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Zurück ins Mittelalter?

Viele Menschen meinen, Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern sei längst erreicht und kein Thema mehr. Dabei zeigen Statistiken und Erfahrungen von Frauen, dass dem nicht so ist. Auch im Krieg in der Ukraine dominieren patriarchale Strukturen.

Als vor einigen Wochen der US-amerikanische Schauspieler Will Smith seinem Kollegen Chris Rock bei der alljährlichen Oscarverleihung auf offener Bühne und vor einem Millionenpublikum eine Backpfeife verpasste, war der Aufschrei groß. „Wie kann er nur? Muss diese Gewalt sein? Hat sich der Kerl einfach nicht im Griff? Man kann ihn aber auch verstehen: Der Witz auf Kosten seiner kranken Frau war wirklich voll daneben…“ So und so ähnlich lauteten die Kommentare in Zeitungen und Sozialen Medien.
Da macht ein Mann einen blöden Witz über die geschorene Glatze einer Frau, woraufhin ihr Ehemann dem blöden Witzemacher eine reinhaut. Dass erwähnte Frau an krankhaftem Haarausfall leidet und deshalb ihr Kopfhaar gleich ganz rasiert, ist vollkommen zweitrangig. Das eigentlich Erstaunliche ist doch die Tatsache, dass ein Mann es überhaupt kommentiert, wenn eine Frau Glatze trägt. Als wäre es ein unumstößliches Gesetz, dass Frauen lange oder zumindest längere Haare tragen müssten. Dabei steht Jada Pinkett Smith diese Glatze richtig gut, man könnte fast behaupten, sie hat nie besser ausgesehen.

Während also ein Mann einer Frau nicht zugesteht, seinem Bild von einer Frau nicht zu entsprechen, gesteht der andere ihr nicht zu, sich selbst zu verteidigen. Auf die Bühne zu gehen und dem vermeintlichen Bösewicht ins Gesicht zu schlagen, mag er als Zeichen von Stärke gesehen und zur Befriedigung seines Beschützerinstinkts verstanden haben. Doch eigentlich hätten sich die Männer nach ihrem Stelldichein direkt in die Arme fallen oder genussvoll abklatschen können. „Well done, buddy“, hätten sie gesagt und damit beeindruckend bewiesen, wie wenig Respekt und Toleranz sie gegenüber einer Frau – und vermutlich den meisten anderen Frauen gegen-
über – verspüren.

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Vielen Menschen – Männernn und Frauen – ist gar nicht bewusst, wie frauenfeindlich sie sich verhalten.

 

Frauenfeindlichkeit hat viele Gesichter. Sie äußert sich in Bevormundung, mangelndem Vertrauen in die Fähigkeiten, Sexismus, Rollenstereotypen und bestimmten Erwartungen. Sie ist immer abwertend und kann dabei sogar gut gemeint sein. Vielen Menschen – Männern und Frauen – ist gar nicht bewusst, wie frauenfeindlich sie sich verhalten. Sie machen Frauen Komplimente über ihr Äußeres, unterstellen ihnen bestimmte Verhaltensweisen aufgrund ihres Frau-seins oder sprechen ihnen aus dem gleichen Grund welche ab. Frauen, die sich nicht so verhalten, wie es erwartet wird, werden als zickig, schwierig, problembelastet oder als „keine richtige Frau“ bezeichnet. Wird diesen Menschen Sexismus vorgeworfen, wiegeln sie ab. „Ich? Frauenfeindlich? Jetzt hör aber mal auf“, heißt es. Und dann brechen sie ihr frauenfeindliches Verhalten auf den Einzelfall hinunter, ohne zu merken, dass sie dabei das System unterstützen.

Das System ist Jahrtausende alt und heißt Patriarchat. Es definiert ein Gesellschaftssystem voller Werte, Normen und Verhaltensmustern, das von Männern geprägt und kontrolliert wird. Das alte Rom war ein viel zitiertes Beispiel für gelebte Demokratie. Frauen hatten dabei nichts zu sagen, sie wurden – genau wie alle anderen Menschen, die nicht zum Bürgertum gehörten – von allen Aktivitäten, die außerhalb des eigenen Hauses lagen, ausgeschlossen. Es gibt viele solcher Beispiele, bis heute sind patriarchale Gesellschaftssysteme die Regel. Und wenn es dann doch eine Frau an die Spitze einer Regierung oder eines Unternehmens schafft, so bleibt diese Tatsache trotzdem, was sie ist: die Ausnahme.

