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Zurück ins Leben

Ob Jugendliche ab zwölf Jahren mit dem Impfstoff von BionTech und Pfizer gegen Covid-19 geimpft werden sollen, erregt zurzeit im deutschen Nachbarland die Gemüter. Dr. Isabel de la Fuente Garcia hält die Impfung von Teenagern für sinnvoll.

Die European Medicines Agency (EMA) hat den Corona-Impfstoff von BionTech und Pfizer für Jugendliche zwischen zwölf und 15 Jahren zugelassen. Was bedeutet das für Luxemburg?

Es bedeutet, dass wir in der Lage sind, unsere Teenager zu impfen. Im Moment sind wir im CSMI noch am Diskutieren, welchen Einsatz des Impfstoffes wir empfehlen, mit welcher Priorisierung und bei wem wir beginnen. Ich hoffe, dass wir damit kommende Woche fertig sind. Generell kann ich aber sagen, dass wir eine Impfung von Teenagern befürworten, wobei wir wohl mit denen beginnen sollten, die andere gesundheitliche Probleme oder Vorerkrankungen haben, die das Risiko für schwere Covid-Verläufe erhöhen.

Aber prinzipiell haben Sie keine Einwände?

Nein, wenn wir genügend Impfstoff haben, können wir die Teenager in Luxemburg in den nächsten Wochen impfen.

Wenn sie und ihre Eltern das wollen…

Ja, natürlich, es gibt ja keine Impfpflicht in Luxemburg. Es geht nur mit der Einwilligung der Eltern. Dafür ist es aber notwendig, ihnen vorher alle wichtigen Informationen zu geben und die Vorteile aufzuzeigen, die eine Impfung der Teenager hat. Es ist ja nicht so, dass Kinder und Jugendliche besonders gefährdet sind bei einer Covid-Infektion. Es sind ja eher die alten Menschen, die zu den Risikogruppen gehören. Deshalb müssen Eltern verstehen, warum es trotzdem sinnvoll ist, Jugendliche zu impfen.

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Warum ist es sinnvoll, wenn sie doch selbst kaum gefährdet sind?

In erster Linie geht es sicherlich darum, ihre Gesundheit zu schützen. Damit sind auch seltene Komplikationen oder die Entwicklung eines Long Covid gemeint. Hinzu kommt aber, dass Kinder und Jugendliche so schnell wie möglich zu einem normalen Leben zurückkehren müssen. Sie sollen wieder sicher in die Schule gehen, Sport und Musik machen und Freunde treffen können. Durch die Impfung können wir verhindern, dass sie sich untereinander anstecken. Das gesamte letzte Jahr war eine sehr schwierige Zeit für Teenager. Sie müssen endlich wieder in ihr normales Leben zurück.

Sie sagten, Sie seien im CSMI noch immer in den Diskussionen. Gibt es andere Meinungen? Vielleicht welche, die sagen, die Impfung sei zu gefährlich?

Nein, wir alle setzen voraus, dass die Impfung sicher ist. Es wurden gute Erfahrungen mit dem Impfstoff gemacht. Niemand will junge Menschen einem Risiko aussetzen. Deshalb werden Adenovirus-basierte Impfstoffe wie der von AstraZeneca wegen ihrer seltenen Nebenwirkungen im Moment nicht mehr auf die Eignung für Teenager getestet.

Meinen Sie die Hirnvenenthrombosen, die bei einigen Geimpften aufgetreten sind?

Ja, deshalb wurden die Tests an Jugendlichen für den Moment gestoppt. Niemand will da etwas riskieren. Bei den mRNA-Vakzinen wie dem von BionTech und Pfizer sieht es anders aus. Dieser Impfstoff wurde bereits Millionen Mal auf der ganzen Welt verimpft und scheint sehr sicher zu sein. BionTech und Pfizer haben selbst eine Studie zu Teenagern gemacht, daran waren etwas mehr als 2.000 Probanden beteiligt. Es gab einige Impfreaktionen wie Kopfschmerzen und Fieber, aber keine schweren Nebenwirkungen. Deshalb haben wir keine Sicherheitsbedenken bei dem Impfstoff.

