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Zum 109. Mal

Am 1. Juli beginnt die 109. Ausgabe der Tour de France. Wir haben mit Jempy Drucker einen Blick auf die bevorstehenden vier Wochen, die Favoriten und die Rollen der Luxemburger geworfen.

Eigentlich war die Tour 2011 für Andy Schleck schon vorbei. Vor der letzten Bergetappe lag er über eine Minute hinter Evans, mehr als zwei Minuten hinter Leader Voeckler. Aussichtslos, so war zumindest das Gefühl. Doch Schleck wollte und sollte sich nicht geschlagen geben. 50 Kilometer vor dem Ziel attackierte der junge Luxemburger. Alleine auf weiter Flur forderte er den Col du Galibier heraus, ein irrer Plan. Aber er funktionierte. Am Ende jubelte Andy, fuhr genug Vorsprung heraus, um sowohl Evans als auch Voeckler im Gesamtklassement hinter sich zu lassen.

Andy Schleck hatte den Col du Galibier herausgefordert, bezwungen und wurde mit Gelb belohnt. Seither versprüht dieser mythische Anstieg den Hauch einer Luxemburger Legende. Weniger Märchenhaft war das Ende am Folgetag. Evans dominierte das Zeitfahren, verdrängte Schleck auf Platz zwei. Trotzdem: Der Angriff Schlecks am Galibier sollte für immer in die Geschichtsbücher der Tour de France eingehen.

 „Beim Anblick dieses Parcours mit Dänemark und Kopfsteinpflaster in der ersten Woche ist es durchaus möglich, dass der ein oder andere die Tour in der ersten Woche verliert.“
Jempy Drucker

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Und genau dieser Col du Galibier wird auch in diesem Jahr wieder eine entscheidende Rolle spielen. Er markiert den ersten Tag im Hochgebirge, den ersten Anstieg auf über 2.000 Meter und den Beginn der heißen Phase. Insgesamt zählt die Tour in diesem Jahr sieben Hügel-, sechs Berg-, sechs Flach- und zwei Zeitfahretappen. Traditionsgemäß gibt es zwei Ruhetage, jeweils am Montag der dritten und vierten Woche. Aber auch am Montag der ersten richtigen Woche, dem vierten Juli, wird nicht gefahren. Da nutzen die Fahrer den sogenannten Transfertag um von Dänemark nach Dünkirchen zu reisen.

Die einzige richtige Neuheit der Tour ist eben dieses Dänemark. Zum ersten Mal überhaupt wird die Tour durch ein skandinavisches Land führen. Dort werden die drei ersten Etappen gefahren. Am ersten Tag wird ein 13 Kilometer langes Einzelzeitfahren die Radsportler durch die dänische Hauptstadt Kopenhagen führen. An den beiden Folgetagen geht es über zwei Flachetappen immer weiter Richtung europäisches Festland. „Der Start in Dänemark ist nicht nur für die vielen dänischen Fahrer besonders. Hier besteht auch ein hohes Risiko von Windkanten. Es gilt also vorsichtig zu sein“, meint Jempy Drucker, der die Tour de France in seiner Karriere zwar nie selbst fuhr, allerdings über das nötige Fachwissen verfügt.

Aber nicht nur der Wind Dänemarks bietet Grund zur Obacht. Nach einem Sabbatjahr 2021 gibt das Kopfsteinpflaster (Pavé) in diesem Jahr nämlich sein Comeback in der Tour, allerdings nur auf einer Etappe. Insgesamt führt die Etappe zwischen Lille und La Porte du Hainhaut über 19 Kilometer Kopfsteinpflaster. „Es gilt mal wieder das altbewehrte Sprichwort. Es wird niemand die Tour in der ersten Woche gewinnen. Aber beim Anblick des Parcours in der ersten Woche, mit Dänemark und Kopfsteinpflaster, ist es durchaus möglich, dass der ein oder andere die Tour schon hier verliert“, greift Jempy Drucker tief ins Phrasenschwein.

Die zweite Woche steht ganz im Zeichen der Alpen. Das Highlight für Athlet und Fan dürfte die elfte Etappe sein. Dann geht es über den bereits erwähnten Col du Galibier. Nur einen Tag später kommt es – zum ersten Mal seit 2018 wieder – zur Ankunft in Alpe d´Huez. In der Schlusswoche führt das Programm die Fahrer in die Pyrenäen. Auf drei Bergetappen in Folge (zwei davon mit Bergankunft) folgt eine Flachetappe, ehe am 23. Juli im Zeitfahren zwischen Lacapelle-Marival und Rocamadour wohl die endgültige Entscheidung fallen dürfte.

