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Zurück auf Los

Der erneute Vormarsch und die Machtergreifung der Taliban in Afghanistan in den letzten Wochen hat vor allem eines gezeigt: Die Nato und der Westen haben versagt. Jahrzehntelanges Engagement wurde zunichte gemacht und damit wird ein weiteres Konflikt-Kapitel des Landes geschrieben.

Ratlosigkeit. Kein anderes Wort fasst wohl die Gefühlslage der westlichen Politiker – von den EU-Außenministern bis zum amerikanischen Präsidenten Joe Biden – besser zusammen, wenn es um die Geschehnisse der vergangenen Tage und Wochen in Afghanistan geht. Dabei kam die erneute Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban, zwanzig Jahre, nachdem sie zuletzt an der Macht waren, mit Ansage. Dass es allerdings zum Schluss derart schnell gehen würde, hatten die wenigsten Experten auf dem Schirm. Doch der Weg für jene Machtübernahme war spätestens mit dem Rückzug der amerikanischen Streitkräfte sowie der restlichen Nato-Truppen breit geebnet. Denn parallel zu dem angekündigten Rückzug nach mehr als zwanzig Jahren militärischer Präsenz auf afghanischem Boden, haben die Taliban sich in den letzten Jahren reorganisiert – auch wenn viele führende Köpfe noch immer dieselben sind wie bei ihrer ersten Regentschaft –, neu aufgestellt und alles in die Wege geleitet, um möglichst schnell wieder an die Macht zu kommen. Bereits 2019 kontrollierte die afghanische Regierung nur noch 55 Prozent des Landes.

Die aktuelle Lage stellt den Westen auf jeden Fall vor eine neue Herausforderung und einige Fragen stehen im Raum: Wie soll man mit den neuen-alten Machtinhabern am Hindukusch umgehen? Was passiert, wenn die Taliban erneut Menschenrechte mit Füßen treten? Und wie soll ein etwaiger Flüchtlingsstrom geregelt werden? Wie werden Russland und China sich gegenüber den neuen Machtinhabern verhalten? Alles Fragen, die noch nicht endgültig geklärt sind.

Die jetzige Machtübernahme der Taliban stellt den Westen und vor allem die Nato vor einen Scherbenhaufen.

Letzte Woche gaben sich die Taliban noch kompromissbereit und versöhnlich. Ihr Sprecher Sabiullah Mudschadid versicherte, seine islamistische Bewegung lasse auch andere politische Kräfte an der Macht teilhaben. Viele Afghanen befürchten allerdings, dass es wieder zu einer Schreckensherrschaft wie in den 1990ern kommen wird. Auch weil die Taliban bereits Gewalttaten ausüben und vornehmlich gegen die Teile der Bevölkerung vorgehen, welche in den letzten Jahrzehnten mit den ausländischen Streitkräften kooperierten, egal ob als Dolmetscher, Fahrer oder Journalisten. Die Angst vor dem Terror erklärt die panikartigen Fluchtversuche mit den dramatischen Bildern vom Flughafen von Kabul, ungeachtet der Tatsache, dass viele westliche Länder aktuell Evakuierungsflüge unternehmen. Afghanistan steht auf jeden Fall erneut vor einem historischen Schritt. Dabei ist die Geschichte des Landes von Konflikten und Stellvertreterkriegen historischen Ausmaßes geprägt.

Schon nach dem Rückzug von Napoleons Armee aus Russland war das Land ein Teil eines Konfliktes, welcher als „The Great Game“ bezeichnet wird, bei dem sich Russland und Großbritannien zwischen 1813 und 1917 um die Vorherrschaft in Zentralasien stritten. 1919 wurde Afghanistan dann erstmalig als souveräner und unabhängiger Staat anerkannt. Unter dem König Mohammed Zahir Schah wurde das Land in den 60ern modernisiert, blühte regelrecht auf und erlebte erstmals in seiner bewegten Geschichte Frieden und Stabilität. Eine Zeit, an die sich auch heute noch einige Afghanen sicherlich mit Wehmut erinnern werden.