Das scheint jetzt keine bedeutend große Gruppe zu sein…

Das ist richtig. In einer Studie mit 2.000 Probanden ist es fast selbstverständlich, dass es seltene schwere Nebenwirkungen kaum zu beobachten gibt. Das sind einfach zu wenige. In den USA werden aber Teenager schon seit Anfang Mai geimpft. Von schweren oder lebensbedrohlichen Impfreaktionen und Nebenwirkungen wurde nichts berichtet. Bei den mRNA-Impfstoffen wird die RNA recht schnell im Körper zerstört. Die meisten Nebenwirkungen treten also sehr schnell, etwa innerhalb einer Woche nach der Impfung auf. Wir werden aber alle Folgen der Impfungen beobachten und dokumentieren. Sollten schwere Reaktionen auftreten, würden wir die Impfempfehlung für Teenager sofort zurückziehen. Im Moment stellt sich eigentlich nur die Frage, wer am schnellsten eine Impfung braucht. Sollten wir unsere Teenager impfen oder doch lieber den Impfstoff nach Indien bringen? Das ist eher die Debatte.

Da geht es also um die Knappheit der Impfstoffe?

Genau. Aber wenn wir doch empfehlen, Teenager zu impfen, dann deshalb, weil wir uns hier selbst im Moment in einer Notsituation befinden. Aufgrund der Impfungen verbessert sich die Situation gerade, aber es ist noch nicht lange her, dass Schulen, Shops und Restaurants geschlossen waren. Teenager jetzt zu impfen, wird helfen, die Verbreitung des Virus in der gesamten Bevölkerung unter Kontrolle zu bringen, wodurch wir diese Ausnahmesituation, in der wir uns befinden, überwinden können. Nächstes Jahr, wenn die Pandemie unter Kontrolle ist und wir uns dazu entscheiden müssen, die Bevölkerung ein drittes oder viertes Mal zu impfen, können wir vielleicht sagen, dass wir Teenager gar nicht mehr impfen wollen. Denn das Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken, ist für sie wirklich sehr gering. Aber dann haben sie ja bereits ihr Leben wieder. Die Jugendlichen jetzt zu impfen, ist sinnvoll, um die Pandemie schnell zu beenden.

Das heißt, Sie empfehlen die Impfung nicht nur als persönlichen, sondern als gesellschaftlichen Schutz.

Wir impfen Teenager zu ihrem eigenen Schutz, aber auch und vor allem um die Pandemie unter Kontrolle zu bekommen. Es ist eine Notsituation, in der man andere Entscheidungen treffen muss. Junge Menschen repräsentieren eine große Gruppe an Menschen, die infiziert sind. Die Infektionen unter jungen Menschen und Teenagern sind zahlreich. Wenn wir die Verbreitung des Virus nicht stoppen, wird das Virus auch weiter mutieren. Und dann könnte es an einem bestimmten Punkt passieren, dass die Impfungen einen schlechteren Schutz bieten. Deshalb müssen wir so schnell und so viele Menschen wie möglich impfen. Wir brauchen ein Schutzschild.

Wenn Sie über Mutationen sprechen, wäre es dann nicht sinnvoller, dafür zu sorgen, dass andere Länder Impfstoffe bekommen? Ein Schutzschild für Luxemburg oder Europa ist doch wenig sinnvoll, wenn sich in anderen Ländern Mutationen bilden, die sich von dort über die ganze Welt verbreiten.

Deshalb ist eine internationale Zusammenarbeit sehr wichtig. Aber politisch sehr schwierig, allein in Europa ist es schwierig, alle auf denselben Nenner zu bekommen. Es stimmt natürlich: Solange die Situation in Ländern wie beispielsweise Indien oder Brasilien so bleibt, wird es immer wieder zu uns zurückkommen. Trotzdem würde es jetzt keinen Unterschied machen, ob in Luxemburg die Teenager geimpft werden. Die Anzahl der Dosen würde für ein Land wie Indien nichts ändern. Zudem würde das Virus sich auch in Luxemburg weiterverbreiten. Deshalb muss es mehrere Lösungsmöglichkeiten geben. Die Produktion der Impfstoffe muss erhöht werden und wir müssen mit den anderen Ländern Absprachen treffen.

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„Ich denke, viele Eltern werden erleichtert sein, wenn ihre Kinder geimpft sind.“
– Isabel de la Fuente Garcia

Wie ist das mit Kindern unter zwölf Jahren? Wird es da bald einen Impfstoff geben?

