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Zwei Jahrhunderte Urbanisierung

Ein neuer Stadtführer zur Architektur und Geschichte von Esch erzählt die rasante Entwicklung vom ländlichen Dorf zur Industriellen- und schließlich zur Arbeiterstadt.

Eine große sumpfige Wiese, wo heute der Brillplatz ist. Vorgärten in der Alzettestraße. Hakenkreuze und zum Hitlergruß gereckte Arme in den Redaktionssälen des Tageblatts, dessen Ausrichtung zeitweise den Nationalsozialisten zum Opfer fiel. Das historische Bildmaterial, dass die Autoren des Stadtführers „Esch/Alzette – Geschichte und Architektur“ gesammelt haben, ist beachtlich.

Etwas Zeit braucht es, sich in die Struktur des Buches einzuarbeiten, zu verstehen, wo was zu finden ist. Eine Herausforderung für das Autorenteam. Denn die Architektur einer Stadt ist nicht linear gewachsen und außerdem wollen sie nicht nur Gebäude vorstellen, sondern auch die Geschichte und die Personen, die dahinterstehen. Durch die Linse der städtebaulichen Entwicklungen erzählen sie das Wachstum der Stadt, die Dynamiken in der Escher Bevölkerung über die Jahrhunderte, das kulturelle Erbe und seine Hintergründe.

Kanalisationsarbeiten in der Alzettestraße im Jahr 1916

Kanalisationsarbeiten in der Alzettestraße im Jahr 1916

Diese Tour beginnen Historiker Denis Scuto von der Uni Luxemburg und sein Team am Anfang des 18. Jahrhunderts, als Esch/Alzette ein Dorf mit 810 Einwohnern war, die vor allem von der guten Ernte an Weizen, Roggen, Hafer und Gemüse lebten. „Die Einwohner sind sehr fleißig“, schrieb Historiker François-Xavier Wurth-Paquet 1845, auch in Bezug auf die Industrie, die Gerberei, die Getreide- und Ölmühle, den Einzelhandel, der dank der Grenznähe schon damals florierte. Im Laufe des Jahrhunderts wuchs das Dorf zu einer Stadt mit über 10.000 Einwohnern an, Strohdächer wichen Ziegeln und Schiefer, neue Stadtteile entstanden und Esch wurde zu einer Industriellenstadt. Mit der Eisenbahnanbindung ab 1860 und dem Beginn des Eisenerzabbaus machten sich neben einer wachsenden Arbeiterklasse auch viele Industrielle ein Heim in Esch. So wurde Ende des Jahrhunderts die Straße Am Duerf in Rue du Commerce umbenannt – der Name war Programm, Cafés, Restaurants, Hotels und Konditoreien bezogen das Viertel Al Esch. Im Jahr 1870 gab es in Esch 31 Cafés. Erste Herrenhäuser schmückten um die Jahrhundertwende das Stadtviertel mit Türmchen, Erkern und Giebeln, so zum Beispiel die Maison Lefèvre von 1900 (am heutigen Boulevard Kennedy).

Postkarte der Brillstraße um 1900

Postkarte der Brillstraße um 1900

In den nächsten 20 Jahren verdoppelte sich die Einwohnerzahl von Esch. Die städtebaulichen Herausforderungen, die diese Explosion mit sich brachte, sollte der Diekircher Architekt Paul Flesch bewältigen. Er wurde der erste Escher Stadtarchitekt und ersetzte das Durcheinander kleiner Handwerker- und Tagelöhnerhäuser durch ein großzügiges Stadtzentrum mit angrenzenden öffentlichen Plätzen. Auf sein Konto gehen das Brill-Viertel, die Alzettestraße als Flaniermeile, die Aufstockung der Wohn- und Geschäftsgebäude im Zentrum. Auch die Umleitung und Beerdigung der Alzette war Fleschs Kopf entwachsen. So war zwar der Fluss futsch (und bleibt es leider bis heute), doch dafür Platz zum Flanieren und für architektonische Blüten geschaffen. In der Alzettestraße gesellte sich ein Neo zum nächsten: Neoklassizismus, Neogotik, die Neorenaissance und der Neobarock, schließlich der Jugendstil wie beim Pfauenhaus an der Nr. 4. Die Vorgärten, wie sie heute noch in der Rue Louis Pasteur sind, mussten im Laufe der Zeit weichen und die Erdgeschosse der Wohnhäuser wurden zu Geschäftsflächen.

