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Zen Attitude

Einfach nur im Moment zu sein, ist Laurent Turping recht wichtig. Für seine erste Solo-Ausstellung im Schlassgoart hat der Bildhauer dennoch nichts dem Zufall überlassen wollen. Ein Atelierbesuch.

IMG_9315-KopieDie alte Scheune findet man auf Anhieb. Über dem Eingang hängt eine langbeinige Figur. Daneben ein Gesicht. Dazu kommt noch ein schwarzes Ruder. Vor zwei Jahren hat Laurent Turping den Schober gekauft und behutsam mit recycelten Materialien zu renovieren begonnen. Zuvor ist er immer wieder auf Übergangslösungen angewiesen gewesen. Zuerst hat er in der leer stehenden Autowerkstatt gearbeitet, in der die Fuelbox erstmals stattgefunden hat, zuletzt im Atelier D des gleichnamigen Künstlerkollektivs in Düdelingen. Jetzt ist Schluss mit Provisorien. „Elo hunn ech Plaz an och déi néideg Rou fir ze schaffen.“ Im unteren Bereich des ehemaligen Heulagers steht die Werkbank, gibt es eine kleine Küche und einen wunderschönen großen Holztisch für Gäste. „Deen ass och vu mir.“

Das Obergeschoss kommt einer Kunstgalerie gleich. Wohin man schaut, überall stehen ein einzelner Mensch oder eine Gruppe aus Holz. „Eng Partie geet mat an d´Ausstellung“, so Laurent Turping. Wie viele Skulpturen er in den letzten zehn Jahren geschaffen hat, würde ich gern wissen. Der Künstler lacht. Er hat sie nicht gezählt, aber es sind viele. Auf die Frage, warum er gern mit der Motorsäge arbeitet, gibt es klarere Antworten. Erstens habe mit einer Kreissäge und dem Fällen eines Baumes im Garten der Schwiegermutter alles angefangen. Zweitens gefällt ihm das Resultat des Arbeitens mit grobemGerät. Obwohl die einzelnen Figuren leicht glatt geschliffen werden, damit niemand sich beim Berühren an einem Holzsplitter verletzt, bleibt ihr roher und mitunter unvollständiger Charakter bestehen – bewusst. „Kee vun eis ass perfekt, oder? Mir hunn dach all Ecken a Kanten.“

Laurent Turping arbeitet hauptsächlich mit Holz aus Luxemburger Wäldern und am liebsten mit Eichen- und Kirschbaumholz.

IMG_9329-KopieDa er ganze Stämme in Kunstwerke verwandelt, arbeitet Laurent Turping oft draußen, direkt im Wald. „Ech schaffen nëmme mat Holz aus Lëtzebuerger Bëscher. Am léifsten mat Eechen, Bichen, Lannen a Kiischtebeem.“ Bei monumentalen Werken, die bis zu vier Meter hoch und mehrere Tonnen schwer sind, ist er selbstverständlich auf fremde Hilfe und die nötige Ausrüstung angewiesen. In seinem Atelier ist er indes meist allein. Allein mit unzähligen Holzmenschen. Unter der Covid-19-Pandemie hätte er als Künstler nicht gelitten. Lediglich eine Ausstellung in Portugal sei abgesagt worden. „A vue que datt ech souwisou ëmmer mat Masque schaffen.“ Laurent Turping hat einen gesunden Humor. Eine geradezu wohltuende Gelassenheit. Obwohl er sein künstlerisches Schaffen sehr ernst nimmt und es ihm Spaß macht, an jeder kreativen Herausforderung, die er annimmt, zu wachsen, macht er sich keinen Druck. „Et geet iergendwéi ëmmer weider.“

Auf seinen Werdegang angesprochen, hält der 54-Jährige kurz inne, um anschließend weit auszuholen. Nach seiner Ausbildung zum Koch und Konditor an der Diekircher Hotelschule hat er an der renommierten Schweizer École hôtelière de Lausanne (EHL) Management studiert und anschließend in Luxushotels in u.a. London, Cannes, Frankfurt und Hamburg gearbeitet, bevor er 2004 Leiter des Pariser Grand Hôtel Intercontinental wird.
Irgendwann zieht Laurent Turping einen Schlussstrich unter seine internationale Karriere und kehrt mit seiner Familie nach Luxemburg zurück.

Das grobe Aussehen der Figuren ist eine Anspielung auf die Unperfektheit des Menschen.

„Ech war gewinnt, zu Paräis net virun 21 Auer doheem ze sinn. Op eemol hat ech um 17 Auer Feierowend an Zäit.“ Zeit für Kreativität. Eine erste Figur entsteht. Eine zweite folgt. Im Kunst- und Werkhof von Bildhauer Ernst Gross in Großropperhausen bei Frankfurt macht er sich mit der „Kettensägekunst“ vertrauter. Der sogenannte Flow kommt bald von selbst. Nichts ist Laurent Turping zu anstrengend. Für alles gibt es eine Lösung. Und falls das Ergebnis nicht das ist, was er sich gewünscht hat, ist das nicht schlimm. Er macht einfach konzentriert weiter. Das Leben in Paris oder London würde er nicht vermissen, weil er kein Mensch sei, der alten Zeiten nachtrauert. „Ech kucke léiwer no vir.“ Und das heißt im Moment: sich auf die erste Solo-Schau im Schlassgoart in Esch/Alzette freuen. Die Ausstellungsbedingungen seien geradezu ideal: hohe Räume, natürliches Licht, viel Platz. Zeitgleich zur Expo, die den Titel „Pluralités“ trägt, erscheint ein neuer Bildband mit den Werken der letzten Jahre – und mit einem Zitat, welches das Wesen des Autodidakten höchst treffend zusammenfasst: „I´m happy to get older because the more I live, the more I learn.“ Diese Art von Entspanntheit ist nicht nur bewundernswert, sondern auch ansteckend. Es tut gut, sich mit Laurent Turping zu unterhalten. Er hat in seinem Leben schon so viel erlebt und ist seiner Liebe zum Ursprünglichen und einer gewissen Einfachheit treu geblieben. Menschen bekommen Falten, seine Figuren haben Knoten und Risse. Darüber hinaus bestimmt nicht er die Form seiner Skulpturen. Das tut das Holz. „Ech muss mech fügen“, so das ARC-Mitglied scherzhaft. Wer seine Werke im öffentlichen Raum noch nicht kennt, Kayl, Leudelingen und Lorentzweiler sind den Ausflug wert.

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Text: Gabrielle Seil // Fotos: Laurent Henn, Laurent Turping

Vom 1. bis zum 22. Oktober im Schlassgoart in Esch/Alzette, Vernissage am 30. September um 19 Uhr, geöffnet von dienstags bis samstags von 14-18 Uhr, www.schlassgoart.lu, www.laurentturping.com

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Das Buch ist zum Preis von 45 Euro in der Galerie Schlassgoart erhältlich
(oder über die Facebookseite des Künstlers).

Author: Philippe Reuter

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