Das ist noch ein anderes Thema. Die Schwere von Infektionen ist bei kleinen Kindern in der Regel weniger schlimm. Zudem haben sie weniger soziale Kontakte als Teenager. Dass die Impfstoffe für die Jugendlichen jetzt so schnell da sind, liegt daran, dass es die gleichen sind wie für Erwachsene. Ein Impfstoff für Kinder muss anders sein, deshalb dürfte das auch noch länger dauern. Warum? Weil ein anderer Impfstoff benutzt wird, zwar mit derselben Technologie, aber einer geringeren Dosierung. Wenn die richtige Dosierung gefunden wird, muss der Impfstoff erst einmal überprüft werden. Bei der Dosis für Teenager war das nicht mehr nötig, das Verfahren war bereits an Erwachsenen getestet worden.

Sind Jugendliche kleine Erwachsene?

Nein, wir Kinderärzte sagen immer, dass Kinder und Jugendliche genau das nicht sind. Sie haben ein sehr starkes Immunsystem. Bei vielen Impfstoffen haben gerade Jugendliche zwischen neun und 14 Jahren die stärkste immunologische Reaktion, sie produzieren am meisten Antikörper. Das hat auch die Studie von BionTech und Pfizer gezeigt. Auf viele Impfstoffe, die für Erwachsene hergestellt wurden, reagieren Jugendliche sehr gut. Zum Beispiel bei Hepatitis oder Tetanus. Für alle diese Impfungen wird die Dosis für Erwachsene auch bei Jugendlichen benutzt. Das gleiche gilt für Medikamente. Ich denke, viele Eltern werden erleichtert sein, wenn ihre Kinder geimpft sind.

Wie werden in Luxemburg eventuell auftretende Nebenwirkungen der Impfung dokumentiert?

Wir haben dafür ein zentrales elektronisches Register für Impfungen entwickelt, in dem die Daten und Angaben der Geimpften gesammelt werden. Das wollten wir eigentlich schon lange auch für andere Impfungen haben. Mit dem Register kann endlich eine bessere Kontrolle erfolgen.

Fotos: Freepik, CHL

Schwierige Entscheidung

Spätestens nächste Woche will der CSMI (Conseil Supérieur des Maladies Infectieuses) seine Empfehlung betreffend Corona-Impfungen bei Jugendlichen ab zwölf Jahren abgeben. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird diese als „Daumen hoch“ ausfallen. Die Impfung mit dem Wirkstoff von BionTech und Pfizer wird dann, sofern gewünscht, für alle Menschen ab zwölf Jahren erhältlich sein. Die Gründe des CSMI sind einfach: Das Team aus Wissenschaftlern und Ärzten setzt auf die Herdenimmunität, um das Leben von allen möglichst schnell wieder zu normalisieren. Im Interview erklärt die Vizepräsidentin ausdrücklich, dass Teenager zwar sehr selten eine schwere Covid-Infektion durchlaufen, sie aber die Infektion weitertragen können. Zurzeit seien Impfungen von Teenagern deshalb sinnvoll.

In Deutschland wird die Sachlage vorsichtiger bewertet. Viele Kinderärzte und -ärztinnen raten von einer Impfung von Heranwachsenden ab. Auch die Ständige Impfkommission gibt sich zögerlich und empfiehlt die Impfung vorerst für vorerkrankte Jugendliche. Sie alle stellen die persönliche Gesundheit eines Kindes vor den Auftrag, mit einer Impfung andere zu schützen. Feststeht, dass Kinder und Jugendliche äußerst selten an einer schweren Infektion von Covid-19 leiden. Vereinzelt gab es in einigen Ländern (nicht in Luxemburg) zwar Tote unter Jugendlichen, aber weniger als in jeder Grippesaison. Und eine Impfempfehlung gegen Grippe besteht trotzdem nicht. Zudem ist bislang nichts über eventuelle Spätfolgen des Impfstoffes bekannt. Was wenig verwunderlich ist, da er erst seit einem halben Jahr verwendet wird.

Die Vermutung, Kinder und Jugendliche würden zu den Superspreadern des Virus gehören, lässt sich übrigens bislang nicht bestätigen. Im Gegenteil. Untersuchungen in Deutschland und Israel haben gezeigt, dass Kinder und Jugendliche viel weniger zur Verbreitung des Virus beitragen als Erwachsene. Nachzulesen ist das im deutschen Wochenmagazin „Zeit“ von letzter Woche. Dort heißt es: „Die Route des Virus dürfte in Wahrheit von den Älteren zu den Jüngeren führen.“ Die Entscheidung ist also schwierig. Überlassen bleibt sie den Eltern, eine Impfpflicht gibt es nicht.

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

Author: Dario Herold

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