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Zweischneidiges Schwert

Ob Chatbots, Amazons Alexa oder Roboter in OP-Sälen: Künstliche Intelligenz ist nicht nur längst im Alltagsleben angekommen – sie ist auch Objekt zahlreicher Forschungsprojekte. Auch an der Universität in Luxemburg. Dabei geht es aber um mehr, als nur um maschinelles Lernen.

Der grüne Teppich sieht aus wie ein Kunstrasen, Tor und Bälle deuten auf ein Fußballfeld hin. Etwas aber ist anders als auf einem gewöhnlichen Spielfeld: Mehrere Computer und – Roboter stehen und liegen rum. In dem kleinen Raum im Untergeschoss der Maison du Nombre in Belval wird auch nicht trainiert, es wird geforscht. Unter anderem an künstlicher Intelligenz.

result_15Prof Dr. Christophe Schommer schießt einen der Bälle ins Tor – und lacht. „Ich bin eigentlich nicht gerne hier unten und meine Studenten auch nicht. Denn wer hält sich schon gerne in fensterlosen Räumen auf.“ Dennoch kommen die Wissenschaftler her, um zu arbeiten. Die kleinen Roboter sind nämlich keine Spielsachen, sondern Werkzeuge. Während die einen mit Sprachdaten gefüttert werden, sind die anderen sportlicher unterwegs, haben sie doch sogar an einer Weltmeisterschaft teilgenommen. Und so lustig das auch klingen mag, es ist kein Scherz. 2017 haben Forscher der Uni Luxemburg am RoboCup teilgenommen – und belegten Platz 9. Das übergeordnete Ziel der Initiatoren des Turniers: Eine Robotermannschaft zu entwickeln, die den amtierenden Fußballweltmeister besiegen kann. Und zwar bis 2050.

„Viele Unternehmen wollen heutzutage bei der K.I. mitmischen – ohne Hintergrundwissen zu haben, des Wettbewerbsvorteils wegen. Das ist höchstgefährlich.“ Christophe Schommer

In Belval sitzt Christophe Schommer mittlerweile wieder in seinem Büro, vor ihm auf dem Tisch ein elektronisches Schachspiel, im Regal dicke Wälzer mit Titeln wie „Künstliche Intelligenz: Ein moderner Ansatz.“ Eines der Standardwerke, das Schommer in seinen Vorlesungen nutzt. Seine Kurse – es sind insgesamt fünf – sind gut besucht, vergangenes Semester waren in diesen insgesamt 111 Studenten eingeschrieben, unterstützt wird er von seinem Team bestehend aus vier Postdoktoranden sowie drei Doktoranden.

Was die Studenten, von denen viele nach dem Abschluss im Industriebereich oder staatlichen Institutionen arbeiten, so alles machen? Ein Beispiel: „Deep Learning“. Das ist eine der Hauptmethoden des maschinellen Lernens, und dient in diesen Kursen nicht nur als Material für Klausuren, sondern wird auch angewendet. Vier Studentinnen von Schommer haben im vergangenen Semester an der künstlichen Erzeugung von Kunstwerken gearbeitet. Kunst – was das mit K.I. zu tun hat? Nun, in einem ersten Schritt haben die Forscherinnen den Computer mit Beispielbildern von Matisse und von van Gogh gefüttert. Dann wurden diese – durch spezielle Prozeduren – bis auf ihre jeweiligen Schlüsselmerkmale zerstört und auf dieser Basis wiederum neue Bilder erstellt. Das Ziel der Gruppe: Im Zuge von Esch2022 mittels künstlicher Intelligenz in ein solches Bild verwandelt werden. Das Projekt wurde eingereicht – auf eine Antwort wartet das Team aber noch. Ein ähnliches Bild hat in den USA 435.000 US Dollar auf einer Auktion eingebracht. Der Versuch, Shakespeare-Texte zu analysieren und mittels diesen neue Shakespeare-Texte zu kreieren – also ähnlich wie bei den K.I.-Kunstwerken – misslang den Wissenschaftlern. Dennoch – oder gerade deswegen – wird weitergeforscht, studiert und gearbeitet. Auch interdisziplinäre Projekte sind geplant, etwa jenes, Studenten der Medizin Kurse in maschinellem Lernen anzubieten. Aber auch im Bereich der Wetter- und Weltraumforschung kann K.I. wertvolle Dienste leisten.