Beispiel: Frauenquote. Die Quote ist wichtig, weil Frauen in männerdominierten Bereichen kaum ein Bein auf den Boden bekommen. Etliche Studien zeigen, dass Männer dazu neigen, Jobs an Menschen zu vergeben, die ihnen ähneln, die also Mann sind (meistens spielen sexuelle Orientierung und Nationalität zusätzlich eine Rolle). Ohne Frauenquote hätten Frauen also eingeschränkte Chancen. Doch viele Männer sind unzufrieden, wenn eine Frau aufgrund einer Quote karrieretechnisch an ihnen vorbeizieht. Und viele erfolgreiche Frauen verneinen, ihren Erfolg einer Frauenquote zu verdanken und meinen klarstellen zu müssen, aufgrund ihrer Fähigkeiten und nicht wegen ihres Geschlechts eingestellt oder befördert worden zu sein. Beide unterstützen das System: die einen, indem sie so tun, als gäbe es neben der statistischen Wahrheit noch eine andere, in der Frauenförderung in Einzelfällen ungerecht ist, und die anderen, indem sie so tun, als würde es sie gar nichts angehen, als würden sie außerhalb dieses Systems stehen.

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Anderes Beispiel: Gendersternchen. Während viele junge Menschen die weibliche Form im Deutschen sowohl beim Schreiben als auch beim Sprechen mitbenutzen, als wäre es schon immer so gewesen, haben die meisten älteren Semester damit Schwierigkeiten. Sie wollen die deutsche Sprache nicht verhunzen, sagen die einen. Die anderen machen sich lustig über das Anhängsel „-innen“. Zahlreiche Studien haben ergeben, dass Kinder, denen die weibliche Form bestimmter Berufsbezeichnungen vorenthalten wird, denken, dass Ärzte, Piloten und Ingenieure immer Männer sind. Berufe, die tatsächlich mehrheitlich von Frauen ausgeübt werden, werden auch meist in ihrer weiblichen Form beschrieben. Krankenschwester, Erzieherin, Flugbegleiterin. Oder „Joffer“, der noch immer gebräuchliche Ausdruck für eine Lehrerin an einer luxemburgischen Grundschule.

Nach nun etlichen Jahrzehnten Frauenbewegung scheinen viele die Nase voll zu haben. „Was wollt ihr denn noch? Langsam ist aber mal gut. Ist doch alles schon tutti“, bekommen Menschen zu hören, die nicht müde werden, darauf hinzuweisen, dass eine echte Gleichberechtigung noch immer nicht erreicht wurde. Dass Männer in gleichen Berufen mehr verdienen, dass Frauen mehr Care-Arbeit verrichten, sich mehr um Kinder und Haushalt kümmern, beruflich weniger Chancen haben und ihre Meinungen und Ansichten sowohl im Beruf als auch im Privaten oft ignoriert und übergangen werden. Zudem haben sie ein zehnmal höheres Risiko, Opfer von häuslicher Gewalt zu werden als Männer. Nachdem im Frühjahr vergangenen Jahres die 33-jährige Sarah Everard mitten in London von einem Polizisten entführt, vergewaltigt und ermordet worden war, rieten offizielle Stellen Frauen, ihre Wohnungen abends und nachts nicht mehr zu verlassen. Als sei es ein Naturgesetz, dass Männer sich nicht im Griff haben und Frauen Freiwild sind, das sich nur dadurch schützen kann, im sicheren Versteck zu bleiben. (Was dazu noch gar nicht so sicher ist, weil jede dritte bis vierte Frau Opfer von häuslicher Gewalt wird.)

Isabelle Schmoetten und Claire Schadeck sind Politikbeauftragte bei CID/Fraen a Gender, dem feministischen Informations- und Dokumentationszentrum in Luxemburg-Stadt. Feminismus sei komplexer geworden, sagen sie auf die Frage, ob wir uns wieder auf dem Weg zurück ins Mittelalter befinden. Auf den Gedanken kann man nämlich leicht kommen, allein, wenn man die Zeitung aufschlägt und lauter wichtige Männerköpfe aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft sieht und ihre Aussagen überall zitiert werden. Und wenn Statistiken zeigen, dass vor allem Frauen und Kinder gefährdet sind, in Armut abzurutschen, was durch die Pandemie verschärft wurde, oder ihnen – wie jetzt wieder in Afghanistan, aber auch in einigen afrikanischen Ländern wie Südsudan, Niger oder Tschad – gleich ganz verboten wird zu arbeiten, beziehungsweise junge Mädchen nicht mehr in die Schule gehen dürfen. Oder wenn in den USA der mehrheitlich konservative Surpreme Court demnächst wohl entscheiden wird, die Abtreibungsgesetze in die Hände der einzelnen Bundesstaaten zu legen und damit zu rechnen ist, dass die Hälfte der Staaten ein sofortiges Abtreibungsverbot erlässt.