Als 1973 Mohammed Daoud sich an die Macht putschte und die Republik ausrief, begann der erneute Abstieg Afghanistans. Nachdem Daoud ebenfalls durch einen Putsch abgesetzt wurde, versuchte Nur Muhammad Taraki mit der Unterstützung der Sowjetunion die Gesellschaft weitestgehend umzugestalten, was zu Widerstand in verschiedenen Regionen stieß und nicht zuletzt in einem Bürgerkrieg mündete. 1979 marschierten dann die sowjetischen Truppen ein, was in einen Guerillakrieg zwischen afghanischen und sowjetischen Regierungstruppen auf der einen und den von den westlichen Kräften (vor allem den USA) mitfinanzierten, ausgebildeten und mit Waffen unterstützten Mujaheddin, die sich aus verschiedenen islamistischen Guerillagruppierungen zusammensetze, auf der anderen Seite, mündete. Ziel der amerikanischen Unterstützung der Mujaheddin war es vornehmlich, die Sowjetunion wirtschaftlich und militärisch zu schwächen, was gelang. Die hohen Verluste auf der Seite der russischen Armee führten zum einen in der Sowjetunion zu Protesten gegen den Krieg, zum anderen sorgten sie dafür, dass die sowjetische Regierung ab 1988 begann die eigenen Truppen zurückzuziehen, nicht zuletzt, um nicht vollständig das Gesicht zu verlieren.

Was in Afghanistan zurückblieb, war ein Macht-Vakuum in einem Land, wo der Krieg zwischen verfeindeten Milizen tobte und wo keine der Parteien es schaffte eine Mehrheit der Bevölkerung hinter sich zu bringen. Zwar gelang es den Mujaheddin 1992, Afghanistan weitestgehend militärisch unter ihre Kontrolle zu bringen und auch die Hauptstadt Kabul zu erobern. Doch anschließend bekriegten sich die unterschiedlichen Mujaheddin-Gruppierungen untereinander. Aus diesem Konflikt wiederum gingen dann die fundamentalistischen Taliban relativ schnell als Sieger hervor. Zum einen, weil sie der kriegsmüden Bevölkerung eine Aussicht auf Ruhe und Ordnung boten, zum anderen, weil sie massiv von Pakistan aus mit Geld und Waffen beliefert wurden. 1996 übernahmen die Taliban so erstmals die Macht.

Es folgte ein strenges Regime mit totalitären Zügen, der Unterdrückung von jeglicher Opposition, der Missachtung von Menschenrechten (vor allem Frauen und Mädchen wurden fast vollständig aus der Öffentlichkeit verbannt) und strenge Verhaltensvorschriften, die von einer eingerichteten Religionspolizei überwacht und bei Zuwiderhandlung streng bestraft wurden. Die Taliban erlaubten außerdem unterschiedlichen dschihadistischen Gruppierungen, ihre Hauptquartiere mit Trainingslagern auf afghanischem Boden zu etablieren. Eine diese terroristischen Gruppierungen war al-Qaida rund um ihren Anführer Osama Bin Laden, die auch dank der Unterstützung der Taliban die Anschläge vom 11. September 2001 verübten. Im Oktober desselben Jahres setzten die Amerikaner zum militärischen Gegenschlag an und zerschlugen den Taliban-Staat, allerdings ohne dass die Taliban völlig in der Versenkung verschwanden. Sie formierten sich im Exil im Pakistan neu und begannen ab 2006 Anschläge in Afghanistan zu verüben, sowohl auf die fremden Militärs als auch auf die Zivilbevölkerung, wo gezielt progressive Politiker und Aktivisten ins Visier genommen wurden.

Die jetzige Machtübernahme der Taliban stellt den Westen und vor allem die Nato vor einen Scherbenhaufen. Nicht nur, weil die langwierig von der Nato ausgebildete Armee kaum Widerstand gegen die Taliban leistete – was sich vor allem dadurch erklärt, dass sie sowohl zahlenmäßig (85.000 Soldaten gegenüber 200.000 Taliban) als auch materiell den selbsternannten Gotteskriegern unterlegen war – sondern auch, weil die ganze Region erneut destabilisiert ist, was nicht zuletzt in Afghanistan selbst zu einer humanitären Krise führen könnte. Viele Länder – darunter auch Luxemburg – wollen vorerst ihre Entwicklungshilfe gerade deshalb nicht stoppen. Die Lage im Afghanistan ist aktuell noch undurchsichtig und ob das Land wirklich zu Ruhe kommt, ist mehr als fraglich, denn auch wenn die Bevölkerung kriegsmüde ist, Opposition gegen die jetzt regierenden Taliban wird es sicherlich geben.

Foto: US Marine Corps

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Author: Dario Herold

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