Bauarbeiten an der neuen Brillschule 1910-1911

Bauarbeiten an der neuen Brillschule 1910-1911


Die Brillschule heute

Die Brillschule heute

Der zweite große Kopf, der Eschs Urbanisierung maßgeblich vorangetrieben hat, war Alfred Lefèvre. Noch 1910 war der Brill eine große sumpfige Wiese mit der Alzette am Rand, zwischen der heutigen Kanalstraße und der Alzettestraße. Unternehmer Alfred Lefèvre ließ eine kleine Bahnlinie anlegen, beauftragte seine Arbeiter, Schlacke vom Hüttenwerk auf das Brill-Areal aufzuschütten und machte so den sumpfigen Boden stabil. Die Brillstraße wurde bis zur Kanalstraße verlängert und die Brillschule gebaut, bis heute die größte Grundschule des Landes. Lefèvre schloss auch die Brillstraße mit ihren Cafés an das Abwassersystem an.

Damit war die heutige Infrastruktur der Escher Innenstadt größtenteils geschaffen und der Stadtführer wird im nächsten Jahrhundert ausführlicher, geht stärker auf die prägenden Ereignisse und Zeitspannen ein. Er erklärt zunächst, wie der revolutionäre Auftrieb, der ab 1919 durch Europa und nach Esch fegte, besonders den Sozialisten Sitze im Gemeinderat einbrachte und sich auf den Wohnungsbau niederschlug. Es mag wenig trostvoll sein, doch die Wohnungsnot ist über ein Jahrhundert alt. Mit der Gründung der Arbed Anfang des 20. Jahrhunderts und der nicht enden wollenden Zuwanderung wurde Wohnraum knapp. Die Gemeinde Esch kaufte Grundstücke und baute. Der wirtschaftliche Aufschwung der 1920er Jahre begünstigte die Vorhaben. Als Reaktion auf die Wohnungsnot gründeten Arbed, der Staat, gemeinsam mit einigen Gemeinden und Unternehmen die „Gemeinnützige Anonyme Baugesellschaft für Billige Wohnungen“. Etwa hundert Wohnungen, im Stil bürgerlichen Häusern nachempfunden, doch kleiner, wurden bis 1938 gebaut, an der heutigen Rue Karl-Marx im Stadtteil Uecht und an der Rue de Mondercange nahe der Arbed Schifflingen. Die „billigen Wohnungen“ sollten verkauft werden, waren jedoch oft für die Arbeiter, denen sie bestimmt waren, zu teuer. Sie verschuldeten sich und vermieteten Zimmer unter, um den Kredit stemmen zu können. Probleme, für deren Lösung ein Jahrhundert nicht genug Zeit ist.

Text: Franziska Peschel // Fotos: Sammlung Musée national d’histoire et d’art, Archiv der Stadt Esch. Postkartensammlung/ Fotografische Sammlung, Christof Weber, capybarabooks

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Seit 2014 ist ein Architekturführer über Esch in Planung. Schon 2020 erschien die erste Version auf Französisch. Nun ist der Führer „Esch/Alzette – Geschichte und Architektur“ auch auf Deutsch erhältlich – keine reine Übersetzung, sondern ein neuer Guide. Das Autorenteam aus Geschichtsforscher Georges Buchler, Architekt Jean Goedert, Kunsthistorikerin Antoinette Lorang, Historikerin Antoinette Reuter, Historiker Denis Scuto und Fotograf Christof Weber haben die neue Version Anfang Dezember vorgestellt.

ISBN 978-99959-43-38-7, capybarabooks, 25 Euro, 504 Seiten

Author: Philippe Reuter