Hat der Feminismus versagt? „Es ist alles viel komplexer geworden“, sagt Isabelle Schmoetten. „Beim Einsatz für das Wahlrecht war die Sachlage eindeutig. Das waren die Basics. Auf den ersten Blick wirkt es tatsächlich etwas hoffnungslos, weil es immer wieder dieselben Probleme gibt und man immer wieder auf dasselbe Thema stößt, aber wenn man etwas genauer hinschaut, sieht man schon, dass sich etwas verändert, dass es doch Fortschritte gibt. Die jungen Frauen heutzutage haben das Thema bereits sehr stark verinnerlicht.“ Claire Schadeck fügt hinzu: „Es gibt nicht nur einen Mechanismus, es ist alles verwoben. Der Kapitalismus baut auf Rassismus auf, auf die Ausbeutung von Schwarzen Menschen, darunter sind viele Frauen und Kinder. Da spielt das patriarchale System mit hinein. Es gibt ein Riesennetz an Strukturen, das wir versuchen müssen aufzubrechen.“

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Isabelle Schmoetten (l.) und Claire Schadeck sind Politikbeauftragte des feministischen Informations- und Dokumentationszentrums CID/Fraen a Gender.

 

Der Krieg in der Ukraine sei ein gutes Beispiel dafür, wie die männlich dominierten Machtstrukturen des Patriarchats funktionieren. Es wird aufgerüstet, als sei es das normalste der Welt. „Wir brauchen eine feministische Außenpolitik“, sagt Claire Schadeck. Würden Frauen eine andere Außenpolitik machen? „Naja, nur weil eine Frau eine Entscheidung trifft, ist es noch keine feministische Entscheidung. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau ihre eigene Erfahrungswelt mitsamt gendersensiblen Themen miteinfließen lässt, ist zwar groß, aber es gibt dafür keine Garantie. Auch Männer können feministische Außenpolitik machen.“

Feministische Außenpolitik ist also keine Politik ausschließlich von oder für Frauen, sondern ein Gegenentwurf zum bestehenden System. Ziel und Aufgabe sind es, inklusiv zu agieren, mit divers aufgestellten Teams und unterschiedlichen Sichtweisen, eine weiße Frau unter lauter Männern reicht dabei nicht aus. Ende April hatte CID/Fraen a Gender Kristina Lunz – Co-Gründerin Centre for Feminist Foreign Policy in Berlin – eingeladen, um über ihr neues Buch „Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch“ zu referieren. Die eigentlich in Präsenz geplante Veranstaltung wurde aufgrund einer Corona-Erkrankung kurzfristig in ein Video-Meeting verlegt, mit dem Vortrag wollte CID/Fraen a Gender „eine alternative Stimme im Diskurs präsentieren, in dem vor allem Männer erklären, warum man unbedingt Krieg führen muss“, sagt Isabelle Schmoetten.

Kristina Lunz geht es nicht um bedingungslosen Pazifismus, sondern um eine, wie sie sagt „menschliche statt militärische Sicherheit“. Und um Gewalt. Als zum Beispiel der deutsche Bundeskanzler Scholz vor wenigen Wochen verkündete, ein 100-Milliarden-Euro-Paket in die marode Bundeswehr zu stecken, sei das ihrer Meinung nach durchaus legitim gewesen. Doch eine feministische Außenpolitik würde darüber hinaus den gleichen Betrag in Friedensarbeit, internationale Zusammenarbeit und Diplomatie investieren. Sich allein auf militärische Abschreckung zu verlassen, löse das Problem nicht. „Durch Waffen wird die Gewalt noch effizienter gestaltet. Im Patriarchat hat Gewalt System, Hierarchien und die Vormachtstellung von Männern in Staat und Familie werden mit Gewalt umgesetzt, und die Gewalttäter kommen meist straffrei davon. Weiße Männer kennen diese Gewalt nicht, weil sie sie selbst nie erlebt haben. Doch je mehr Gewalt in einem Staat geschieht, desto gewaltbereiter ist er anderen Ländern gegenüber.“

Es sei wichtig, sich das bewusst zu machen, sagt Claire Schadeck. „Es gibt eine Verbindung zwischen der Form von Gleichberechtigung innerhalb eines Staates und seiner Bereitschaft, Gewalt auszuüben. Viele Menschen denken, dass die Leute an der Spitze eines Landes dafür verantwortlich sind, wenn es mit der Gleichstellung bergab geht, aber es zeigt sich, dass wir, wenn wir Gleichstellung erreichen wollen, bei der Zivilbevölkerung anfangen müssen.“ Ein struktureller Wandel müsse her, und der muss bei jedem selbst beginnen.

Ganz so einfach wird das sicherlich nicht. Man muss sich nur die Wahlergebnisse in vielen Ländern der Welt ansehen: Es gibt einen Hang zur Abgrenzung, zu Nationalismus und dem Versprechen von alten, konservativen Werten, die Sicherheit bieten sollen. Scheinbar gibt es im Moment jede Menge Probleme, mit denen wir uns beschäftigen müssen, Frauenfeindlichkeit steht auf keiner Agenda ganz oben. Doch das ist ein Fehler. Denn eigentlich hängt alles miteinander zusammen. „Ohne Feminismus kann es keinen nachhaltigen Frieden geben“, sagt Kristina Lunz. Es lohnt sich, darüber nachzudenken.

Fotos: Julien Garroy (Editpress), Gayatri Malhotra, Markus Spiske (Unsplash), CID/Fraen a Gender

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

Author: Dario Herold

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