Wo die Grenze zu ziehen ist zwischen menschlicher Leistung sowie der von Maschinen, diese Frage wird indes immer schwerer zu beantworten. Das gibt Schommer zu. „Es hängt davon ab, aus welcher Perspektive diese Entwicklungen betrachtet werden.“ Im medizinischen Bereich etwa kann die K.I sehr nützlich sein. So gibt es etwa Roboter, die dafür erschaffen worden sind, mit Kindern, die Autismus haben, zu interagieren. Er erzählt von einer Studie, bei der Bewohner eines Altersheimes teilgenommen haben. Eine von ihnen habe sich zwar sehr über das Projekt gefreut, aber nicht der Roboter wegen, sondern wegen der Besuche von Studenten, die die Batterien der Maschinen ausgetauscht haben. Ein großes Aber wirft der Professor jedoch mit in die Runde: „Viele Unternehmen wollen heutzutage bei der K.I. mitmischen – ohne Hintergrundwissen zu haben, des Wettbewerbsvorteils wegen. Das ist höchstgefährlich“, so Schommer.

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„Um bestehen zu können, werden vielleicht irgendwann Grenzen überschritten. Und das macht mir Angst.“ Christophe Schommer

Deswegen müsse – in Luxemburg und europaweit – unbedingt mehr Aufklärungsarbeit geleistet und noch mehr in Ausbildungen in diesem Bereich investiert werden. Und es gibt noch weiteren Handlungsbedarf: Schommer unterstützt das Netzwerk CLAIRE (Confederation of Laboratories for artificial Intelligence Research in Europe). Die Idee: Ein Zentrum zu errichten, das es ermöglicht, Forscher aus ganz Europa zusammenzubringen, den Austausch zu ermöglichen und langfristig an konkreten Projekten zu arbeiten. Und damit einen Gegenpol zu den USA, China und Indien schaffen. Bisher gäbe es in Europa fünf solcher Headquarters, Interesse an der Errichtung eines solchen in der Großregion sei bereits angekündigt worden. Auch auf Gesetzesebene müsse noch vieles passieren, so der Wissenschaftler. „Bereiche wie Medizin oder Militär dürfen auf keinen Fall sich selbst überlassen werden“, da ist sich Schommer sicher. Eine wichtige Rolle spielt auch die Ethik. Kontakt zu Ethikräten pflegt der Professor nicht nur in Luxemburg, sondern auch in Berlin, wo er ebenfalls lehrt. Fragen wie „Braucht es einen hippokratischen Eid oder einen TÜV für Roboter“ müssen ebenso beantwortet werden wie jene, ob und wie Gesetze für Menschen auf Roboter übertragbar sind.“ Die Veränderung des Arbeitsmarktes, die durch neue Technologien und die Digitalisierung kommen wird, müsse ebenfalls stärker thematisiert werden – auch und vor allem auf politischer Ebene. Ein großes Problem sieht Schommer im wirtschaftlichen Wettbewerb. „Um bestehen zu können, werden vielleicht irgendwann Grenzen überschritten. Und das macht mir Angst.“ Gesetzliche Vorlagen könnten jedoch bereits im Vorfeld dabei helfen – insbesondere für autonome Systeme – Grenzen zu setzen.

Die Frage, ob der Mensch denn nun Angst haben muss vor der Künstlichen Intelligenz, dass sie den Menschen kontrolliert oder gar gänzlich ersetzt, verneint er. „Das Ganze liegt in den Händen der Menschen selbst“, so Schommer. Denn, so erklärt er weiter: „Solange K.I. als Hilfssystem agiert und sie auch als solches betrachtet wird bzw. dem Menschen dient, sehe ich keine Gefahr.“

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In zehn bis 20 Jahren, so schätzt der Wissenschaftler, wird sich die Mensch-Roboter-Beziehung wohl schon sehr verändert haben. Wahrscheinlich wird es selbstfahrende Autos geben und viel mehr Hilfssysteme als heutzutage. Dennoch: Die Mensch zu Mensch Beziehung ist nicht ersetzbar und wird es so schnell wohl auch nicht sein. Wo die Reise mit der Künstlichen Intelligenz schlussendlich hingeht, betont er noch einmal, entscheiden immer noch die Menschen. Bis dahin sollte man die K.I. als das betrachten, was sie ist: ein zweischneidiges Schwert. 

Text: Cheryl Cadamuro / Fotos: Philippe Reuter (1), Uni.lu

Author: Martine Decker

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