Das Highlight für Athlet und Fan dürfte die elfte Etappe sein. Dann geht es über den Col du Galibier. Einen Tag später kommt es – erstmals seit 2018 – zur Ankunft in Alpe d’Huez.

Zu wessen Gunst diese Entscheidung fallen wird, ist natürlich schwer vorherzusagen. Trotzdem muss beim Blick auf den Favoritenpool ein Name gesondert behandelt werden: „Tadej Pogacar ist der Favorit auf den Gesamtsieg. Da erzähle ich aber niemandem etwas neues.“ Der Slowene gewann die Tour de France vor zwei Jahren zum ersten Mal in spektakulärer Manier auf den letzten Drücker. Ein Jahr später schnürte er – diesmal deutlich souveräner – den Doppelpack. Jetzt schielt Pogacar auf den Hattrick. Sein ärgster Konkurrent war in den letzten beiden Jahren stets Landsmann Primoz Roglic. Auch er zählt in diesem Jahr wieder zu den Anwärtern.

„Über die beiden Slowenen hinaus ist es schwer vorherzusagen, wer einen guten Start in die Tour erwischt. Ich glaube man sollte vor allem Teams wie Lotto Jumbo, Ineos und Bora im Auge behalten. Gerade Lotto Jumbo ist im Kollektiv unglaublich stark und sie können damit auch durchaus jemanden wie Pogacar in Schwierigkeiten bringen. Bora hat sich im Giro d´Italia von seiner besten Seite gezeigt, konnte mit dem Australier Jai Hindely am Ende sogar den Gesamtsieg einfahren und darf auch in der Tour de France nicht unterschätzt werden“, legt Drucker den Fokus eher auf die Mannschaft als den einzelnen Fahrer.

Doch egal, wie viel jetzt auch geschrieben, gesprochen oder philosophiert wird. Wer am Ende nach über 3.300 Kilometern des Kampfes das gelbe Trikot des Gewinners auf der Champs Elysées in Paris überziehen darf, wird auf dem Asphalt entschieden. Und dort zählen weder Streckenprofile, noch Namen, noch Wahrscheinlichkeiten. Dort zählt nur die Leistung und das im Sport übliche, nötige Quäntchen Glück.

Text: Daniel Baltes
Fotos: Luis Mangorrinha , Anouk Flesch(2) (beide Editpress), Georges Noesen(2)

Jempy Drucker über:

Dwars door Vlanderen 2022

Kevin Geniets…
„Ich glaube Groupama-FDJ hätte einen großen Fehler gemacht, ihn nicht mitzunehmen. Er ist unglaublich polyvalent und hat nicht zuletzt beim Dauphiné seine Stärke unter Beweis gestellt. Kevin muss wahrscheinlich den Fahrern seiner Mannschaft, die für das Generalklassement fahren, als Helfer zur Seite stehen. Sticht hier keiner heraus, könnte ich mir vorstellen, dass er etwas mehr Freiheiten bekommt und eventuell in der ein oder anderen Etappe auf sich aufmerksam machen kann.“

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Bob Jungels…
„Er hatte die Schlüssel selbst in der Hand. Mit seinem dann doch eher schwachen Saisonanfang hatte er sich nicht unbedingt für die Tour de France empfohlen, doch bei der Tour de Suisse sah das schon deutlich besser aus. Weshalb er mitgenommen wurde. Ihn könnte ich mir als Helfer für Ben O’Connor oder mit dem Ziel eines Etappenerfolges vorstellen.“

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Alex Kirsch…
„Alex ist unglaublich wichtig für Mads Pedersen. Man hat bei den Klassikern gesehen, dass Alex so eine Art Wingman für den Dänen ist und die beiden als Team sehr gut funktionieren. Die Chancen von Alex auf die Tour waren auch deshalb groß. Seine Rolle wird vor allem daraus bestehen, seine Teamkameraden zu platzieren und gerade in den ersten Etappen aus dem Gewühl rauszuhalten.“

Author: Dario Herold