gefahr sofort präsent, als man die Bilder von den Kranken auf den Intensivstationen gesehen hat.“

Auch ein kleines Land wie Luxemburg kann einen großen Einfluss haben, meint Thinnes. Gerade was die Fondsindustrie betrifft, sind Luxemburg als zweitgrößtem Fondstandort der Welt nicht die Hände gebunden, sollte man meinen. Der Ball liege jetzt bei der Politik. „Die Politik muss Grenzen setzen und klare Regeln schaffen, an die sich alle halten müssen. Alle Ministerien, alle Unternehmen und jeder Einzelne. Nur so kann echter Klimaschutz erreicht werden.“

Text: Heike Bucher // Fotos: Fabrizio Pizzolante (3), Julien Garroy (beide Editpress), Philippe Reuter, privat

Mehr Infos gibt es auf der Website von Greenpeace: www.greenpeace.org/luxembourg

Author: Philippe Reuter

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